- Hagmann-von Arx (2025). Diagnostische Reisen bei Kindern und Jugendlichen. Ein heil- und sonderpädagogischer Blick auf Wege zu psychischen Diagnosen und darüber hinaus. Edition SZH/CSPS 42. Webshop
Zur heil- und sonderpädagogischen Diagnostik
Heil- und sonderpädagogische Diagnostik
Zeil der heil- und sonderpädagogischen Diagnostik ist es, die individuelle Lern- und Entwicklungsausgangslage von Kindern und Jugendlichen zu erfassen, um darauf aufbauend geeignete Fördermassnahmen zu planen, durchzuführen und zu evaluieren. Diagnostik dient somit als Grundlage für (heil- und sonder)pädagogisches Handeln und unterstützt dabei, Förderentscheidungen zu treffen und Lernprozesse gezielt zu begleiten. Heil- und sonderpädagogische Diagnostik zielt dabei nicht in erster Linie auf die Zuordnung zu Kategorien oder Diagnosen ab, sondern auf eine kategorienoffene Einschätzung individueller Stärken und Schwierigkeiten (Hagmann-von Arx & Krüger, 2026).
Für die heil- und sonderpädagogische Diagnostik stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Dazu gehören Verhaltensbeobachtungen, Gespräche und Interviews, Fragebogen sowie Testverfahren (Bundschuh & Winkler, 2019; Gebhardt, 2023).
Verhaltensbeobachtungen
Die Verhaltensbeobachtung ist eine zentrale Methode der heil- und sonderpädagogischen Diagnostik. Sie steht häufig am Anfang diagnostischer Prozesse und wird auch im weiteren Verlauf immer wieder eingesetzt (Fisseni, 2004). In der Fachliteratur wird sie daher auch als „Königsdisziplin der heil- und sonderpädagogischen Diagnostik“ (Tönnissen et al., 2024, S. 306) bezeichnet.
Gespräche und Interviews
Gespräche und Interviews sind eine wichtige Methode der heil- und sonderpädagogischen Diagnostik, da sie Einblick in subjektive Sichtweisen und Erfahrungen ermöglichen. In Gesprächen können beispielsweise Informationen zur Lern- und Entwicklungsbiografie, zur aktuellen Lernsituation, zu Stärken und Schwierigkeiten sowie zum Arbeits- und Sozialverhalten gewonnen werden. Gespräche werden je nach Fragestellung mit dem Kind oder Jugendlichen, mit Eltern oder Erziehungsberechtigten, mit Lehrpersonen sowie bei Bedarf mit weiteren Fachpersonen geführt. Unterschiedliche Perspektiven tragen dazu bei, ein möglichst umfassendes Bild der Situation zu erhalten.
Fragebogen und Testverfahren
Fragebogen und standardisierte Testverfahren ermöglichen eine strukturierte und systematische Erfassung von Verhalten, Kompetenzen und Fähigkeiten. Fragebogen werden häufig von Eltern, Lehrpersonen oder den Kindern und Jugendlichen selbst ausgefüllt und liefern Einschätzungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Standardisierte Testverfahren erfassen ausgewählte Fähigkeiten und Fertigkeiten unter festgelegten Bedingungen und ermöglichen einen Vergleich mit Normstichproben. Die Ergebnisse aus Fragebogen und Tests stellen eine wichtige Ergänzung zu Beobachtungen und Gesprächen dar und werden im diagnostischen Prozess gemeinsam mit weiteren Informationen interpretiert.
Fragebogen und Testverfahren im Kontext der Heil- und Sonderpädagogik
Die Anwendung von Fragebogen und Testverfahren in der Heil- und Sonderpädagogik bildet eine Schnittmenge zur Pädiatrie, Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie. In der Praxis stellt sich häufig die Frage, welche Fragebogen und Testverfahren von Fachpersonen der Heil- und Sonderpädagogik durchgeführt werden dürfen und welche Verfahren medizinischem und psychologischem Fachpersonal vorbehalten sind. Die vorliegende Plattform Wissen, welche Diagnostik! setzt hier an: Sie informiert über ausgewählte diagnostische Verfahren, stellt deren wissenschaftliche Güte dar und gibt zugleich eine fachliche Einschätzung, welche Verfahren im heil- und sonderpädagogischen Kontext eingesetzt werden können.
Gütekriterien von Fragebogen und Testverfahren
Damit diagnostische Ergebnisse aussagekräftig, vergleichbar und als Grundlage für Förderentscheidungen nutzbar sind, müssen Testverfahren bestimmten wissenschaftlichen Gütekriterien entsprechen. Zu den wichtigsten Gütekriterien zählen Objektivität, Reliabilität und Validität.
Objektivität
Objektivität beschreibt, inwieweit die Ergebnisse eines Testverfahrens unabhängig von der durchführenden oder auswertenden Person sind. Ein Test ist objektiv, wenn Durchführung, Auswertung und Interpretation nach klaren, standardisierten Regeln erfolgen, sodass verschiedene Fachpersonen bei gleichen Voraussetzungen zu denselben Ergebnissen kommen. Man unterscheidet daher Durchführungsobjektivität, Auswertungsobjektivität und Interpretationsobjektivität.
Reliabilität
Reliabilität bezeichnet die Zuverlässigkeit eines Testverfahrens. Ein Test gilt als reliabel, wenn er bei wiederholter Durchführung unter gleichen Bedingungen zu gleichen oder sehr ähnlichen Ergebnissen führt. Die Reliabilität gibt somit an, wie genau ein Test misst und wie stark die Ergebnisse durch zufällige Fehler beeinflusst werden. Je höher die Reliabilität, desto geringer ist der Messfehler und desto verlässlicher sind die Testergebnisse.
Validität
Validität beschreibt die Gültigkeit eines Testverfahrens, also ob ein Test tatsächlich das misst, was er zu messen vorgibt. Ein Verfahren ist valide, wenn die Ergebnisse eine inhaltlich sinnvolle und empirisch belegbare Aussage über das zu erfassende Merkmal ermöglichen. Man unterscheidet verschiedene Formen der Validität, beispielsweise Inhaltsvalidität, Konstruktvalidität (faktorielle, konvergente und diskriminante Validität), Kriteriumsvalidität (Übereinstimmungsvalidität, prognostische Validität) und differenzielle Validität.
Die drei Gütekriterien stehen in einem engen Zusammenhang: Ein Test kann nur valide sein, wenn er auch objektiv und reliabel ist. Objektivität ist dabei die Voraussetzung für Reliabilität, und Reliabilität wiederum ist die Voraussetzung für Validität. Daher ist die Prüfung und Dokumentation dieser Gütekriterien ein zentraler Bestandteil der Beurteilung diagnostischer Verfahren und eine wichtige Grundlage für fundierte diagnostische Entscheidungen im heil- und sonderpädagogischen Kontext.
Diagnostik ≠ Diagnose
Diagnostik bezeichnet den Prozess der systematischen Informationsgewinnung und -auswertung, beispielsweise durch Beobachtungen, Gespräche, Fragebogen und Tests. Eine Diagnose hingegen ist das Ergebnis dieses Prozesses, also die zusammenfassende fachliche Einschätzung einer Situation oder Problemlage. Diagnosen werden in der Regel von Fachpersonen aus den Bereichen Pädiatrie, Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie gestellt. Heil- und sonderpädagogische Diagnostik hat nicht das Ziel, eine Diagnose zu stellen, sondern die Grundlage für Förderung zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird häufig auch der Begriff Förderdiagnostik verwendet, um zu betonen, dass Diagnostik in der Heil- und Sonderpädagogik eng mit der Planung und Gestaltung von Förderung verbunden ist.
Die Bedeutung von Diagnosen im Kontext der Heil- und Sonderpädagogik wurde im Buch „Diagnostische Reisen bei Kindern und Jugendlichen. Ein heil- und sonderpädagogischer Blick auf Wege zu psychischen Diagnosen und darüber hinaus“ von Hagmann-von Arx (2025) herausgearbeitet. Das Buch ist bei der Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH) erschienen und ist als PDF kostenlos erhältlich ist.
Literatur
