Diagnostische Verfahren finden
Würzburger Leise Leseprobe – Revision (WLLP-R)
von Wolfgang Schneider, Iris Blanke, Verena Faust und Petra Küspert (2011)

Einsatzbereich
- 1. bis 4. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Die WLLP-R ist ein standardisiertes diagnostisches Instrument zur zuverlässigen Erfassung der Dekodier- bzw. Lesegeschwindigkeit im deutschsprachigen Raum. Das Verfahren ist darauf ausgelegt, die Leseleistung in einer alltagsnahen Situation durch leises Lesen zu erheben und eignet sich aufgrund seiner Konstruktion besonders für die Verlaufskontrolle der Leseentwicklung über mehrere Schuljahre hinweg. Die Leseprobe kann als Gruppen- oder Einzeltest in (Sonder-)Schulen sowie in der Forschung eingesetzt werden.
Das als Paper-Pencil-Test konzipierte Verfahren ermöglicht eine zeitökonomische Lernstandserfassung ganzer Schulklassen und dient im Klassenverband als Screening-Instrument, um Kinder mit geringer Leseleistung frühzeitig zu identifizieren. Während der Test wertvolle Hinweise auf allgemeine Schwierigkeiten liefert, wird für eine detaillierte Diagnostik und die darauf aufbauende Förderplanung bei auffälligen Kindern ein ergänzendes Einzelprüfverfahren empfohlen.
Die Durchführung erfolgt als Multiple-Choice-Verfahren im Speed-Design. Die Lernenden haben eine aktive Bearbeitungszeit von fünf Minuten, um möglichst viele Aufgaben zu lösen. Die Aufgabe besteht darin, ein geschriebenes Wort der passenden Illustration aus vier Bildalternativen zuzuordnen. Der Test umfasst je nach Klassenstufe 140 bzw. 180 Aufgaben und liegt in zwei Parallelformen vor. Inklusive Instruktion und Organisation sollte für die Durchführung ein Zeitfenster von etwa 15 Minuten eingeplant werden.
Theoretische Fundierung
Die WLLP-R stellt eine Weiterentwicklung der Würzburger Leise Leseprobe (WLLP; Küspert & Schneider, 1998) dar und orientiert sich konzeptionell an skandinavischen Testverfahren (Lesetest OS 400; Søegård & Petersen, 1974). Im Zentrum des Verfahrens steht die Dekodier- bzw. Lesegeschwindigkeit als zentrale Variable der Leseleistung. Auf eine direkte Messung der Lesegenauigkeit oder des Textverständnisses wird bewusst verzichtet, da sich Unterschiede in der deutschen Orthografie weniger in der Genauigkeit als vielmehr in der Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigen (Wimmer & Goswami, 1994). Die Erfassung dieser basalen Fertigkeit gilt bereits in der frühen Grundschulzeit als valider Indikator für die allgemeine Lesekompetenz.
Theoretisch wird angenommen, dass eine effiziente und automatisierte Worterkennung kognitive Ressourcen freisetzt, die für hierarchiehöhere Verständnisprozesse genutzt werden können (vgl. Lenhard & Artelt, 2009). Entsprechend gilt die Lesegeschwindigkeit als bedeutsames Kriterium zur Beurteilung der Lesefertigkeit im Kindesalter (Landerl, 2000). Für die Praxis bedeutet dies, dass bei Fragestellungen zum Textverständnis ergänzende diagnostische Verfahren erforderlich sind. Ausserdem wird darauf hingewiesen, dass die schulische Förderung nicht auf das Üben isolierter Wörter beschränkt bleiben sollte, sondern das Lesen zusammenhängender Texte in den Fokus rücken muss.
Objektivität
Die Objektivität der WLLP-R wird durch die standardisierten Instruktionen im Manual sowie den Einsatz von Auswertungsschablonen sichergestellt, wodurch Durchführungs- und Auswertungsfehler minimiert werden. Für die objektive Einordnung der individuellen Testergebnisse stehen umfassende Normtabellen zur Verfügung. Bei Einhaltung der Vorgaben zur Durchführung, Auswertung und Interpretation ist die Objektivität des Verfahrens gegeben.
Reliabilität
Die Zuverlässigkeit des Verfahrens wurde anhand verschiedener Kennwerte belegt. Die Paralleltestreliabilität wurde für die WLLP-R nicht erneut erhoben und es werden die Werte der WLLP berichtet. Die Werte der Paralleltestreliabilität der WLLP (Intervall eine Woche) liegen zwischen rtt = .82 (4. Klasse) und rtt = .93 (3. Klasse) mit einem Gesamtwert von rtt = .97. Die Retestreliabilität wurde für die WLLP-R überprüft. In der Retestreliabilität (Intervall drei Wochen) zeigen sich über alle Klassenstufen hinweg Koeffizienten zwischen rtt = .76 und .82 (Gesamtstichprobe rtt = .93). Die berichteten Kennwerte belegen eine hohe Messgenauigkeit und weisen die WLLP-R als ein reliables diagnostisches Instrument aus.
Validität
Das Verfahren weist eine hohe Augenscheinvalidität auf, da die Testleistung unmittelbar Rückschlüsse auf die basale Lesefertigkeit ermöglicht. Die Kriteriumsvalidität wurde primär über die Originalversion (WLLP) belegt, wobei sich über alle Klassenstufen hinweg mittlere bis hohe Zusammenhänge mit Lehrerbeurteilungen, Deutschnoten sowie spezifischen Einzelprüfverfahren wie dem DLF (Klassen 1–2) oder dem BLT (Klassen 3–4) zeigten. Während Korrelationen mit anderen Lesetests (z. B. Knuspel) teils niedriger ausfallen, wird dies darauf zurückgeführt, dass die Aufgaben vor allem für jüngere Kinder schwierig zu lösen sind. Da die Revision (WLLP-R) in einer Teilstichprobe von N = 249 (2.-4. Klasse) sehr hoch mit der Ursprungsfassung korreliert (r = .90), sind die Validitätsbefunde gemäss der Autor:innen direkt übertragbar. Insgesamt belegen die Daten eine zufriedenstellende Validität der WLLP-R.
Normierung
Die Normierung der WLLP-R erfolgte im Sommer 2009 an einer Stichprobe von 2’333 Kindern aus fünf deutschen Bundesländern. Die Stichprobe umfasst die Klassenstufen 1 bis 4 und weist eine ausgewogene Verteilung hinsichtlich des regionalen Standorts (Stadt/Land) auf. Es liegen Prozentrangnormen sowie T-Äquivalenzwerte für die Anzahl korrekter Lösungen vor, die nach Klassenstufen differenziert und zusätzlich nach Geschlecht getrennt ausgewiesen werden.
Literatur
- Küspert, P. & Schneider, W. (1998). Würzburger Leise Leseprobe (WLLP). Hogrefe.
- Landerl, K. (2000). Der Salzburger Lese- und Rechtschreibtest (SLRT). In M. Hasselhorn, W. Schneider & H. Marx (Hrsg.), Diagnostik von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Tests und Trends, N.F. Band 1 (S. 63-80). Hogrefe.
- Lenhard, W. & Artelt, C. (2009). Komponenten des Leseverständnisses. In W. Lenhard & W. Schneider (Hrsg.), Diagnostik und Förderung des Leseverständnisses. Test und Trends, N.F. Band 7 (S. 1-18). Hogrefe.
- Schneider, W., Blanke, I., Faust, V. & Küspert, P. (2011). Würzburger Leise Leseprobe – Revision (WLLP-R). Hogrefe.
- Søegård, A. & Petersen, S. P. B. (1974). OS 400. Ordstillelœsingsprøve. Kopenhagen: Dansk Psykologisk Forlag.
- Wimmer, H. & Goswami, U. (1994). The influence of orthographic consistency on reading development: word recognition in English and German children. Cognition, 51, 91-103.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
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Überprüft: 07/2026