Diagnostische Verfahren finden
Lesegeschwindigkeits- und -verständnistest für die Klassen 2-4 (LGVT 2-4)
von Marco Ennemoser und Matthias Schlagmüller (2024)

Einsatzbereich
- 2. bis 4. Klasse
- Einzel- oder Gruppentest
- Einsatz Heil- und Sonderpädagogik
Qualitätskriterien
| Theoretische Fundierung | Objektivität | Reliabilität | Validität | |
|---|---|---|---|---|
| Bewertung | Halb gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Es liegt kein explizites theoretisches Modell vor. | Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. | Die Ergebnisse sind zuverlässig. | Belege zur Validität liegen vor. |
Inhalt
Der LGVT 2-4 ist ein standardisiertes diagnostisches Verfahren zur Erfassung des Leseverständnisses, der Lesegeschwindigkeit sowie der Lesegenauigkeit. Das Instrument findet Anwendung in der Schule, der Schulpsychologie, der Heil- und Sonderpädagogik sowie in der Lerntherapie und Forschung, um den aktuellen Leistungsstand zu erheben oder Lernfortschritte über die Zeit hinweg zu dokumentieren.
Das als Paper-and-Pencil-Test konzipierte Verfahren kann sowohl im Einzelsetting für individualdiagnostische Fragestellungen als auch im Gruppensetting zur Erhebung des Leistungsstands ganzer Klassen eingesetzt werden. Es stehen zwei Parallelformen des Tests zur Verfügung. Als Testgrundlage dienen Märchentexte mit einem Umfang von jeweils 822 Wörtern. Die Aufgabe der Lernenden besteht darin, an 34 Textstellen jeweils die kontextuell passende Ergänzung aus drei vorgegebenen Alternativen auszuwählen, wodurch Kennwerte für das Verständnis, das Lesetempo und die Genauigkeit ermittelt werden.
Die Gesamtdauer der Testung beträgt inklusive der Instruktion etwa 12 bis 15 Minuten. Die reine Bearbeitungszeit ist dabei klassenstufenabhängig: Sie beträgt acht Minuten in der 2. Klasse sowie sechs Minuten in der 3. und 4. Klasse.
Theoretische Fundierung
Der LGVT 2-4 ist eine Adaptation des LGVT 5-12+ für die Klassenstufen 2 bis 4. Die Autoren verzichten im Manual auf die explizite Darstellung eines spezifischen theoretischen Modells. Mit der Testkonstruktion wird das Ziel verfolgt, ein ökologisches und valides Instrument zu entwickeln, das das Textverständnis beim Lesen längerer Texte erfasst. Im Fokus steht dabei das differenzierte Zusammenspiel zwischen Lesegeschwindigkeit, Lesegenauigkeit und der daraus resultierenden Verständnisleistung.
Im Gegensatz zu Aufgabenformaten auf Wort- oder Satzebene, die primär hierarchieniedrige bzw. technische Prozesse des Lesens abbilden (Rost, 1987), beansprucht die Arbeit mit längeren Texten im LGVT 2-4 gezielt hierarchiehöhere Prozesse des Leseverstehens. Damit werden zusätzlich metakognitive und selbstregulatorische Fähigkeiten in die Diagnostik einbezogen. Das Verfahren berücksichtigt, dass das zusammenhängende Textlesen bereits im Verlauf der Grundschulzeit massiv an Bedeutung gewinnt und dass eine rein auf Wort- oder Satzeinheiten beschränkte Diagnostik Ungenauigkeiten bei der Abbildung der tatsächlichen Lesekompetenz aufweisen könnte.
Objektivität
Die Durchführungsobjektivität des LGVT 2-4 ist bei einer strikten Einhaltung der im Manual vorgegebenen Instruktionen und Rahmenbedingungen gewährleistet. Die Auswertungsobjektivität wird durch eindeutige Richtlinien zur Vergabe von Richtig-Falsch-Punkten beim Leseverständnis sowie durch standardisierte Berechnungsverfahren für die Lesegeschwindigkeit und -genauigkeit sichergestellt. Für die Interpretationsobjektivität stehen umfassende Normtabellen und interpretative Hilfestellungen zur Verfügung. Bei manualgetreuer Anwendung kann die Objektivität des Verfahrens als gegeben erachtet werden.
Reliabilität
Die Zuverlässigkeit des Verfahrens wurde durch verschiedene Kennwerte belegt. Die Paralleltestreliabilität zwischen den beiden Testversionen liegt für das Leseverständnis bei rtt = .90, für die Lesegeschwindigkeit bei rtt = .86 und für die Lesegenauigkeit bei rtt = .71. Die Retesreliabilität (Intervall von 5 Monaten) liegt zwischen rtt = .65 (Lesegenauigkeit) und rtt = .82 (Leseverständnis). Für die Skala Leseverständnis wird zudem eine Split-Half-Reliabilität von rtt = .88 berichtet.
Das Verfahren misst das Leseverständnis und die Lesegeschwindigkeit zuverlässig; die Kennwerte für die Lesegenauigkeit sind aufgrund situativer und motivationaler Einflüsse etwas geringer, aber dennoch zufriedenstellend.
Validität
Die konvergente Validität wird durch signifikante Korrelationen mit dem ELFE-Lesetest untermauert, wobei insbesondere für das Leseverständnis mittlere bis hohe Zusammenhänge (r = .44 bis .73) nachgewiesen wurden. Hinweise zur diskriminanten Validität belegen, dass der LGVT 2-4 spezifisch leserelevante Kompetenzen misst und sich von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten (Intelligenz, Mathematikleistung) abgrenzt. Innerhalb der Teststruktur zeigt sich eine hohe Korrelation zwischen Leseverständnis und Lesegeschwindigkeit (r = .75) sowie zwischen Leseverständnis und Lesegenauigkeit (r = .72). Die Lesegenauigkeit korreliert nur schwach mit der Geschwindigkeit (r = .25). Insgesamt stellt der LGVT 2-4 ein valides Instrument zur differenzierten Erfassung lesespezifischer Kompetenzen dar.
Normierung
Die Normierung des LGVT 2-4 basiert auf einer in Bezug auf Geschlecht und sprachliche Kompetenzen repräsentativen Stichprobe von 1’446 Schulkindern aus neun deutschen Bundesländern (Erhebung 2018). Die Normen liegen für jedes Schuljahresquartal von der Mitte der 2. bis zum Ende der 4. Klassenstufe vor. Als Normwerte werden T-Werte und Prozentränge für alle drei Skalen bereitgestellt.
Literatur
- Ennemoser, M. & Schlagmüller, M. (2024). Lesegeschwindigkeits- und -verständnistest für die Klassen 2-4 (LGVT 2-4). Göttingen: Hogrefe.
- Rost, D. H. (1987). Leseverständnis oder Leseverständnisse? Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 1, 175–196.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Testothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
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Überprüft: 07/2026