Diagnostische Verfahren finden
Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern dritter und vierter Klassen (FEESS 3-4)
von Wulf Rauer und Karl Dieter Schuck (2003)

Einsatzbereich
- 3. und 4. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Der FEESS 3-4 stellt ein Instrument zur Diagnostik und Evaluation von psychologisch und pädagogisch relevanten Sichtweisen, Einschätzungen und Einstellungen von Kindern in der Grundschule (Primarschule) der Klassenstufen 3 und 4 dar. Konkret erfasst der Fragebogen die subjektiv erlebte soziale, emotionale und leistungs-motivationale Integration sowie das wahrgenommene Schul- und Lernklima und Gefühl des Angenommenseins durch die Lehrperson. Der Fragebogen umfasst zwei Teilfragebögen mit insgesamt sieben Skalen: Der SIKS besteht aus den drei Skalen «Soziale Integration», «Klassenklima» und «Selbstkonzept der Schulfähigkeit», der SALGA besteht aus den vier Skalen «Schuleinstellung», «Anstrengungsbereitschaft», «Lernfreude» und «Gefühl des Angenommenseins».
Die Durchführung ist für das zweite Schulhalbjahr vorgesehen. Der Fragebogen kann sowohl mit einzelnen Kindern im Rahmen der Individualdiagnostik als auch mit ganzen Schulklassen eingesetzt werden. Er wird als Paper-Pencil-Verfahren durchgeführt. Die Kinder beantworten Feststellungen auf einer vierstufigen Ratingskala von «stimmt gar nicht» bis «stimmt genau». Die Antwortskala ist für die Kinder neben der Beschriftung auch visuell anhand jeweils kleiner und grosser Rechtecke und Ovale dargestellt. Insgesamt umfasst das Verfahren 90 Items. Die Bearbeitungszeit beträgt pro Teilfragebogen etwa 30 Minuten; empfohlen wird, die Durchführung auf zwei Schultage zu verteilen. Je nach Fragestellung ist es möglich, auch nur einen der beiden Teilfragebögen einzusetzen. Für die Auswertung werden Schablonen zur Verfügung gestellt.
Da der FEESS für unterschiedliche Klassenstufen entwickelt wurde, kann er über mehrere Schuljahre hinweg zur Entwicklung und Evaluation umfassender, individueller und klassenbezogener Förderkonzepte eingesetzt werden. Der FEESS liegt ebenfalls für die 1. und 2. Klasse (FEESS 1-2; Rauer & Schuck, 2004) sowie für die 5. und 6. Klasse (FEESS 5-6; Rauer & Schuck, 2021) vor.
Theoretische Fundierung
Der Entwicklungsprozess und die Konstruktion der einzelnen Skalen auf Basis bereits bestehender Instrumente wird im Manual nachvollziehbar und verständlich beschrieben. Da der FEESS auf verschiedenen theoretischen Ansätzen und Konzepten basiert, wurde für die Bezeichnung des Fragebogens der übergeordnete Begriff «soziale und emotionale Schulerfahrungen» gewählt. Die Auswahl der im FEESS erfassten psychologischen Konstrukte erfolgte einerseits in Bezug auf ihre theoretische Bedeutsamkeit, andererseits auch im Hinblick auf die praktische Relevanz im Umfeld der integrativen Beschulung und der emotionalen, sozialen und leistungsmotivationalen Bewertung der Lernsituation. Bei der Konstruktion des Fragebogens wurden die übergeordneten pädagogischen Ziele der Grundschullehrpläne sowie einschlägige psychologisch-pädagogische Theorien als zentrale Bezugspunkte herangezogen.
Im FEESS ist die Selbstwirksamkeitstheorie nach Bandura (1977) mit eingeflossen, welche davon ausgeht, dass die Ausführung einer Handlung stattfindet, wenn sich die Person den Anforderungen gewachsen fühlt (Kompetenzerwartung) und eine positive Ergebniserwartung vorliegt. Beispielsweise ist in der Skala «Selbstkonzept der Schulfähigkeit», welche sich auf die Kompetenzerwartung bei schulischen Anforderungen bezieht, die Selbstwirksamkeitstheorie repräsentiert. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985) als Motivationstheorie erklärt, dass Motivation und Anstrengungsbereitschaft einer Person höher sind, wenn sie sich selbstbestimmt, kompetent und sozial eingebunden fühlt. Die beiden grundlegenden Theorien nimmt der FEESS auf und erfasst situationsübergreifende sowie zeitlich relativ überdauernde Sichtweisen und Einstellungen der Kinder.
Die Schulklimaforschung nimmt ebenfalls an, dass eher zeitlich überdauernde Einstellungen und weniger gegenwärtige Zustände eine Rolle spielen. Im FEESS basieren die Dimensionen des Klassenklimas und der sozialen Integration auf der Schulqualitätsforschung (Fend, 1998). Dem Fragebogen liegen auch Erkenntnisse der Integrationsforschung zugrunde, insofern, dass das emotionale Wohlbefinden der einzelnen Schüler:innen, insbesondere für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, erfasst wird.
Objektivität
Eine detaillierte Anleitung zur Durchführung ist im Manual enthalten. Die Auswertung des Fragebogens erfolgt anhand einer genau vorgegebenen Anleitung. Mithilfe von Schablonen werden zunächst die Rohwerte ermittelt und im Anschluss mittels Normtabellen in Prozentränge und T-Werte transformiert. Neben Normen für Individualdaten stehen auch Normtabellen auf Klassenebene zur Verfügung, die eine eindeutige Zuordnung ermöglichen und damit die Interpretationsobjektivität gewährleisten.
Insgesamt trägt die präzise Einhaltung der vorgegebenen Instruktionen und Anleitungen zu einer hohen Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität bei.
Reliabilität
Die internen Konsistenzen der Individualdaten liegen je nach Skala zwischen α = .74 und α = .95 wobei die meisten Skalen eine hohe Reliabilität (> .80) aufweisen. Die internen Konsistenzen auf Basis der Klassendaten (α = .81 – .98) fallen ebenfalls hoch aus.
Die Retest-Reliabilitäten der Skalen variieren bei den Individualdaten nach einem Jahr zwischen rtt= .46 und rtt = .68. Für die Klassendaten liegen die Reliabilitäten zwischen rtt= .49 und rtt = .88, wobei alle Skalen ausser «Soziale Integration» eine ausreichende bis hohe Reliabilität aufweisen. Die Retest-Reliabilitäten nach einem Jahr wurden für die Kinder der 3. Klassen erfasst . Für die Individualdaten der 4. Klassen liegen die Retest-Reliabilitäten nach vier Wochen im Bereich rtt = .62 -.80. Angaben zur Split-Half-Reliabilität liegen keine vor.
Insgesamt können die internen Konsistenzen als gut bis sehr gut beurteilt werden. Die Retest-Reliabilitäten auf Klassenebene sind überwiegend als hoch einzuschätzen, während die Werte der Individualdaten tiefer liegen.
Validität
Die inhaltliche Validität gilt aufgrund der Orientierung an verschiedenen Bezugstheorien sowie Anlehnung an bestehende Instrumente bei der Konstruktion als gegeben. Die konzeptionelle Struktur wird durch Faktorenanalysen empirisch bestätigt und Interkorrelationen zwischen den Skalen deuten auf die zu erwartenden Zusammenhänge hin. Zur Erfassung der Konstruktvalidität wurde zudem die Skala «Selbstkonzept der Schulfähigkeit» mit dem relativen Selbstkonzept in Bezug gesetzt. Weitere Überprüfungen im Zusammenhang mit biografischen Merkmalen und Merkmalen der Klassen bestätigen die differentielle Validität. Zur Bestimmung der Kriteriumsvalidität konnten Zusammenhänge mit soziometrischen Daten und Leistungswerten in die erwartete Richtung bestätigt werden. Der FEESS 3-4 kann somit als valides Instrument eingestuft werden.
Normierung
Die Normstichprobe besteht aus insgesamt 2’330 Kindern der dritten (n = 1’116) und vierten (n = 1’214) Klasse aus mehreren Schulen in Hamburg sowie Schleswig-Holstein. Die Normierung fand im Jahr 2001 statt.
Literatur
- Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84, 191-215.
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. Plenum Press.
- Fend, H. (1998). Qualität im Bildungswesen: Schulforschung zu Systembedingungen, Schulprofilen und Lehrerleistung. Juventa.
- Rauer, W. & Schuck, K. D. (2003). FEESS 3–4. Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern dritter und vierter Klassen. Beltz.
- Rauer, W., & Schuck, K. D. (2004). FEESS 1-2. Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern erster und zweiter Klassen. Beltz.
- Rauer, W., & Schuck, K. D. (2021). FEESS 5-6: Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen in der fünften und sechsten Klassenstufe. Hogrefe.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
Haben wir etwas übersehen? Melden Sie sich gerne unter wiwawi@hfh.ch.
Überprüft: 10/2026