Diagnostische Verfahren finden
Potsdamer Lesetest (PLT 1-PLT4)
von Carola Schnitzler und Gerheid Scheerer-Neumann (2022)




Einsatzbereich
- 1. bis 4. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Der PLT 1-4 ist ein standardisiertes diagnostisches Verfahren, das speziell für die Erfassung der basalen Worterkennung sowie des Leseverstehens in den Schulstufen 1 bis 4 entwickelt wurde. Das Instrument verfolgt das Ziel, neben hohen psychometrischen Standards eine besondere Praxistauglichkeit für den Schulalltag zu bieten. Dies äussert sich u.a. in einer übersichtlichen Struktur, ansprechenden Texten, ökonomischer Durchführung und onlinegestützter Auswertung. Die Gesamtdauer der Testung beträgt etwa 30 Minuten, wobei die reine Bearbeitungszeit bei ca. 11 bis 11,5 Minuten liegt.
Das Verfahren liegt in vier stufenspezifischen Versionen (PLT1 bis PLT4) vor. Ergänzend zum Manual bieten zwei spezifische Hinweishefte (PLT 1/2 und PLT 3/4) vertiefende Informationen. Ausserdem bietet das Manual konkrete Empfehlungen für die anschliessende Förderung.
Der Test umfasst zwei zentrale Untertests. Im Untertest Worterkennen (WE) bearbeiten die Lernenden einen Speed-Test (Bearbeitungszeit je nach Klassenstufe zwischen 60-90 Sekunden), bei dem sie in einer Wörterliste möglichst schnell alle Tierwörter markieren müssen. Beim Untertest Leseverstehen (LV) werden innerhalb von zehn Minuten mehrere kurze Texte bearbeitet. Die Lernenden wählen an ausgewählten Textstellen passende Wörter aus jeweils drei Antwortmöglichkeiten aus.
Die Auswertung erfolgt zeitsparend über ein Online-Tool, in das die Rohwerte übertragen werden. Das System übernimmt die Berechnungen automatisch und liefert sowohl Profile auf Individualebene als auch umfassende Auswertungen für den gesamten Klassenverband.
Theoretische Fundierung
Der PLT 1-4 begreift das Leseverstehen als einen vielschichtigen Vorgang, der auf dem komplexen Zusammenwirken kognitiver und metakognitiver Prozesse sowie verschiedenen Wissensgrundlagen basiert. Als theoretischer Ausgangspunkt dient das «Simple View of Reading»-Modell, das das Textverständnis massgeblich auf die beiden Faktoren Wortkennen und Sprachverständnis zurückführt (z.B. Gough & Tunmer, 1986). Es wird angenommen, dass diese beiden Faktoren in gegenseitiger Abhängigkeit stehen (z.B. Tunmer & Chapman, 2012).
Die Worterkennung wird hierbei als «Flaschenhals» für das Leseverstehen verstanden, wobei die automatisierte Dekodierung auf Wortebene die zwingende Voraussetzung für das Erfassen grösserer Sinneinheiten bildet (z.B. Perfetti & Stafura, 2014). Das Verfahren stützt sich dabei auf das Zwei-Wege-Modell des Worterkennens (Coltheart, 1978), das zwischen dem unmittelbaren Abruf bekannter Wortbilder aus dem mentalen Lexikon und dem indirekten, synthetisierenden Erlesen über die Laut-Buchstaben-Zuordnung differenziert.
Hinsichtlich des Leseverstehens legt das Instrument den Fokus auf die prozesshafte Rekonstruktion von Sinngehalten während des Lesens (vgl. Rost, 2001). In Anlehnung an aktuelle Komponentenmodelle (z.B. Scheerer-Neumann, 2018) werden dabei neben primär lesespezifischen Fertigkeiten wie der Leseflüssigkeit auch sprachliche Voraussetzungen, motivationale Aspekte sowie das allgemeine Welt- und Vorwissen der Lernenden als relevante Ressourcen berücksichtigt.
Objektivität
Die Durchführungsobjektivität des PLT 1-4 wird durch die strikte Einhaltung der vorgegebenen Instruktionen und Handlungsanweisungen sichergestellt. Dank einer standardisierten Online-Auswertung inklusive Schritt-für-Schritt-Anleitung wird die Auswertungsobjektivität gewährleistet, da sämtliche Berechnungen und Einordnungen der Rohwerte automatisiert erfolgen. Dieser Prozess unterstützt konsequent auch eine hohe Interpretationsobjektivität. Bei pflichtbewusster Einhaltung der Vorgaben gilt der PLT 1-4 als objektives Verfahren zur Erhebung der Lesekompetenzen.
Reliabilität
Die Zuverlässigkeit wurde mittels Retestreliabilität (Intervall 14 Tage) und Split-Half-Reliabilität (Odd-Even-Methode) ermittelt. In der Retest-Prüfung liegen die Werte für das Worterkennen zwischen rtt = .73 und .89, während für das Leseverstehen Werte von rtt = .90 bis .92 erreicht werden. Die Split-Half-Reliabilität beim Worterkennen zeigt Koeffizienten zwischen rtt = .91 und .93 auf. Beim Leseverstehen (Spearman-Brown-korrigiert) werden Werte zwischen rtt = .95 und .97 berichtet. Die Kennwerte belegen eine hohe Messgenauigkeit und Stabilität, wodurch der PLT 1-4 als ein reliables Messinstrument eingestuft werden kann.
Validität
Die Konstruktvalidität wird durch faktoranalytische Ergebnisse gestützt, die belegen, dass mit dem PLT 1-4 unterschiedliche Facetten der Lesekompetenz isoliert erfasst werden. Hinweise zur konvergenten Validität liefern signifikante Korrelationen mit etablierten Verfahren wie dem WLLP-R (r = .55 bis .70), dem ELFE-II (r = .62 bis .81) sowie dem Sprachverstehenstest TROG-D. Die diskriminante Validität zeigt sich durch eine klare Abgrenzung zu allgemeinen kognitiven Fähigkeiten (CFT 20-R) und Aufmerksamkeitsleistungen (d2-R). Zudem bestätigt die Übereinstimmung mit den Lehrpersonenurteilen zur Leseleistung die Kriteriumsvalidität. Der PLT 1-4 ist ein valides Instrument, das die Lesekompetenzen in der Primarstufe differenziert und angemessen abbildet.
Normierung
Die Normierung basiert auf einer Stichprobe von etwa 2’200 Kindern aus drei deutschen Bundesländern, die im Schuljahr 2018/2019 erhoben wurde. Rund 57% der Teilnehmenden sprechen zu Hause ausschliesslich Deutsch und haben keinen Zuwanderungshintergrund. Aufgrund der hohen Heterogenität innerhalb der Gruppe von Lernenden mit Migrationshintergrund wurden für diese keine separaten Normen erstellt; die Teilstichprobe ohne Zuwanderungshintergrund ist separat als Teilstichprobe D ausgewiesen.
Literatur
- Coltheart, M. (1978). Lexical access in simple reading tasks. In G. Underwood (Ed.), Strategies of information processing (pp. 151.216). San Diego, CA: Academic Press.
- Gough, P. B. & Tunmer, W. E. (1986). Decoding, reading, and reading disability. Remedial and Special Education, 7(1), 6-10. https://doi.org/10.1177/074193258600700104
- Perfetti, C. & Stafura, J. (2014). Word knowledge in a theory of reading comprehension. Scientific Studies of Reading, 18(1), 22-37. https://doi.org/10.1080/10888438.2013.827687
- Rost, D. H. (2001). Leseverständnis. In D. H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (2. Aufl., S. 449-456). Beltz.
- Scheerer-Neumann, G. (2018). Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie. Grundlagen, Diagnostik und Förderung (2. Aufl.). Kohlhammer.
- Schnitzler, C. & Scheerer-Neumann, G. (2022). Potsdamer Lesetest (PLT 1-4). Klett.
- Tunmer, W. E. & Chapman, J. W. (2012). The simple view of reading redux: Vocabulary knowledge and the independent components hypothesis. Journal of Learning Disabilities, 45(5), 453-466. https://doi.org/10.1177/0022219411432685
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
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Überprüft: 07/2026