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Diagnostische Verfahren finden

Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit (TEPHOBE-R)

von Andreas Mayer (2025)

 

Einsatzbereich

  • Kindergarten bis 2. Klasse
  • Einzel- oder Gruppentest (phonologische Bewusstheit); Einzeltest (Benennungsgeschwindigkeit)
  • Einsatz Heil- und Sonderpädagogik

Qualitätskriterien

Theoretische Fundierung Objektivität Reliabilität Validität
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Halb gefüllter Kreis Gefüllter Kreis
Erläuterung Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. Die berichteten Kennwerte fallen für die Subtests heterogen aus. Belege zur Validität sind vorhanden.

Inhalt

Der TEPHOBE-R ist ein diagnostisches Verfahren, das primär der frühzeitigen Identifikation von Kindern mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten dient. Der Test kann mit Lernenden des Regel- oder Förderschulsettings am Ende des Kindergartens oder am Anfang der ersten beiden Schuljahre durchgeführt werden. Durch den Einsatz bereits vor oder zu Beginn der Schulzeit ermöglicht er die Ableitung präventiver Fördermassnahmen, die zu diesem Zeitpunkt als besonders effektiv gelten. Ausserdem findet das Verfahren auch in der Forschung Anwendung. Das Verfahren ist als Paper-Pencil-Test gestaltet und gliedert sich in zwei zentrale Bereiche:

  1. Phonologische Bewusstheit: Dieser Teil umfasst je nach Klassenstufe vier bis fünf Untertests (u.a. Reimen, Phonemsynthese, Anlautkategorisierung sowie in der 2. Klasse Phonemsegmentation, -elision und -umkehr). Das Aufgabenformat besteht überwiegend aus Bildauswahlaufgaben, bei denen die Kinder aus vier Antwortmöglichkeiten die richtige(n) Lösung(en) identifizieren müssen. Ein Untertest besteht aus sieben Items und dauert etwa 10 Minuten; die gesamte Durchführung im Klassen- oder Einzelsetting beansprucht circa eine Unterrichtsstunde.
  2. Benennungsgeschwindigkeit (RAN): Basierend auf den Arbeiten von Denckla und Rudel (1976) wird die Geschwindigkeit erfasst, mit der Schüler:innen visuelle Items (Farben, Objekte, Buchstaben oder Zahlen) benennen und auf ihr phonologisches Lexikon zugreifen können. In den zwei bis drei Subtests (je nach Klassenstufe) müssen jeweils 50 Items (10 Wiederholungen von 5 Items) so schnell wie möglich benannt werden. Die Durchführung erfolgt im Einzelsetting und dauert etwa 10 Minuten.

Theoretische Fundierung

Der TEPHOBE-R basiert auf der phonologischen Defizithypothese (Stanovic 1988). Diese geht davon aus, dass Defizite in der akustischen Verarbeitung zu Beeinträchtigungen der Phonemrepräsentation und damit der phonologischen Informationsverarbeitung führen. Dadurch wird die Worterkennung erschwert, was sich nachteilig auf den Erwerb der Lese- und Rechtschreibkompetenz auswirkt. Der TEPHOBE-R fokussiert auf zwei zentrale Teilfunktionen der phonologischen Informationsverarbeitung, die empirisch als die zuverlässigsten Prädiktoren für den späteren Lese- und Schrifterwerb gelten: die phonologische Bewusstheit und die Benennungsgeschwindigkeit (RAN) (Schatschneider & Torgesen, 2004).

Die Erfassung der phonologischen Bewusstheit orientiert sich dabei am zweidimensionalen Modell nach Schnitzler (2008). Dieses Modell differenziert zum einen nach der Grösse der Einheit (Silbe, Onset, Rime, Phonem) und zum anderen nach der geforderten kognitiven Operation, wobei zwischen impliziter Bewusstheit (spontane Anwendung, z. B. Reimen) und expliziter Bewusstheit (bewusste Manipulation, z. B. Phonemumkehr) unterschieden wird. Die Benennungsgeschwindigkeit (RAN) beschreibt die Fähigkeit, vertraute visuelle Reize schnell zu erkennen, sprachlich zu verarbeiten und korrekt zu benennen (lautsprachlich-kognitive Kompetenz; Mayer, 2021).

Theoretisch wird dies durch das Dual-Route-Modell der Worterkennung (Coltheart, 2005) und ein spezifisches Leseerwerbsmodell (Costard, 2011) untermauert, welche aufzeigen, wie die beschriebenen Vorläuferfertigkeiten unterschiedliche Teilprozesse des Lesens und Schreibens beeinflussen.

Objektivität

Die Durchführungsobjektivität des TEPHOBE-R wird durch detailliert beschriebene Abläufe und wörtliche Instruktionen für die Testleitung sichergestellt. Eine beiliegende Audiodatei trägt zusätzlich dazu bei, individuelle Unterschiede in der Wortaussprache zu minimieren. Hinsichtlich der Auswertungsobjektivität lässt das Verfahren wenig Spielraum für subjektive Einschätzungen (richtig/falsch-Antworten) zu, während die Interpretationsobjektivität durch die Bereitstellung standardisierter Normtabellen gewährleistet wird. Insgesamt kann der TEPHOBE-R somit als objektives diagnostisches Verfahren eingestuft werden.

Reliabilität

Die Zuverlässigkeit des TEPHOBE-R wurde über verschiedene Kennwerte geprüft. Die interne Konsistenz für den Gesamttest liegt bei Werten zwischen α = .82 und .87. Bei der phonologischen Bewusstheit werden Werte zwischen α = .62 und .94 angegeben, wobei die interne Konsistenz insbesondere für Onset-Rime-Synthese (1. Klasse), die Phonemsynthese (Kindergarten) und die Phonemelision (2. Klasse) unter α < .70 liegen. Für die Benennungsgeschwindigkeit liegen die Werte zwischen α = .71 und .84.

Die Split-Half-Reliabilität (keine Angaben zum Split) erreicht für den Gesamttest-Werte zwischen rtt = .69 und .76. Die Subtests zur phonologischen Bewusstheit weisen Werte zwischen rtt = .42 und .91 auf, mit tiefen Werten für die Subtests Synthese von Onset und Rime sowie Anlautkategorisierung (Kindergarten, 1. Klasse), Phonemsynthese (1. Klasse), Phonemelision (2. Klasse)). Die Benennungsgeschwindigkeit weist hier mit rtt = .80 bis .91 eine hohe Reliabilität auf. In einer kleinen Stichprobe im Kindergarten wurde zudem eine Retestreliabilität (keine Angaben zum Intervall) von rtt = .88 für den Gesamttest sowie rtt = .64 bis .79 für die Subtests ermittelt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der TEPHOBE-R zwar mehrheitlich zuverlässig misst, jedoch bei einzelnen Subtests aufgrund ungenügender Reliabilitätswerte in bestimmten Klassenstufen Vorsicht geboten ist.

Validität

Die Inhaltsvalidität des TEPHOBE-R gilt als gegeben, da sämtliche Aufgabenstellungen zur phonologischen Bewusstheit theoretisch fundiert aus dem zweidimensionalen Modell nach Schnitzler (2008) abgeleitet sind und auch die RAN-Aufgaben den fachwissenschaftlichen Anforderungen entsprechen (Denckla & Rudel, 1976).

Die konvergente Validität des TEPHOBE-R wird durch Korrelationen mit etablierten Verfahren gestützt. Während sich für die Benennungsgeschwindigkeit hohe Zusammenhänge mit dem BISC (r = .68 bis .78) zeigen, fallen die Korrelationen für die phonologische Bewusstheit aufgrund unterschiedlicher Operationalisierungen niedrig bis mittel aus. Korrelationen mit dem Leseverständnis (ELFE 1-6) in der 2. Klasse zeigen Werte zwischen r = .41 und .49. Die prognostische Validität zeigt, dass Risikokinder für Lese- und Rechtschreibprobleme am Ende der 1. und 2. Klasse mit einer Trefferquote (valide positiv) von 71% bis 73% korrekt identifiziert werden. Insgesamt ist der TEPHOBE-R ein valides Instrument zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit. Insbesondere überzeugt er durch seine hohe prognostische Validität bei der Identifikation von LRS-Risikokindern.

Normierung

Die Normierung des TEPHOBE-R basiert auf einer Stichprobe von insgesamt 823 Kindern vom Vorschuljahr des Kindergartens bis zur zweiten Klassenstufe. Die Datenerhebung erfolgte coronabedingt in zwei Messzeiträumen: Juni bis November 2021 sowie Juni bis Juli 2022. Für das Ende der Vorschule (n = 320), den Beginn der ersten Klasse (n = 331) und den Beginn der zweiten Klasse (n = 172) liegen Prozentrangnormen und T-Werte für den Gesamttest sowie die einzelnen Subtests vor.

Literatur

  • Coltheart, M. (2005). Modeling reading. The dual route approach. In M. Snowling & C. Hulme (eds.), The science of reading. A Handbook (pp. 6-23). Oxford: Blackwell.
  • Costard, S. (2011). Störungen der Schriftsprache – Modellgeleitete Diagnostik und Therapie (2. Aufl.). Stuttgart: Thieme.
  • Denckla, M. B. & Rudel, R. G. (1976). Rapid automatized naming (R. A. N.): Dyslexia differentiated from other learning disabilities. Neuropsychologia, 14(4), 471-479.
  • Mayer, A. (2021). Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) (2. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.
  • Mayer, A. (2025). Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit (TEPHOBE-R) (6. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.
  • Schatschneider, C. & Torgesen, J. K. (2004). Using our current understanding of dyslexia to support early identification and intervention. Journal of Child Neurology, 19(10), 759.765.
  • Schnitzler, C. (2008). Phonologische Bewusstheit und Schriftspracherwerb. Stuttgart: Thieme.
  • Stanovic, K. E. (1988). Explaining the difference between the dyslexic and garden variety poor readers: The phonological core variable difference model. Journal of Learning Disabilities, 21(10), 590-612

Verfügbarkeit an der HfH


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Überprüft: 09/2026

 

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