Studium und Lehre bei ADHS
swissuniability Merkblatt: Studieren mit ADHS
Informationen und didaktische Hinweise für Lehrende
Allgemeine Hinweise
Dieses Merkblatt bietet Lehrenden Informationen für eine offene Kommunikation und ein sachverständiges Handeln im Kontakt mit Studierenden mit Behinderungen in der Präsenzlehre, im Rahmen von begleitetem Selbststudium und im Kontext von Prüfen und Beurteilen. Es soll Lehrende sensibilisieren und unterstützen. Es trägt dazu bei, die Bedürfnisse von betroffenen Studierenden zu erkennen und zu berücksichtigen, und somit Menschen mit Behinderungen ein hindernisfreies Studium zu ermöglichen.
Menschen mit Behinderungen sind in der Regel Expert:innen in eigener Sache. Sie wissen aus ihrer (Bildungs-)Biographie, welche technischen, personellen oder didaktischen Anpassungen sie benötigen und mit welchen – oft einfachen – Massnahmen eine Verbesserung ihrer Lern-, Arbeits- und Prüfungssituation erreicht werden kann. Fragen Sie einfach nach!
Um womöglich unerkannt gebliebene Bedürfnisse – insbesondere von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen – zu berücksichtigen, ist es sinnvoll, alle Studierende zu Beginn des Semesters oder zu Beginn eines Lehrveranstaltungszyklus in Form eines kurzen Hinweises anzusprechen, z.B.:
„Falls jemand von Ihnen aufgrund einer Behinderung jetzt oder später Unterstützung braucht, wenden Sie sich bitte am Ende der Lehrveranstaltung oder per E-Mail an mich.“
Mit dieser Aussage wird die Privatsphäre von Studierenden gewahrt und in einem persönlichen Gespräch können weitere Schritte definiert werden.
Benötigen Studierende aufgrund ihrer Behinderung einen rechtlich garantierten Nachteilsausgleich, wird in der Regel die verantwortliche Stelle der Hochschule entsprechende Abklärungen sowie die Gestaltung und Umsetzung von Nachteilsausgleichsmassnahmen übernehmen. Zusätzliche Expertise zum Thema Nachteilsausgleich erhalten Sie von den jeweiligen Fachpersonen bzw. Fach- und Beratungsstellen Ihrer Hochschule. Unter https://www.swissuniability.ch/de/Beratung/Beratung-fuer-Hochschulen gibt es einen Leitfaden Nachteilsausgleich zum Download.
Spezifische Bedürfnisse für Menschen mit ADHS und ADS
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine nicht auf das Kindesalter beschränkte Entwicklungsstörung, welche das Leben und Lernen von Erwachsenen in vielerlei Hinsicht individuell prägt. Neben der ADHS gibt es die sogenannte Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität (ADS). Es gibt nicht DIE Form von AD(H)S. Auch die Wirkung einer AD(H)S-Medikation ist individuell sehr unterschiedlich und kann die Symptome meistens nur teilweise über einen gewissen Zeitraum minimieren oder kompensieren.
AD(H)S-Betroffenen gelingt es oftmals nicht, die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten und sie leben mit einer erhöhten Ablenkbarkeit (irrelevante Stimuli können nicht gefiltert werden). Einem Gespräch über längere Zeit zu folgen oder fokussiert einen Text zu lesen, sind tägliche Herausforderungen. Nicht selten schleichen sich Flüchtigkeitsfehler ein oder wichtige Deadlines gehen vergessen. Daraus resultiert bei vielen AD(H)S-Betroffenen das Bedürfnis nach einer klaren Strukturierung und Planung und insbesondere nach einem Umfeld, welches möglichst wenig Ablenkung beinhaltet.
Tipps und Empfehlungen für Lehrveranstaltungen, Selbststudium,
Prüfungen und Leistungsnachweise
- Versuchen Sie didaktische Vielfalt zu nutzen und darauf zu achten, mit Ihren Ausführungen wenn immer möglich zwei Sinne anzusprechen (-> Mehr-Sinne-Prinzip): z.B. akustisch und mit visuellen Medien wie PowerPoint, Skripte, Wandtafel, Hellraumprojektor, Visualizer etc. Dies kann die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum verbessern.
- Viele Studierende begrüssen es, die Lehrveranstaltungsunterlagen im Vorfeld zu erhalten. So können eigene individuell erlernte Arbeitstechniken angewendet und bspw. die Unterlagen im Vorfeld bearbeitet werden, um der Lehrveranstaltung besser folgen zu können.
- Versuchen Sie, eine gewisse Kulanz walten zu lassen, wenn ein Gesprächstermin oder eine Deadline vergessen ging und führen Sie es nicht auf mangelndes Interesse zurück. Erwähnen Sie Deadlines nach Möglichkeit mehrfach sowohl in schriftlicher wie auch in mündlicher Form.
- Versuchen Sie nach Möglichkeit bei Handlungsanweisungen Blickkontakt mit den Studierenden mit AD(H)S herzustellen.
- Das Einräumen einer längeren Bearbeitungszeit beim Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten/Selbststudiumsaufträgen ist legitim, da ein AD(H)S oftmals einen zeitlichen Mehraufwand bewirkt. Zudem unterstützt das Selbststudium in der Regel orts- /zeitunabhängiges Lernen und kann Präsenzlehre ergänzen oder ersetzen.
- Nehmen Sie sich im Bedarfsfall die Zeit für regelmässige Besprechungstermine. Es kann sein, dass Studierende mit AD(H)S Unterstützung bei der Strukturierung und/oder der Priorisierung bzw. der Eingrenzung des Themas brauchen, um Blockaden und Verzettelungen entgegen zu wirken. Regelmässige Termine können dabei helfen, am Ball zu bleiben und unterstützen ein erfolgreicheres Zeitmanagement und somit ein gelingendes Studieren.
- Studierende mit AD(H)S brauchen je nach Schweregrad und individueller Auswirkung mehr Zeit für die Bearbeitung von Prüfungen und wenn immer möglich ein reizarmes Prüfungssetting, z.B. einen separaten Prüfungsraum und/oder einen reservierten Sitzplatz im Prüfungsraum (siehe Nachteilsausgleich).
Spezifische Informationen der Hochschule für Heilpädagogik (HfH)
Informationen zum Nachteilsausgleich und wie ein solcher für Studium, Weiterbildung und Arbeit an der Hochschule für Heilpädagogik beantragt werden kann finden Sie unter Heil- und Sonderpädagogik studieren – HfH