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Verhaltensinventar zur Beurteilung exekutiver Funktionen für das Kindergartenalter (BRIEF-P)

von Monika Daseking und Franz Petermann (2013)

 

Einsatzbereich

  • 2 bis 6 Jahre
  • Einzeltest (Fremdeinschätzung)
  • Einsatz Heil- und Sonderpädagogik

Qualitätskriterien

Theoretische Fundierung Objektivität Reliabilität Validität
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis
Erläuterung Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. Die Ergebnisse sind zuverlässig. Belege zur Validität liegen vor.

Inhalt

Das BRIEF-P ist die deutschsprachige Vorschulversion des Behavior Rating Inventory of Executive Function (BRIEF) und richtet sich an Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren. Die Fremdbeurteilung erfolgt durch Eltern, Erzieher:innen oder anderes Betreuungspersonal und basiert auf der Beobachtung des alltäglichen Verhaltens zu Hause sowie im Kindergarten bzw. in der Kindertagesstätte. Ziel ist es, Auffälligkeiten in der Entwicklung exekutiver Funktionen bereits im Vorschulalter zu erfassen und dadurch frühzeitig geeignete therapeutische oder förderdiagnostische Massnahmen einzuleiten. Das Verfahren kann sowohl im Rahmen allgemeiner Entwicklungsabklärungen als auch bei verschiedenen Entwicklungs-, Lern-, Aufmerksamkeits-, Sprachentwicklungs- und psychischen oder neurologischen Auffälligkeiten eingesetzt werden.

Der Paper-and-Pencil-Fragebogen umfasst 63 Items und kann in etwa 10 bis 15 Minuten bearbeitet werden. Er erfasst mit fünf klinischen Skalen zentrale Bereiche exekutiver Funktionen: Inhibition, Aufmerksamkeitswechsel, emotionale Kontrolle, Arbeitsgedächtnis sowie Planen und Organisieren. Daraus werden drei übergeordnete Indizes gebildet, die die inhibitorische Selbstkontrolle, die Flexibilität sowie die metakognitive Entwicklung abbilden. Ein Gesamtwert zu den exekutiven Funktionen ermöglicht schliesslich eine zusammenfassende Einschätzung der Handlungssteuerung im Vorschulalter.

Theoretische Fundierung

Dem BRIEF-P liegt ein umfassendes neuropsychologisches Verständnis exekutiver Funktionen im Vorschulalter zugrunde. Diese werden als übergeordnete Steuerungsprozesse verstanden, die kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Prozesse bei der bewussten und zielgerichteten Bewältigung neuer Anforderungen regulieren (Carlson, 2005; Welsh & Pennington, 1988). Dabei werden exekutive Funktionen von eher basalen kognitiven Grundfertigkeiten wie der Sprachverarbeitung oder dem Gedächtnis unterschieden (z. B. Stuss & Benson, 1986). Drechsler (2007) beschreibt exekutive Funktionen als ein mehrdimensionales System, das verschiedene Ebenen der kognitiven und verhaltensbezogenen Regulation umfasst. Dazu gehören grundlegende Prozesse wie das Aufrechterhalten von Informationen, das Initiieren und Hemmen von Handlungen sowie der Wechsel der Aufmerksamkeit. Darüber hinaus werden komplexere Funktionen wie das Planen, Problemlösen, Überwachen und Organisieren von Handlungen berücksichtigt. Das Modell umfasst zudem die Regulation von Aktivität und Emotionen sowie die Steuerung sozialer Prozesse. Exekutive Funktionen beziehen sich somit nicht nur auf kognitive Leistungen, sondern auch auf die Regulation des eigenen Verhaltens und der sozialen Interaktion.

Für das Vorschulalter sind insbesondere die entwicklungsbezogenen Veränderungen exekutiver Funktionen relevant. Teilbereiche wie Arbeitsgedächtnis, Flexibilität und Inhibition lassen sich bereits bei jüngeren Kindern differenzieren (Espy et al., 1999). Die einzelnen Funktionen entwickeln sich jedoch nicht gleichmässig. Während die Inhibition und grundlegende Arbeitsgedächtnisleistungen vergleichsweise früh ausgebildet werden, entwickeln sich komplexere Fähigkeiten wie die vorausschauende Handlungsplanung und Problemlösung über einen längeren Zeitraum weiter (Espy et al., 2001).

Objektivität

Die Durchführungsobjektivität des BRIEF-P ist gegeben, da das Manual präzise und getrennte Durchführungsanweisungen für die Eltern- und Erzieher:innenversion sowie wortwörtliche Instruktionen zur Durchführung bereitstellt. Eine hohe Auswertungsobjektivität wird durch das verständlich und nachvollziehbar beschriebene Auswertungsverfahren mit Schablonen abgesichert, welches zusätzlich anhand eines konkreten Auswertungsbeispiels verdeutlicht wird. Die Interpretationsobjektivität ist durch die Bereitstellung standardisierter Normtabellen und anschaulicher Fallbeispiele im Handbuch gewährleistet. Insgesamt erfüllt das BRIEF-P sämtliche Anforderungen an ein objektives Testverfahren.

Reliabilität

Die Messgenauigkeit des BRIEF-P wurde anhand unterschiedlicher Kennwerte ermittelt. Bezüglich der internen Konsistenz (Cronbachs Alpha) erzielt die Erzieher:inneneinschätzung auf Skalenebene Werte von α = .82 bis .94 und auf Indexebene von α = .89 bis .95, während die Elternbeurteilungen Koeffizienten von α = .75 bis .89 auf Skalenebene beziehungsweise α = .86 bis .91 auf Indexebene erreichen. Für den Gesamtwert fällt die interne Konsistenz mit α = .95 bei den Eltern und α = .96 bei den Erzieher:innen hoch aus. Die Retestreliabilität (untersucht an der US-amerikanischen Stichprobe) belegt über einen Zeitraum von durchschnittlich 4.5 Wochen eine hohe Stabilität. Bei den Elternurteilen bewegen sich die Retest-Koeffizienten zwischen rtt = .78 und .90 auf Skalen- Index- und Gesamtebene. Die Erzieher:innenbeurteilungen weisen ebenfalls hohe bis sehr hohe Retest-Reliabilitätswerte auf, wobei lediglich die Skala Aufmerksamkeitswechsel (Shift) mit rtt = .65 einen mittleren Kennwert aufweist.

Hinsichtlich der Interrater-Übereinstimmung zeigen sich zwischen Eltern- und Erzieher:inneneinschätzungen erwartungsgemäss moderate Zusammenhänge mit Werten von r = .35 (Emotionale Kontrolle) bis r = .60 (Arbeitsgedächtnis). Diese Abweichungen spiegeln die unterschiedlichen Verhaltensbeobachtungen in der Familie und in der Betreuungseinrichtung wider, wobei mit Ausnahme der Skala Planen/Organisieren keine signifikanten Mittelwertunterschiede zwischen den beiden Beurteilungen bestehen. Zusammenfassend weist das BRIEF-P eine verlässliche Reliabilität auf.

Validität

Die Inhaltsvalidität des BRIEF-P basiert auf der systematischen Herleitung von Alltagsbeschreibungen und Verhaltensbeobachtungen aus klinischen Anamnesen mit Eltern und Erzieher:innen, deren Eignung zur Messung exekutiver Funktionsstörungen im Vorschulalter durch ein Fachgremium aus Kinderneuropsycholog:innen bestätigt wurde. Die Konstruktvalidität wird durch Interkorrelationen auf Skalenebene zwischen r = .37 und .78 sowie durch faktoranalytische Untersuchungen gestützt, welche die postulierte dreifaktorielle Struktur aus inhibitorischer Selbstkontrolle, Flexibilität und metakognitiver Entwicklung empirisch belegen. Konvergente und diskriminante Validität ergeben sich aus Vergleichen mit etablierten Fremdbeurteilungsinstrumenten wie der Child Behavior Checklist (CBCL) (Ergebnisse aus der amerikanischen Validierung). Die klinische Validität wurde für unterschiedliche Stichproben nachgewiesen. Die Validität des Verfahrens ist somit als zufriedenstellend einzustufen.

Normierung

Die Normierung der deutschsprachigen Adaption stützt sich auf eine Datenerhebung aus den Jahren 2012 und 2013 in sechs Bundesländern. Das Verfahren stellt alters- und geschlechtsgetrennte T-Werte sowie Prozentränge für Kinder im Alter von 2;0 bis 6;11 Jahren zur Verfügung. Die Normen für das Elternurteil basieren auf den Angaben zu 460 Kindern (51.1% Jungen, 48.9% Mädchen). Für das Erzieher:innenurteil liegt eine Teilstichprobe von 179 Kindern (51.7% Jungen, 48.3% Mädchen) aus Kindertageseinrichtungen zugrunde.

Literatur

  • Carlson, S. M. (2005). Developmentally sensitive measures of executive function in preschool children. Developmental Neuropsychology, 28(2), 595-616. https://doi.org/10.1207/s15326942dn2802_3
  • Daseking, M. & Petermann, F. (2013). Verhaltensinventar zur Beurteilung exekutiver Funktionen für das Kindergartenalter (BRIEF-P). Bern: Hans Huber.
  • Drechsler, R. (2007). Exekutive Funktionen. Übersicht und Taxonomie. Zeitschrift für Neuropsychologie, 18(3), 233-248. https://doi.org/10.1024/1016-264X.18.3.233
  • Espy, K. A., Kaufmann, P. M., McDiarmid, M. & Glisky, M. L. (1999). Executive functioning in preschool children: A-not-B and other delayed response format task performance. Brain and Cognition, 41(2), 178-199. https://doi.org/10.1006/brcg.1999.1117
  • Espy, K. A., Kaufmann, P. M., McDiarmid, M. & Glisky, M. L. (2001). New procedures to assess executive functions in preschool children. The Clinical Neuropsychologist, 15(1), 46-58. https://doi.org/10.1076/clin.15.1.46.1908
  • Stuss, D. T. & Benson, D. F. (1986). The frontal lobes. New York: Raven.
  • Welsh, M. C. & Pennington, B. F. (1988). Assessing frontal lobe functioning in children: Views from developmental psychology. Developmental Neuropsychology, 4(3), 199-230. https://doi.org/10.1080/87565648809540405

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Überprüft: 10/2026

 

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