Diagnostische Verfahren finden
Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern erster und zweiter Klassen (FEESS 1-2)
von Wulf Rauer und Karl Dieter Schuck (2004)

Einsatzbereich
- 1. und 2. Klasse
- Einzel- und Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Halb gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die berichteten Kennwerte fallen heterogen aus. | Belege zur Validität sind vorhanden. |
Inhalt
Der FEESS 1-2 stellt ein Instrument zur Diagnose und Evaluation von psychologisch und pädagogisch relevanten Sichtweisen, Einschätzungen und Einstellungen von Kindern in der Grundschule (Primarschule) der Klassenstufen 1 und 2 dar. Konkret erfasst der Fragebogen die subjektiv erlebte soziale, emotionale und leistungs-motivationale Integration sowie das wahrgenommene Schul- und Lernklima und Gefühl des Angenommenseins durch die Lehrperson. Der Fragebogen umfasst zwei Teilfragebögen mit insgesamt sieben Skalen: Der SIKS besteht aus den drei Skalen «Soziale Integration», «Klassenklima» und «Selbstkonzept der Schulfähigkeit»; der SALGA besteht aus den vier Skalen «Schuleinstellung», «Anstrengungsbereitschaft», «Lernfreude» und «Gefühl des Angenommenseins».
Die Durchführung ist für das zweite Schulhalbjahr vorgesehen. Der Fragebogen kann sowohl mit einzelnen Kindern im Rahmen der Individualdiagnostik als auch mit ganzen Schulklassen eingesetzt werden. Der Fragebogen wird als Paper-Pencil-Verfahren durchgeführt. Die Testleitung verwendet ein Instruktionsheft zum Vorlesen der Feststellungen, während die Kinder ihre Antworten auf den Antwortbögen eintragen. Insgesamt umfasst das Verfahren 90 Items. Die Bearbeitungszeit beträgt pro Teilfragebogen etwa 30 Minuten; empfohlen wird, die Durchführung auf zwei Schultage zu verteilen. Je nach Fragestellung ist es möglich, auch nur einen der beiden Teilfragebögen einzusetzen.
Da der FEESS für unterschiedliche Klassenstufen entwickelt wurde, kann er über mehrere Schuljahre hinweg zur Entwicklung und Evaluation umfassender, individueller und klassenbezogener Förderkonzepte eingesetzt werden. Der FEESS liegt ebenfalls für die 3. und 4. Klasse (FEESS 3-4; Rauer & Schuck, 2003) sowie für die 5. und 6. Klasse (FEESS 5-6; Rauer & Schuck, 2021) vor.
Theoretische Fundierung
Da der FEESS auf verschiedenen theoretischen Ansätzen und Konzepten basiert, wurde für die Bezeichnung des Fragebogens der übergeordnete Begriff «soziale und emotionale Schulerfahrungen» gewählt. Die Auswahl der im FEESS erfassten psychologischen Konstrukte erfolgte einerseits in Bezug auf ihre theoretische Bedeutsamkeit, andererseits auch im Hinblick auf die praktische Relevanz im Umfeld der integrativen Beschulung und der emotionalen, sozialen und leistungsmotivationalen Bewertung der Lernsituation. Die Bezugspunkte bei der Konstruktion des Fragebogens orientierten sich an den allgemeinen pädagogischen Zielen der Grundschullehrpläne sowie an psychologisch-pädagogischen Theorien.
Im FEESS ist die Selbstwirksamkeitstheorie nach Bandura (1977) mit eingeflossen, welche davon ausgeht, dass die Ausführung einer Handlung stattfindet, wenn sich die Person den Anforderungen gewachsen fühlt (Kompetenzerwartung) und eine positive Ergebniserwartung vorliegt. Beispielsweise ist in der Skala «Selbstkonzept der Schulfähigkeit», welche sich auf die Kompetenzerwartung bei schulischen Anforderungen bezieht, die Selbstwirksamkeitstheorie repräsentiert. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985) als Motivationstheorie erklärt, dass Motivation und Anstrengungsbereitschaft einer Person höher sind, wenn sie sich selbstbestimmt, kompetent und sozial eingebunden fühlt. Die beiden grundlegenden Theorien nimmt der FEESS auf und erfasst situationsübergreifende sowie zeitlich relativ überdauernde Sichtweisen und Einstellungen der Kinder.
Die Schulklimaforschung nimmt ebenfalls an, dass eher zeitlich überdauernde Einstellungen und weniger gegenwärtige Zustände eine Rolle spielen. Im FEESS basieren die Dimensionen des Klassenklimas und der sozialen Integration auf der Schulqualitätsforschung (Fend, 1998). Dem Fragebogen liegen auch Erkenntnisse der Integrationsforschung zugrunde, insofern, dass das emotionale Wohlbefinden der einzelnen Schüler:innen, insbesondere für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, erfasst wird.
Objektivität
Für die standardisierte Durchführung sind präzise Anweisungen vorgegeben. Die Feststellungen werden von den Kindern auf einer zweistufigen Skala «stimmt» (Oval) oder «stimmt nicht» (Rechteck) beantwortet. Bei einer Gruppentestung kann die Durchführungsobjektivität eingeschränkt sein, wenn einzelne Kinder ihre Antworten laut aussprechen und andere Kinder übernehmen. Die Auswertungsobjektivität ist aufgrund der verfügbaren Schablonen gewährleistet. Die individuellen Skalenwerte können anhand der bereitgestellten Normwerte eindeutig interpretiert und eingeordnet werden.
Insgesamt trägt die präzise Einhaltung der vorgegebenen Instruktionen und Anleitungen zu einer hohen Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität bei.
Reliabilität
Die internen Konsistenzen der Individualdaten liegen je nach Skala zwischen α = .63 und α = .94. Die Skala «Klassenklima» weist die niedrigsten Werte auf mit α = .63 für die erste, sowie α = 69 für die zweite Klasse. Die internen Konsistenzen auf Basis der Klassendaten (α = .76–.97) fallen im Vergleich zu denjenigen auf Basis der Individualdaten deutlich höher aus. Somit ist die Messgenauigkeit für Klassenvergleiche bereits im ersten Schuljahr als sehr gut einzuschätzen. Die Retest-Reliabilitäten der Skalen variieren nach einem Schuljahr zwischen rtt= .34 und rtt = .53 (Individualdaten) und zwischen rtt= .61 und rtt = .94 (Klassendaten). Angaben zur Split-Half-Reliabilität liegen keine vor.
Insgesamt können die internen Konsistenzen überwiegend als ausreichend bis hoch beurteilt werden. Die beiden Skalen Klassenklima und Soziale Integration weisen eine knapp ungenügende Reliabilität auf. Die Messgenauigkeit auf Basis von Individualdaten fällt im Vergleich zu den Klassendaten geringer aus.
Validität
Die Inhaltsvalidität kann aufgrund der Ableitung aus den Zielen der Lehrpläne sowie auf Basis theoretischer Bezugskonzepte und relevanter Instrumente als gegeben betrachtet werden. Die Interkorrelationen innerhalb gleicher Konstruktbereiche fallen deutlich höher aus als die Interkorrelationen zwischen unterschiedlichen Konstruktbereichen. Die faktorielle Struktur der Skalen weist zwei Faktoren auf, die rund 70 % der Varianz der Skalen erklären. Ein weiterer Bereich ergibt das «Selbstkonzept der Fähigkeit». Die dreiteilige Faktorenstruktur bleibt über alle vier Klassenstufen (auch FEESS 3-4) bestehen, wobei im ersten Schuljahr die Skala «Selbstkonzept der Schulfähigkeit» noch stärker mit der Skala «Soziale Integration» kovariiert. Die Skalen des FEESS zeigen im Vergleich mit anderen Selbstkonzept- und Lernfreudeinstrumenten Zusammenhänge auf. Zusätzliche Untersuchungen bestätigen Korrelationen mit Befragungen der Lehrpersonen. Bei den Skalen des FEESS zeigen sich zudem erwartungskonforme Zusammenhänge mit Leistungstests und weitere Untersuchungen zeigten, dass die Skalen auch prognostische Zusammenhänge mit Schullaufbahnempfehlungen aufweisen.
Insgesamt liegen umfangreiche Belege für die Validität des Fragebogens vor, wobei sich die Werte im zweiten Schuljahr häufig höher zeigen als im ersten Schuljahr.
Normierung
Die Kinder der Eichstichprobe stammen aus zwei Gruppen, einerseits Schulen aus Hamburg sowie aus Schleswig-Holstein. Die Erhebungen fanden zwischen 1998-2001 statt. Es liegen Individualnormen getrennt für Schülerinnen und Schüler der ersten (N = 781) und zweiten Klassen (N = 864) vor. Zusätzlich sind gesonderte Normen für ganze Klassen der beiden Schulstufen verfügbar. Für die Interpretation der Ergebnisse stehen sowohl Prozentrangwerte als auch T-Werte zur Verfügung.
Literatur
- Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84, 191-215.
- Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. Plenum Press.
- Fend, H. (1998). Qualität im Bildungswesen: Schulforschung zu Systembedingungen, Schulprofilen und Lehrerleistung. Juventa.
- Rauer, W. & Schuck, K. D. (2003). FEESS 3–4. Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern dritter und vierter Klassen. Beltz.
- Rauer, W., & Schuck, K. D. (2004). FEESS 1-2. Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern erster und zweiter Klassen. Beltz.
- Rauer, W., & Schuck, K. D. (2021). FEESS 5-6: Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen in der fünften und sechsten Klassenstufe. Hogrefe.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
Haben wir etwas übersehen? Melden Sie sich gerne unter wiwawi@hfh.ch.
Überprüft: 09/2026