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Diagnostische Verfahren finden

Giessener Screening zur Erfassung der erweiterten Lesefähigkeit (GISC-EL)

von Niels Euker, Arno Koch und Jan Kuhl (2016)

 

Einsatzbereich

  • Lernende mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung: ca. 6-20 Jahre
  • Lernende mit Förderschwerpunkt Lernen: ca. 6-10 Jahre
  • Einzeltest
  • Einsatz Heil- und Sonderpädagogik

Qualitätskriterien

Theoretische Fundierung Objektivität Reliabilität Validität
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis
Erläuterung Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. Die Ergebnisse sind zuverlässig. Belege zur Validität liegen vor.

Inhalt

Das GISC-EL dient der standardisierten Erfassung von Lesekompetenzen im weiteren und engeren Sinne sowie der entsprechenden Vorläuferkompetenzen bei Kindern und Jugendlichen mit intellektueller Beeinträchtigung. Das Verfahren ist für sämtliche Schulstufen (sowohl im Sonderschulbereich als auch in inklusiven Settings) konzipiert und kann darüber hinaus in der Frühförderung oder Erwachsenenbildung eingesetzt werden.

Zentrale Ziele der Diagnostik sind die Ermittlung der Lernausgangslage für eine differenzierte Förderplanung, die Einteilung von Fördergruppen sowie die Lernverlaufsdiagnostik. Zudem eignet sich der Test für Forschungszwecke, wie etwa der Evaluation von Interventionsmassnahmen. Die Durchführungsdauer ist von den individuellen Voraussetzungen der Testperson abhängig und variiert zwischen 15 und 35 Minuten; die Auswertung beansprucht ca. 5 Minuten.

Das Testverfahren umfasst insgesamt acht Subtests, die den verschiedenen Etappen des erweiterten Leseerwerbs nach Koch (2005, 2008) zugeordnet sind. Das Spektrum reicht dabei vom Lesen ikonischer Zeichen und Symbole (logographisches Lesen) über die Erfassung von Vorläuferkompetenzen wie der phonologischen Bewusstheit und Buchstabenkenntnis bis hin zum alphabetischen Rekodieren von Pseudowörtern sowie zum Leseverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene.

Aufgrund der hohen Heterogenität der Zielgruppe erfolgt die Auswertung kriterial statt normbasiert, um den individuellen Stand der Lesekompetenzen festzustellen. Die Testkonstruktion zielt dabei auf eine hohe Aufgabenverständlichkeit bei gleichzeitig geringer Arbeitsgedächtnisbelastung ab. Ein Mindestmass an Sprachkompetenz wird für die Testung vorausgesetzt. Abweichungen vom standardisierten Vorgehen aufgrund individueller Voraussetzungen sind zulässig und werden im Manual ausführlich beschrieben.

Theoretische Fundierung

Das GISC-EL basiert auf dem Entwicklungsmodell des erweiterten Leseerwerbs nach Koch (2005), welches auf klassischen Schriftspracherwerbsmodellen (u.a. Günther, 1986; Frith, 1986) aufbaut. Das Modell gliedert den Leseerwerb in vier aufeinander aufbauende Entwicklungsstufen, die sowohl das Lesen im weiteren Sinne als auch das Lesen im engeren Sinne umfassen.

In den basalen Phasen des erweiterten Lesens werden zunächst ikonische Zeichen (Abbildungen mit direktem Objektbezug) sowie Symbole und logographische Einheiten (willkürlich festgelegte Zeichen (z.B. Markenlogos) oder charakteristische Wortdetails) entschlüsselt. Der Übergang zum Lesen im engeren Sinne erfolgt über die alphabetische Phase, in der das Prinzip der Graphem-Phonem-Korrespondenz handlungsleitend ist, bis hin zur orthographischen Phase, die durch die automatisierte Erfassung grösserer sublexikaler Einheiten (z.B. Silben oder Morpheme) gekennzeichnet ist.

Die Konzeption der acht Subtests ist unmittelbar aus diesen theoretischen Stufen abgeleitet, wodurch eine gezielte Verortung der Testperson innerhalb des Entwicklungsmodells ermöglicht wird. Ergänzend wird bei der Auswertung das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung nach Wygotski (1981) berücksichtigt, um über den aktuellen Leistungsstand hinaus künftige Lernpotenziale zu identifizieren.

Objektivität

Die Durchführungs- und Auswertungsobjektivität ist durch detaillierte Anweisungen im Manual sowie standardisierte Materialien und Instruktionen gewährleistet. Sofern die individuellen Voraussetzungen der Testperson Abweichungen vom standardisierten Vorgehen erfordern, wird im Manual explizit darauf hingewiesen, dass die Objektivität in diesen Fällen nicht mehr uneingeschränkt gegeben ist. Bei Einhaltung der standardisierten Vorgaben kann die Objektivität des GISC-EL als gegeben betrachtet werden.

Reliabilität

Die Zuverlässigkeit des Verfahrens wurde anhand der Retestreliabilität (Intervall von drei Wochen) sowie der internen Konsistenz bestimmt. Der Gesamtwert der Retestreliabilität liegt bei rtt = .98, wobei die einzelnen Untertests Werte zwischen rtt = .60 (Subtest «Lesen gegenstandsähnlicher Abbildungen») und .98 aufweisen. Die interne Konsistenz der Untertests liegt in einem sehr hohen Bereich zwischen α = .83 bis .99. Die Kennwerte belegen insgesamt eine hohe Messgenauigkeit des Instruments.

Validität

Die Inhaltsvalidität ist durch die enge Orientierung der Testkonstruktion am theoretischen Entwicklungsmodell gegeben. Belege für die strukturelle Validität liefern die erwartungskonformen Korrelationen zwischen den Subtests zum Lesen im weiteren und engeren Sinne. Die konvergente und diskriminante Validität wurde durch Vergleiche mit etablierten Verfahren wie dem ELFE 1-6 (Lesefähigkeit) und dem CPM (Intelligenz) sowie spezifischen Tests für Teilkomponenten (z. B. SETK 3-5, PB-LRS, HSP 1+) bestätigt. Das GISC-EL kann als valides Messinstrument zur Erfassung der Lesefähigkeit bei Lernenden mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung eingeschätzt werden.

Normierung

Aufgrund der ausgeprägten Heterogenität der Zielgruppe verzichtet das GISC-EL auf eine normorientierte Auswertung und verwendet stattdessen eine kriteriale Bezugsnorm. Damit wird festgestellt, über welche spezifischen inhaltlichen Lesekompetenzen eine Testperson bereits verfügt. Die zugrunde liegende Evaluationsstudie umfasste eine Stichprobe von N = 205 Schüler:innen aus vier Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.

Literatur

  • Euker, N., Koch, A. & Kuhl, J. (2016). Giessener Screening zur Erfassung der erweiterten Lesefähigkeit (GISC-EL). Göttingen: Hogrefe.
  • Günther, K.-B. (1986). Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In H. Brügelmann (Hrsg.), ABC und Schriftsprache: Rätsel für Kinder, Lehrer und Forscher (S. 32–54). Konstanz: Faude.
  • Koch, A. (2005). Diagnose im Bereich Schriftspracherwerb bei Schülern mit geistiger Behinderung. In V. Moser & E. von Stechow (Hrsg.), Lernstands- und Entwicklungsdiagnose (S. 111–122). Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Koch, A. (2008). Die Kulturtechnik Lesen im Unterricht für Schüler mit geistiger Behinderung. Aachen: Shaker.
  • Wygotski, L. S. (1981). Denken und Sprechen (5. Aufl.). Frankfurt a. M.: Fischer.

Verfügbarkeit an der HfH


Haben wir etwas übersehen? Melden Sie sich gerne unter wiwawi@hfh.ch.

 

Überprüft: 07/2026

 

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