Diagnostische Verfahren finden
Verhaltensinventar zur Beurteilung exekutiver Funktionen (BRIEF)
von Renate Drechsler und Hans-Christoph Steinhausen (2013)

Einsatzbereich
- 6 bis 16 Jahre
- Einzeltest (Selbst- und/oder Fremdeinschätzung)
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Das BRIEF ist ein Paper-and-Pencil-Fragebogenverfahren zur Erfassung von Beeinträchtigungen exekutiver Funktionen im Alltag zu Hause und in der Schule. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche von 6 bis 16 Jahren und kann bei verschiedenen neurologischen, psychiatrischen und entwicklungsbezogenen Störungen eingesetzt werden, beispielsweise bei ADHS, Autismus, Teilleistungsschwächen oder Epilepsie nach Hirnverletzungen. Die Fremdeinschätzung erfolgt durch Eltern oder Lehrpersonen, während Jugendliche im Alter von 11 bis 16 Jahren zusätzlich eine Selbsteinschätzung (BRIEF-SB) vornehmen können. Die Fragebögen umfassen 86 Fragen bei der Fremdeinschätzung und 80 Fragen bei der Selbsteinschätzung und können in etwa 10 bis 15 Minuten bearbeitet werden. Die parallele Anwendung von Selbst- und Fremdeinschätzung wird empfohlen, um Unterschiede zwischen den Beurteilungen als zusätzliche diagnostische Hinweise zu nutzen.
Die Erfassung erfolgt über acht Inhaltsskalen, welche die Bereiche Hemmen, Umstellen, Emotionale Kontrolle, Initiative (nur Fremdbeurteilung), Arbeitsgedächtnis, Planen und Strukturieren, Ordnen und Organisieren, Überprüfen sowie Aufgaben durchführen (nur Selbstbeurteilung) abdecken. Aus diesen Einzelbereichen werden zwei Hauptindizes gebildet. Der Verhaltensregulations-Index erfasst die Steuerung von Handlungen und Emotionen. Der Kognitive Regulations-Index bündelt die Fähigkeiten zur eigenständigen Problembearbeitung von der Initiierung über Planung und Organisation bis zur Durchführung und Selbstkontrolle. Sämtliche Skalen münden zusammen im Exekutiven Gesamtwert als globales Mass der exekutiven Funktionen.
Theoretische Fundierung
Dem BRIEF liegt ein klinisch-neuropsychologisches Konzept exekutiver Funktionen zugrunde (vgl. Drechsler, 2007). Unter exekutiven Funktionen werden diejenigen übergeordneten Steuerungs- und Regulationsprozesse verstanden, die zielgerichtetes, eigenständiges und planvolles Handeln im Alltag ermöglichen (Lezak, 1995).
In der Diagnostik werden unterschiedliche Teilkomponenten unterschieden, zu denen unter anderem die Inhibition, die kognitive Umstellfähigkeit beim Aufgabenwechsel, das Bereithalten von Informationen im Arbeitsgedächtnis, das Initiieren von Handlungen, das vorausschauende Problemlösen sowie die fortlaufende Selbstüberwachung gehören (vgl. Drechsler, 2007). Theoretisch greift das Verfahren zudem die Differenzierung zwischen kognitionsorientierten, kontextunabhängigen Kontrollleistungen (sogenannte kalte exekutive Funktionen wie Arbeitsgedächtnis oder Umstellfähigkeit) und emotionalen, motivationalen sowie situationsgebundenen Regulationsprozessen (sogenannte heisse exekutive Funktionen) auf (Hongwaniskuhl, et al., 2004; Prencipe et al., 2011; Zelazo & Müller, 2002). Da beide Funktionsbereiche im Alltag eng zusammenspielen, können Beeinträchtigungen dieses Zusammenspiels zu Verhaltens- und Regulationsproblemen führen (vgl. Prencipe et al., 2011).
Objektivität
Obwohl das Manual keine expliziten Angaben zur Objektivität enthält, kann auf Grundlage der beschriebenen Verfahrensabläufe von einer vollständigen Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität ausgegangen werden. Für die Durchführung liegen klar strukturierte und differenzierte Instruktionen vor. Die Auswertung erfolgt objektiv anhand der mitgelieferten Auswertungsschablonen zur Ermittlung der Rohwertsummen der acht Inhaltsskalen. Die anschliessende Interpretation wird durch standardisierte Normtabellen sowie anschauliche Fallbeispiele im Manual verlässlich angeleitet. Insgesamt ist das Verfahren als objektiv einzustufen.
Reliabilität
Zur Überprüfung der Zuverlässigkeit des BRIEF werden verschiedene Kennwerte berichtet. Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) erreicht beim Elternfragebogen Werte zwischen α = .79 (Skala Initiative) und α = .96 für den Exekutiven Gesamtwert. Bei der Lehrpersonenversion liegen die Kennwerte zwischen α = .87 (Skala Umstellen) und α = .98 (Exekutiver Gesamtwert), während die Selbstbeurteilung (BRIEF-SB) Werte von α = .73 (Skala Überprüfen) bis α = .96 (Exekutiver Gesamtwert) aufweist. Die Retestreliabilität wurde innerhalb eines Intervalls von 10 Tagen bis 3 Wochen überprüft. Die Koeffizienten bewegen sich bei den Elternurteilen zwischen rtt = .79 und .91, bei den Lehrpersonenurteilen zwischen rtt = .84 und .94 sowie bei der Selbstbeurteilung zwischen rtt = .67 und .88.
Bei der Betrachtung der Interrater-Übereinstimmung zeigen sich zwischen den verschiedenen Beurteilungsperspektiven erwartungsgemäss nur geringe bis mittlere Zusammenhänge, was methodisch darauf zurückzuführen ist, dass in Schule und Elternhaus unterschiedliche Bereiche des Alltagsverhaltens beobachtet werden. Die Interrater-Übereinstimmung zwischen Eltern- und Lehrpersonenurteilen liegt im Bereich von r = .19 bis .42. Zudem stimmen die Selbsteinschätzungen der Jugendlichen deutlich stärker mit den Urteilen ihrer Eltern (r = .26 bis .51) als mit jenen ihrer Lehrpersonen (r = .21 bis .29) überein. Zusammenfassend überzeugt das Instrument durch eine zufriedenstellende Messgenauigkeit und Stabilität.
Validität
Die Inhaltsvalidität ist durch die Ableitung der Items aus klinischen Anamnesen sowie durch die Begutachtung durch ein Fachgremium aus Kinderneuropsycholog:innen abgesichert. Die faktorielle Validität stützt im Wesentlichen die aus der Theorie abgeleitete Zweifaktorenstruktur aus Verhaltens- und kognitiver Regulation. Zu beachten ist jedoch, dass die Hauptfaktoren hohe Interkorrelationen aufweisen. Die Zweifaktorenstruktur konnte in allen drei Versionen des BRIEF gefunden werden. Die konvergente und divergente Validität wird durch theoretisch erwartete Zusammenhänge mit etablierten Verfahren wie der Child Behavior Checklist (CBCL), dem Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ) oder den Conners-3-Skalen belegt. Darüber hinaus weist das Instrument eine hohe klinische Validität auf: Es unterscheidet verlässlich zwischen Kindern mit und ohne ADHS und zeigt bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus (insbesondere in den Bereichen Initiative, Arbeitsgedächtnis, Organisation und Selbstüberprüfung) deutlich erhöhte Beeinträchtigungswerte. Insgesamt ist das BRIEF ein valides Messinstrument für die Bestimmung der exekutiven Funktionen im Kindes- und Jugendalter zu bewerten.
Normierung
Die deutschsprachige Adaption des BRIEF entstand durch ein mehrstufiges Übersetzungs- und Rückübersetzungsverfahren in enger Abstimmung mit den Autor:innen der US-amerikanischen Originalversion. Die Normierungsstichprobe umfasst insgesamt 921 Kinder und Jugendliche aus Regelschulen, die in der Schweiz (n = 589), Deutschland (n = 183) und Luxemburg (n = 149) rekrutiert wurden und deren Daten zwischen 2006 und 2011 erhoben wurden. Das Geschlechterverhältnis sowie die Verteilung zwischen städtischen und ländlichen Wohnregionen waren in der Stichprobe repräsentativ.
Für die Fremdbeurteilungen durch Eltern und Lehrpersonen stehen geschlechtsspezifische Normen für vier Altersstufen (6-7, 8-10, 11-13 sowie 14-16 Jahre; N > 900) zur Verfügung. Für die Selbstbeurteilung im BRIEF-SB liegen geschlechtsspezifische Normwerte für zwei Altersgruppen (11-13 und 14-16 Jahre; N > 500) vor. In den Normtabellen lassen sich für sämtliche Inhaltsskalen, die beiden Hauptindizes sowie den Exekutiven Gesamtwert jeweils Prozentränge und T-Werte ablesen.
Literatur
- Drechsler, R. (2007). Exekutive Funktionen. Übersicht und Taxonomie. Zeitschrift für Neuropsychologie, 18(3), 233-248. https://doi.org/10.1024/1016-264X.18.3.233
- Drechsler, R. & Steinhausen, H.-C. (2013). Verhaltensinventar zur Beurteilung exekutiver Funktionen (BRIEF). Bren: Hans Huber.
- Hongwanishkul, D., Happaney, K. R., Lee, W. S. & Zelazo, P. D. (2005). Assessment of hot and cool executive function in young children: age-related changes and individual differences. Developmental Neuropsychology, 28(2), 617-644. https://doi.org/10.1207/s15326942dn2802_4
- Lezak, M. D. (1995). Neuropsychological assessment (3rd ed.). New York: Oxford University Press.
- Prencipe, A., Kesek, A., Cohen, J., Lamm, C., Lewis, M. D. & Zelazo, P. D. (2011). Development of hot and cool executive function during transition to adolescence. Journal of Experimental Child Psychology, 108(3), 621-637.
- Zelazo, P. D. & Müller, U. (2002). Executive function in typical and atypical development. In U. Goswami (Ed.), Handbook of childhood cognitive development (pp. 445-469). Oxford: Blackwell.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
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Überprüft: 10/2026