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Diagnostische Verfahren finden

Hamburger Schreib-Probe (HSP 1-10)

von Peter May, Volkmar Malitzky und Ulrich Vieluf (2022)

 

Einsatzbereich

  • 1.-10. Klasse
  • Einzel- oder Gruppentest
  • Einsatz Heil- und Sonderpädagogik

Qualitätskriterien

Theoretische Fundierung Objektivität Reliabilität Validität
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis
Erläuterung Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Durchführung, Auswertung und Interpretation sind standardisiert und von Testleiter:innen unabhängig. Die Ergebnisse sind zuverlässig. Belege zur Validität liegen vor.

Inhalt

Die HSP ist ein differenziertes Instrument zur Erfassung der Rechtschreibkompetenzen und der zugrunde liegenden Strategien bei Schüler:innen vom ersten bis zum zehnten Schuljahr. Das Verfahren dient dazu, den aktuellen Leistungsstand sowie die individuelle Lernentwicklung abzubilden und zu dokumentieren. Da der Test so konstruiert ist, dass er insbesondere im unteren Leistungssegment unterscheidet, eignet er sich u.a. zur Identifikation einer LRS-Diagnose. Neben dem Einsatz in der sonderpädagogischen Förderplanung liegen zudem erfolgreiche Erfahrungen in der Alphabetisierung von Erwachsenen vor. Das Verfahren bietet gleichzeitig ausreichend komplexe Anforderungen für fortgeschrittene Lernende. Durch die Verfügbarkeit von halbjährlichen (Primarstufe) bzw. jährlichen (Sekundarstufe) Vergleichswerten ist die HSP explizit für die Verlaufsdiagnostik konzipiert. Testwiederholungen (mit demselben Test) zur Dokumentation von Lernfortschritten sind nach einem Mindestabstand von etwa drei Monaten möglich.

Das Testverfahren umfasst neun verschiedene Versionen, die auf die jeweiligen Klassenstufen zugeschnitten sind (z.B. HSP 1 Plus bis HSP 9-10), wobei für jede Version spezifische Durchführungshinweise vorliegen. In der Regel bearbeiten die Kinder und Jugendlichen Einzelwörter und Sätze, deren Bedeutung durch Bilder verdeutlicht wird. Dieses visuelle Hilfsmittel stellt sicher, dass die Bedeutung der Begriffe verstanden wird. Eine Besonderheit ist die Version HSP 5-10 EK, bei der die Jugendlichen keinen eigenen Text produzieren, sondern einen bestehenden Text auf Fehler prüfen müssen. Die Schüler:innen bearbeiten die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo; es gibt keine Zeitbegrenzung. Die Durchführung kann flexibel im Einzel- oder Gruppensetting erfolgen und dauert üblicherweise weniger als eine Unterrichtsstunde.

Die Auswertung der HSP erfolgt auf mehreren Ebenen und ermöglicht durch die Analyse sogenannter «Lupenstellen» einen detaillierten Einblick in die Rechtschreibstrategien der Lernenden. Neben der Anzahl korrekt geschriebener Wörter wird die Anzahl der richtigen Grapheme (Graphemtreffer) ermittelt, was eine ökonomische und valide Beurteilung der Rechtschreibleistung erlaubt. Ein Kernstück des Verfahrens ist die Erstellung von Strategieprofilen: Hierbei wird untersucht, wie sicher die Lernenden die alphabetische Strategie (Laut-Buchstaben-Zuordnung), die orthographische Strategie (Beachtung von Regeln), die morphematische Strategie (Wortstamm-Analyse) sowie wortübergreifende Strategien (Kontext und Satzzeichen) anwenden. Für die Auswertung können Fachpersonen entweder auf ein Online-Portal zurückgreifen oder die manuelle Schritt-für-Schritt-Anleitung in den Hinweisheften nutzen.

Theoretische Fundierung

Der HSP liegt die Annahme zugrunde, dass sich Rechtschreibkompetenz über einen Entwicklungsprozess entfaltet, in dem Lernende zunehmend komplexere Prinzipien der deutschen Schriftsprache aufbauen. Das Verfahren unterscheidet dabei zwischen logographischen, alphabetischen, morphematischen und verschiedenen orthographischen Prinzipien. Der Schrifterwerb vollzieht sich diskontinuierlich in Anlehnung an ein Phasenmodell (vgl. Dreyfus & Dreyfus, 1991), in dem Lernende vom regelbasierten Wissen («know that») zum intuitiven Wissen («know how») gelangen. Die verschiedenen Strategien werden dabei nicht als isolierte Stufen betrachtet, sondern als Schichtmodell, bei dem eine neue Strategie meist dann entfaltet wird, wenn die vorangehende ein gewisses Anwendungsniveau erreicht hat. Die elementaren Fähigkeiten werden durch fortgeschrittene Strategien nicht ersetzt, sondern in eine Gesamtstrategie integriert.

Da die kognitiven Prozesse (u.a. Rechtschreibstrategien) der Lernenden beim Schreiben nicht direkt beobachtbar sind, nutzt die HSP die Analyse der Schreibergebnisse als indirekten Zugang, um Rückschlüsse auf die kognitiven Kompetenzen zu ziehen. Dabei werden spezifische Wortstellen eindeutig einer von vier Kernstrategien zugeordnet: Die alphabetische Strategie umfasst alle Stellen, die primär über die Artikulation erklärt werden können, während die orthographische Strategie Phänomene abdeckt, die über die Laut-Buchstaben-Zuordnung hinausgehen, ohne zwingend morphematisches Wissen zu erfordern. Der morphematischen Strategie sind Stellen zugewiesen, die morphosemantische Aspekte oder Wortstämme berücksichtigen, während die wortübergreifende Strategie grammatische Positionen und den Kontext einbezieht. Aus dieser differenzierten Analyse können gezielte Förderentscheidungen abgeleitet und der Übergang von technischen Grundfertigkeiten zu einer umfassenden Rechtschreibfertigkeit bei Lernenden dokumentiert werden.

Objektivität

Die Durchführungsobjektivität der HSP wird durch spezifische Begleithefte für jede Testversion gestützt, in denen der Ablauf der Testung präzise beschrieben ist, auch wenn auf wörtliche Instruktionsvorgaben verzichtet wird. Die Auswertungsobjektivität ist durch detaillierte Beschreibungen des Vorgehens sichergestellt und kann wahlweise manuell oder über ein Online-Tool erfolgen. Die Interpretation der Ergebnisse wird durch klare Anleitungen in den Hinweisheften sowie durch die bereitgestellten Normtabellen abgesichert. Insgesamt kann die HSP bei Einhaltung der standardisierten Vorgaben als objektives Messverfahren für die Rechtschreibkompetenz eingestuft werden.

Reliabilität

Die interne Konsistenz der HSP wurde für die verschiedenen Versionen detailliert untersucht: Bei der Anzahl richtig geschriebener Wörter liegen die Werte für Cronbachs Alpha über alle Testversionen hinweg zwischen α = .79 und α = .96, während die Graphemtreffer mit Werten von α = .87 bis α = .98 eine besonders hohe Zuverlässigkeit zeigen. Die Kennwerte für die einzelnen Rechtschreibstrategien (alphabetisch: α = .62 – .88, orthographisch: α = .81 – .93, morphematisch: α = .74 – .89 und wortübergreifend:α = .76 – .96) fallen im Vergleich zu den Gesamtwerten zwar etwas niedriger aus, liegen jedoch überwiegend in einem ausreichenden bis hohen Bereich.

Die Stabilität des Verfahrens wurde unter anderem in Längsschnittuntersuchungen mit Schüler:innen belegt, bei denen hohe Korrelationen zwischen r = .81 und .93 bei aufeinanderfolgenden Teststufen beobachtet wurden. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand, etwa von der Mitte der ersten Klasse bis zum Ende der sechsten Klassenstufe, verringert sich dieser Zusammenhang erwartungsgemäss auf einen Wert von r = .52. Spezifische Überprüfungen zur längerfristigen Stabilität (HSP 4-5 und HSP 5-10 B) bestätigen zudem eine hohe Zuverlässigkeit bei den Graphemtreffern nach sechs Monaten (r = .92) und nach einem Jahr (r = .87). Insgesamt erweist sich die HSP als ein zuverlässiges und stabiles Instrument zur Erfassung der Rechtschreibleistung bei Kindern und Jugendlichen.

Validität

Die Validität der HSP wurde über verschiedene Ansätze umfassend untersucht. Die inhaltliche Gültigkeit wird aufgrund der theoretischen Herleitung als gegeben erachtet, was durch den engen Zusammenhang zwischen Lese- und Rechtschreibprozessen gestützt wird. Empirisch zeigt sich dies in hohen Korrelationen zwischen den Leistungen im Lesen und der HSP (r = .81 bis .88), was belegt, dass Schüler:innen mit guten Lesefertigkeiten meist auch über eine entsprechend ausgeprägte Rechtschreibkompetenz verfügen.

Im Rahmen der Kriteriumsvalidität bestätigen Vergleiche mit den Urteilen von Lehrpersonen sowie mit anderen etablierten Rechtschreibtests (wie dem DRT 1-4 oder HAST 4/5) die Gültigkeit des Verfahrens. Die Validitätskoeffizienten mit den Aussenkriterien zeigen mittlere bis hohe Ausprägungen. Weitere Untersuchungen verdeutlichen den Bezug zwischen Rechtschreibfertigkeit und Textkompetenz: Zwar besteht ein Zusammenhang; zugleich wird ersichtlich, dass eine korrekte Rechtschreibung zwar förderlich, aber keine zwingende Voraussetzung für die Produktion eigener Texte ist. Dennoch zeigen sich besonders bei der HSP 4-5 hohe Korrelationen mit der tatsächlichen Rechtschreibleistung in Aufsätzen (r = .78 bis .81). Die diskriminante Validität wird durch die Korrelation mit einem Intelligenztest (r = .40) untermauert. Zusammenfassend kann die HSP aufgrund der empirischen Belege als ein valides Instrument zur Beurteilung der Rechtschreibkompetenz betrachtet werden.

Normierung

Die HSP wurde zwischen 2016 und 2021 neu normiert. Dabei wurde eine grosse Datenbasis von insgesamt N = 4’124’493 Testwerten genutzt, die über das digitale Auswertungssystem gewonnen wurden. Um eine hohe Datenqualität sicherzustellen, flossen ausschliesslich Ergebnisse in die Normstichprobe ein, die von Lehrpersonen mit mindestens 16 dokumentierten Eingaben stammen. Die Stichprobe wurde zudem nach Bundesländern und Schulformen gewichtet, um eine repräsentative Abbildung zu gewährleisten. Für alle Testversionen liegen in den zugehörigen Hinweisheften detaillierte Normtabellen vor, die sowohl für die Gesamtrechtschreibkompetenz (Graphemtreffer) als auch für die einzelnen Strategieprofile Prozentränge und T-Werte enthalten.

Literatur

  • Dreyfus, H. L. & Dreyfus, S. E. (1991). Künstliche Intelligenz. Von den Grenzen der Denkmaschine und dem Wert der Intuition. Reinbek bei Hamburg: Rowolt Taschenbuch.
  • May, P., Malitzky, V. & Vieluf, U. (2022). Hamburger Schreib-Probe (HSP 1-10). Stuttgart: Verlag für pädagogische Medien (vpm), Ernst Klett Verlag.

Verfügbarkeit an der HfH


Haben wir etwas übersehen? Melden Sie sich gerne unter wiwawi@hfh.ch.

 

Überprüft: 07/2026

 

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