Diagnostische Verfahren finden
Diagnostischer Rechtschreibtest für 1. Klassen (DRT 1)
von Rudolf Müller unter Mitarbeit von Anne Wyschkon (2025)

Einsatzbereich
- 1. bis 2. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Halb gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Nachvollziehbares, lehrplanorientiertes Vorgehen, jedoch ohne explizites theoretisches Modell der Rechtschreibung. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Der DRT 1 dient der Erfassung der allgemeinen Rechtschreibkompetenz von Schüler:innen im Übergang von der ersten zur zweiten Klassenstufe. Das Verfahren verfolgt eine doppelte Zielsetzung: Während die quantitative Auswertung den aktuellen Leistungsstand abbildet, ermöglicht die qualitative Fehleranalyse die Identifikation spezifischer Fehlerschwerpunkte als Grundlage für eine gezielte Förderung.
Die Einsatzbereiche des Tests sind vielfältig und umfassen die reguläre schulische Lernstandserfassung durch Lehrpersonen, die differenzierte LRS-Diagnostik sowie die Schullaufbahnberatung und Forschung. Er kann sowohl als Gruppentest im Klassenverband als auch im Einzelsetting der Heil- und Sonderpädagogik oder Psychologie durchgeführt werden.
Da das Instrument bereits sehr früh im Schrifterwerb eingesetzt wird, ist die Gestaltung kindgerecht und motivierend gewählt. Die Lernenden bearbeiten jeweils 30 Testwörter, die in zwei Geschichten als Lückentextdiktate integriert und durch Zeichnungen illustriert sind.
Der Test liegt in zwei Parallelformen vor und beansprucht je nach Setting zwischen 30 und 45 Minuten. Die Auswertung kann manuell oder mithilfe eines Online-Tools erfolgen, welches automatisiert Profilanalysen für Einzelpersonen oder ganze Klassen erstellt.
Theoretische Fundierung
Für den DRT 1 liegt kein explizites theoretisches Modell der Rechtschreibung vor. Die Konstruktion des Verfahrens folgt stattdessen einem pragmatischen und lehrplanorientierten Ansatz, um die Rechtschreibleistung am Ende der ersten Klassenstufe unabhängig von der gewählten Form des Schriftspracherwerbs zu erfassen. Durch die bewusst einfache Konzeption wird die Differenzierung im mittleren bis schwachen Leistungsbereich maximiert, was für die Identifikation von Förderbedarfen bei Kindern zentral ist. Für überdurchschnittlich leistungsstarke Kinder ist der Test weniger trennscharf.
Der Test setzt voraus, dass Lernende am Ende der ersten Klasse das phonetische Grundprinzip beherrschen, weshalb die Inhalte auf lautgetreues Schreiben von häufigen und kurzen Wörtern ohne komplexe orthographische Regeln fokussieren. Die aus Lehrplänen abgeleiteten qualitativen Fehlerkategorien (z. B. Gliederungs- und Differenzierungsfehler) bilden eine praxisnahe Basis für pädagogische Diagnostik und Förderung.
Objektivität
Die Objektivität des DRT 1 wird durch standardisierte Instruktionen sowie klare Anleitungen für die Durchführung, Auswertung und Interpretation gewährleistet. Der Einsatz eines Online-Tools zur Auswertung reduziert zudem die Fehleranfälligkeit im Vergleich zum manuellen Vorgehen und erhöht die Präzision der Ergebnisse. Die empirische Prüfung der Auswertungsobjektivität mittels Interrater-Reliabilität ergab sehr hohe Übereinstimmungswerte zwischen r = .86 und 1.00, was eine objektive Beurteilung durch verschiedene Lehrkräfte bestätigt. Zusammenfassend ist das Verfahren bei Einhaltung der festgelegten Vorgaben als objektiv einzustufen.
Reliabilität
Hinsichtlich der Messgenauigkeit weist der DRT 1 mit einer internen Konsistenz von etwa α = .91 für beide Testformen eine sehr hohe Zuverlässigkeit auf. Zusätzlich wurde die Retestreliabilität überprüft, wobei auf mögliche Lerneffekte hingewiesen wurde. Für die Form A (Intervall 14 bis 35 Tage) werden Werte zwischen rtt = .83 und .86 und für die Form B (Intervall 14 bis 36 Tage) werden Werte zwischen rtt = .90 und .91 berichtet. Auch die Paralleltest-Reliabilität (Intervall zwischen 12 und 28 Tagen) liegt mit Werten zwischen rtt = .78 und .83 in einem guten Bereich. Dabei wurde festgestellt, dass Form B geringfügig leichter ausgefallen ist; aus diesem Grund wurden Normtabellen für beide Formen erstellt. Insgesamt erweist sich der DRT 1 als ein zuverlässiges Instrument zur Erfassung der Rechtschreibleistung.
Validität
Die Validität des DRT 1 wird durch verschiedene Belege bestätigt. Die inhaltliche Validität gilt als gegeben, da die Rechtschreibfähigkeit im Diktat direkt erfasst wird. Die kriteriumsbezogene Validität wird durch eine starke Korrelation mit dem WRT 1+ (r = .80 bis .81) belegt. Weiter wird die Testfairness für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache bestätigt. Die Konstruktvalidität wird durch die theoretisch erwarteten Geschlechtsunterschiede gestützt: Mädchen erreichen im Vergleich zu Jungen leicht höhere Leistungswerte. Damit kann der DRT 1 als ein valides und praxistaugliches Diagnoseinstrument zur Beurteilung des Rechtschreibniveaus betrachtet werden.
Normierung
Die Normierung des DRT 1 erfolgte im Schuljahr 2019/2020 in zehn deutschen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste insgesamt N = 1’502 Kinder (Form A: n = 711; Form B: n = 791), die zwischen dem letzten Monat der ersten Klasse und den ersten drei Monaten der zweiten Klasse getestet wurden. Berücksichtigt wurden ausschliesslich Kinder, die mit mindestens einem deutschsprachigen Elternteil aufwuchsen. Das Verfahren bietet Normtabellen für den Gesamtwert korrekt geschriebener Wörter sowie für die qualitative Fehleranalyse von Gliederungs- und Differenzierungsfehlern.
Literatur
- Müller, R. (2025). Diagnostischer Rechtschreibtest für 1. Klassen (DRT 1) (3., überarb. und neu normierte Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
Haben wir etwas übersehen? Melden Sie sich gerne unter wiwawi@hfh.ch.
Überprüft: 07/2026