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Diagnostische Verfahren finden

Gruppentest zur Früherkennung von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten Phonologische Bewusstheit bei Kindergartenkindern und Schulanfängern (PB-LRS)

von Karlheinz Barth und Berthold Gomm (2014)

 

Einsatzbereich

  • Kindergarten und Schulanfang
  • Einzel- und Gruppentest
  • Einsatz Heil- und Sonderpädagogik

Qualitätskriterien

Theoretische Fundierung Objektivität Reliabilität Validität
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Halb gefüllter Kreis Halb gefüllter Kreis
Erläuterung Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. Die berichteten Kennwerte fallen niedrig aus. Erste Belege zur Validität sind vorhanden.

Inhalt

Der PB-LRS ist ein diagnostisches Screening-Verfahren, das primär die frühzeitige Identifikation von Kindern mit erhöhtem Risiko für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten ermöglicht. Das Ziel des Tests ist es, den individuellen Entwicklungsstand der phonologischen Bewusstheit zu erfassen und potenzielle Risikokinder in der Schuleingangsphase (2 bis 4 Wochen nach Einschulung) zu identifizieren. Neben dem Einsatz in der Grundschule kann das Verfahren in Förderklassen oder im sonderpädagogischen Bereich sowie in verkürzter Form bereits im Kindergarten eingesetzt werden.

Das Verfahren wurde primär als Gruppentest entwickelt, wobei für eine optimale Durchführung kleine Gruppengrössen von maximal zehn bis zwölf Schüler:innen (im Kindergarten ca. fünf bis sechs Kinder) empfohlen werden. Zudem besteht die Möglichkeit, den PB-LRS als Einzeltest zur Vertiefung der Diagnostik durchzuführen. Die Durchführung erfolgt als Paper-Pencil-Test.

Strukturell umfasst der Test für Schulkinder sechs Subtests: Reimen, Silbensegmentierung, Anlautanalyse, Lautsynthese, Wortlänge sowie die Identifikation des Endlautes, ergänzt um eine Erfassung der Buchstabenkenntnis am Ende des Verfahrens. Im Kindergarten werden lediglich die ersten vier Subtests durchgeführt. Die Bearbeitungszeit pro Item ist auf 15 Sekunden begrenzt, was zu einer Gesamtdurchführungsdauer von etwa 45 Minuten im Kindergarten und etwa 60 Minuten in der Schule führt; die Testung kann auch auf zwei Tage aufgeteilt werden.

Theoretische Fundierung

Die theoretische Grundlage des PB-LRS bildet die phonologische Bewusstheit, die die Fähigkeit beschreibt, die Lautstruktur der Sprache bewusst zu erkennen und sprachliche Einheiten gezielt zu analysieren. In Anlehnung an Skowronek und Marx (1989) differenziert das Verfahren zwischen zwei Ebenen: Die phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne bezieht sich auf grössere Einheiten wie Silben und Reime, die stark vom Sprechrhythmus beeinflusst werden. Demgegenüber umfasst die phonologische Bewusstheit im engeren Sinne die Analyse und Synthese einzelner Laute.

Ein weiterer zentraler Bestandteil des theoretischen Modells ist das phonologische Rekodieren. Es beschreibt die Fähigkeit, Grapheme ihren lautsprachlichen Entsprechungen zuzuordnen und stellt damit eine wesentliche Voraussetzung für den Zugriff auf das lexikalische Gedächtnis dar (Bowers, 1995; Wolf, 1986). Ergänzend wird das phonetische Rekodieren im Arbeitsgedächtnis als wichtige Basiskompetenz herangezogen. Da Lese- und Schreibvorgänge das kurzfristige Bereithalten von Lauteinheiten erfordern, ist eine ausreichende Kapazität des Arbeitsgedächtnisses erforderlich, um die Informationen hinreichend zu aktivieren und sie erfolgreich im Langzeitgedächtnis abzuspeichern (Fritz, 1985).

Objektivität

Die Informationen zur Testentwicklung und zu den Gütekriterien werden nicht im Manual ausgewiesen, sondern stehen in einer ergänzenden Online-Dokumentation zur Verfügung (Microsoft Word – Teststatistik für das Internet_2.doc).

Die Objektivität des PB-LRS wird durch eine detaillierte, wortgetreue Instruktions-, Durchführungs- und Auswertungsanleitung sichergestellt. Die Auswertung erfolgt anhand eindeutig definierter Lösungsvorgaben und eines standardisierten Auswertungsbogens. Anstelle von Normtabellen stellt das Verfahren Cut-off-Werte zur Identifikation von Kindern mit erhöhtem Risiko für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bereit. Insgesamt kann der PB-LRS als objektives Verfahren angesehen werden, sofern die Vorgaben des Manuals konsequent eingehalten werden.

Reliabilität

Auf die Bestimmung der Retest-Reliabilität wurde aufgrund des damit verbundenen Aufwands verzichtet. Stattdessen werden Interkorrelationen zwischen den sechs Subtests berichtet, die mit Werten zwischen r = .22 und .45 eher niedrig ausfallen. Die Zusammenhänge im Bereich der phonologischen Bewusstheit variieren zwischen r = .59 bis .90. Aufgrund der fehlenden Angaben zur Retest-Reliabilität sowie der überwiegend niedrigen Kennwerte der Subtests ist die Reliabilität des PB-LRS insgesamt kritisch zu beurteilen.

Validität

Die prognostische Validität des PB-LRS ist durch signifikante Korrelationen mit den Rechtschreibleistungen am Ende der 1. Klasse belegt, wobei der Gesamtwert der phonologischen Bewusstheit einen Wert von r = .55 erreicht. Differenziert betrachtet, weist die phonologische Bewusstheit im engeren Sinne (r = .52) einen etwas stärkeren Vorhersagewert auf als die im weiteren Sinne (r = .43). Darüber hinaus erreicht das Verfahren eine Gesamttrefferquote von 84,7% (korrekte Klassifikation der Kinder) und weist eine hohe Spezifität (87,1%; korrekte Klassifikation der Kinder ohne Schwierigkeiten) bei einer moderaten Sensitivität (63,0%; korrekte Klassifikation der Kinder mit Schwierigkeiten) auf. Da sich die Validitätsbelege primär auf die prognostische Kraft für die Rechtschreibung konzentrieren und die Koeffizienten im mittleren Bereich liegen, sind diese ersten Validitätsbelege als mehrheitlich zufriedenstellend zu bewerten.

Normierung

Die Normierung des PB-LRS basiert auf einer Stichprobe von 474 Kindern aus neun ländlich geprägten Grundschulen (Erhebung 2002) sowie von 105 Kindern aus dem Kindergarten (Erhebung 2003). Etwa 90% der teilnehmenden Lernenden hatten Deutsch als Muttersprache. Das Verfahren verzichtet auf klassische Normtabellen und nutzt stattdessen zwei Cut-off-Werte, die jeweils eine Standardabweichung unter dem Mittelwert liegen: Für die Schuleingangsphase gilt ein Wert von 36 oder weniger Punkten als Risikoindikator, für den Kindergarten liegt dieser bei 22 oder weniger Punkten.

Literatur

  • Barth, K. & Gomm, B. (2014). Gruppentest zur Früherkennung von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Phonologische Bewusstheit bei Kindergartenkindern und Schulanfägnern (PB-LRS) (3. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.
  • Bowers, P. G. (1995). Tracing symbol naming speed’s unique contribution to reading disabilities over time. Reading and Writing: An Interdisciplinary Journal, 7, 189-216.
  • Fritz, A. (1985). Lern- und Leistungsverhalten von «MCD Kindern» mit spezifischen Teilleistungsschwächen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 13, 82-94.
  • Wolf, M. (1986). Naing, reading and the dyslexia: A longitudinal overview. Annals of dyslexia, 34, 87-115.

Verfügbarkeit an der HfH


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Überprüft: 09/2026

 

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