Diagnostische Verfahren finden
Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für erste und zweite Klassen (WRT 1+)
von Peter Birkel und Daniel Berwanger (2022)

Einsatzbereich
- 1. bis 2. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Der WRT 1+ ist ein standardisiertes Verfahren, das darauf ausgerichtet ist, die Rechtschreibfähigkeit von Kindern am Ende der ersten und während der zweiten Primarstufe zeitökonomisch und objektiv zu erfassen. Der Test überprüft die Rechtschreibfähigkeiten eines für diese Altersstufe angemessenen Grundwortschatzes. Der WRT 1+ findet Anwendung im Grund- und Sonderschulsetting, im Rahmen von (Lernfortschritts-)Diagnostik und Förderentscheidungen sowie in der Forschung.
Für eine differenzierte Diagnostik und Verlaufskontrolle stehen zwei Parallelformen mit jeweils 25 Items zur Verfügung. Das Verfahren ist als Lückentextdiktat konzipiert, wobei die Testwörter in eine motivierende Geschichte eingebettet sind. Die Durchführung im Klassen- oder Einzelsetting beansprucht maximal 45 Minuten und wird im Paper-and-Pencil-Format umgesetzt. Die Auswertung erfolgt sowohl quantitativ anhand der Anzahl richtig geschriebener Wörter als auch qualitativ durch eine detaillierte Analyse der Fehlerschwerpunkte. Diese differenzierte Auswertung bietet eine fundierte Grundlage für die Entscheidung über Fördermassnahmen und die Gestaltung des Rechtschreibunterrichts.
Theoretische Fundierung
Die theoretische Basis des WRT 1+ bildet das Konzept eines didaktischen Rechtschreibgrundwortschatzes, der als zentrale Voraussetzung für einen systematischen Rechtschreibunterricht im Klassenunterricht gilt. Nach Schwarz (1983) und Rückenmann (1991) sollten Wörter eines Rechtschreibgrundwortschatzes nach ihrer Häufigkeit im Sprachgebrauch, ihrer Bedeutung für die Lebenswelt der Kinder sowie ihrem didaktischen Potenzial ausgewählt werden. Sie sollen die Entdeckung von Rechtschreibphänomenen und den Aufbau von Regeln unterstützen sowie vielfältige Anknüpfungspunkte für den Unterricht und den Transfer auf weitere Wörter bieten.
Um eine hohe Aktualität des Wortschatzes zu gewährleisten, wurden für die Erstellung des WRT 1+ bundesweite Wortschatzlisten verglichen. Während die erste Fassung auf dem bayerischen Grundwortschatz von 1980 basierte, wurde das Instrument in den nachfolgenden Auflagen kontinuierlich reflektiert und mit aktuellen Listen abgeglichen.
Objektivität
Die Durchführungsobjektivität des WRT 1+ ist durch detaillierte Anweisungen und Hinweise im Testmanual gewährleistet, die einen standardisierten Ablauf sicherstellen. Hinsichtlich der Auswertungsobjektivität liegen eindeutige Anleitungen sowie Hilfsmittel wie ein Lösungsschlüssel vor, die eine objektive Punktevergabe ermöglichen. Die Interpretationsobjektivität wird durch die Bereitstellung umfassender Normtabellen gestützt, die die Einordnung der Ergebnisse in Prozentränge, T-Werte und Normbänder ermöglichen. Insgesamt kann der WRT 1+ als objektives Messinstrument eingestuft werden, vorausgesetzt, die Anweisungen werden von der Testleitung gründlich studiert und pflichtbewusst umgesetzt.
Reliabilität
Die Zuverlässigkeit des WRT 1+ wurde über verschiedene Verfahren und Zeitpunkte hinweg geprüft. In den Untersuchungen von 1995 zeigten sowohl die Split-Half-Reliabilität (Even-Odd-Methode) mit Werten von rtt = .915 (Form A) und rtt = .912 (Form B) als auch die Konsistenzanalyse mit Werten von rtt = .926 (Form A) und rtt = .924 (Form B) für die erste Klasse eine sehr hohe Messgenauigkeit.
Bei der Retestreliabilität zeigen sich unterschiedliche Ergebnisse je nach Klassenstufe. Die Untersuchung im Jahr 1995 mit Messintervallen von 9 bis 15 Wochen weist Werte zwischen rtt = .669 (Ende 1. Klasse und Anfang 2. Klasse) und rtt = .808 (Anfang 2. Klasse und Mitte 2. Klasse) auf. Die Autoren führen die teilweise tieferen Werte beim Übergang von der ersten zur zweiten Klasse auf die Vertiefung des Rechtschreibunterrichts sowie auf die noch instabile Rechtschreibleistung bei jüngeren Kindern zurück. Die Retestreliabilität wurde bei der Neunormierung 2005 erneut überprüft. Die Werte (Intervall von 2 Wochen in der Mitte der 2. Klasse) weisen auf eine hohe Reliabilität hin: Form A: rtt = .907 und Form B: rtt = .911.
Ergänzend belegen die Paralleltestkoeffizienten von 1995, die über alle Schulstufen zwischen rtt = .870 und .899 liegen, die hohe Zuverlässigkeit des Verfahrens. Im Jahr 2005 konnte die Paralleltestreliabilität in der Mitte der 2. Klasse mit einem Wert von rtt = .903 bestätigt werden. Insgesamt erweist sich der WRT 1+ als überwiegend präzises Instrument zur Erfassung der Rechtschreibkompetenz.
Validität
Die Inhaltsvalidität des WRT 1+ ist durch die curriculare Gültigkeit des Grundwortschatzes sowie durch positive Rückmeldungen von Lehrpersonen belegt. Die Übereinstimmungsvalidität zeigt sich in mittleren bis hohen Korrelationen mit Lehrpersonenurteilen (r = .629 bis .804) sowie hohen Zusammenhängen mit anderen Verfahren wie dem DRT 1 (r = .803 bis .819).
Die Konstruktvalidität des WRT 1+ wird durch empirische Befunde gestützt, welche die theoretisch postulierten Zusammenhänge zwischen phonologischer Bewusstheit, Lautdiskrimination und Rechtschreibfähigkeit bestätigen. Gleichzeitig weisen die nur geringen Korrelationen zwischen allgemeiner Intelligenz und Rechtschreibleistung auf die spezifische Messintention des Verfahrens hin. Insgesamt sprechen die vorliegenden Befunde für die Validität des WRT 1+ als Instrument zur Erfassung der Rechtschreibkompetenz von Schüler:innen.
Normierung
Die Neunormierung des WRT 1+ erfolgte im Zeitraum von 2017 bis 2021, wobei die Besonderheiten der Corona-Pandemie in der Eichstichprobe berücksichtigt wurden. Die Gesamtstichprobe umfasst 6’008 Schüler:innen aus allen 16 Bundesländern. Es handelt sich um eine anfallende Stichprobe; während die Geschlechter gleichmässig verteilt sind, ist die Stichprobe hinsichtlich der regionalen Verteilung der Bundesländer nicht vollumfänglich repräsentativ für die Grundgesamtheit.
Das Verfahren stellt Normen für das Ende der 1. Klasse sowie für den Anfang und die Mitte der 2. Klasse bereit. Dabei werden spezifische Normtabellen für alle Schüler:innen, für Lernende mit ausschliesslich deutscher Muttersprache sowie für solche mit nicht-deutscher Muttersprache angeboten. Die Tabellen ermöglichen eine präzise Einordnung der Leistungen anhand von Prozenträngen, Prozentrangbändern, T-Werten und T-Wert-Bändern und enthalten zusätzlich Notenvorschläge.
Literatur
- Birkel, P. & Berwanger, D. (2022). Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test für erste und zweite Klassen (WRT 1+) (3. voll. überarb. und neu normierte Aufl.). Hogrefe.
- Rückenmann, S. (1991). Tägliche Arbeit mit dem Grundwortschatz – vom 1. bis 3. Schuljahr. Heinsberg: Agentur Dieck.
- Schwarz, E. (1983). Auf der Suche nach dem Rechtschreib-Grundwortschatz. Die Grundschule, 15, 57-62.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
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Überprüft: 07/2026