Studium und Lehre bei Autismus
Best Practice für Hochschuldozent:innen und Tutor:innen
Ein Leitfaden zur Best Practice bei der Unterstützung von Studenten aus dem Autismus-Spektrum von autism-uni.org
Von Marc Fabri, Penny C.S. Andrews und Heta K. Pukki
Einleitung
Über Autismus
Autismus ist eine lebenslange Entwicklungsstörung, die sich darauf auswirkt, wie eine Person mit anderen Menschen kommuniziert und mit ihnen und der Umgebung interagiert. Autismus ist eine Spektrumsstörung; das heißt, dass sie sich bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich auswirkt. Ein wesentlicher Anteil autistischer Menschen hat durchschnittliche oder überdurchschnittliche geistige Fähigkeiten und ist gebildet, allerdings besteht bei einigen zusätzlich eine Lernstörung.
Autismus kann zu Denk- und Verhaltensweisen führen, die unnötig rigide oder repetitiv erscheinen, zu Schwierigkeiten beim Verstehen von sozialer Interaktion und zu Schwierigkeiten, Informationen „normal“ zu verarbeiten.
Auf der anderen Seite haben viele autistische Menschen auch spezifische Stärken, etwa die Fähigkeit sich intensiv zu konzentrieren, unkonventionelle Problemlösungsstrategien zu entwickeln oder Fehler zu erkennen, die andere übersehen würden. Die Stärken autistischer Menschen als Fachkräfte in bestimmten Bereichen werden zunehmend auch weltweit von Unternehmen erkannt.
Herausforderungen, denen sich autistische Studenten gegenübersehen
Das soziale und physische Umfeld
- Schwierigkeit beim Erfassen ungeschriebener sozialer Regeln bei der Interaktion mit Tutor/innen und Kommiliton/innen.
- Schwierigkeit beim Ertragen von Hintergrundgeräuschen, der Beleuchtung, Menschenmengen oder anderen sensorischen Aspekten des Universitäts-Umfelds.
- Umgang mit der sozialen Isolation, die oft mit dem Leben in einer neuen Umgebung einhergeht.
Fehlen einer geeigneten Unterstützung
- Von Beginn an fehlender Zugang zu geeigneter Unterstützung.
- Fokus auf die „Defizite“ des Autismus statt auf die Stärken, die die Student/innen einbringen können.
- Fehlende Beständigkeit bei angemessenen Anpassungen, autismusspezifischen Leistungen und persönlichen Unterstützungsleistungen.
Unrealistische Erwartungen des Studenten
- Wie das Studieren an der Universität wirklich ist.
- Inhalt des Studienfachs oder Lehrgangs.
- Leistung auf dem selben hohen Standard wie im Sekundarbereich.
- Interessen und Engagements der Kommiliton/innen.
Herausforderungen bezüglich der Benotung (selbst, wenn die Materie beherrscht wird)
- Schwierigkeit bei der korrekten Interpretation mehrdeutiger und offener Aufgabenstellungen.
- Nicht verstehen, warum etwas getan werden muss.
- Schwierigkeit bei der Planung von Studienarbeiten und Korrekturen.
- Unsicherheit darüber, wie viel Zeit für eine bestimmte Aufgabe aufgewandt werden muss.
Übergang in das Erwachsenenleben benötigt mehr Anstrengung als bei einem durchschnittlichen Studenten
- Erster Umzug aus dem Elternhaus.
- Zeitmanagement und Schaffung von Routinen.
- Nicht wissen, wie man effektiv die eigenen Rechte einfordert.
Man kann argumentieren, dass viele dieser Herausforderungen für alle angehenden Student/innen gelten. Die meisten können sich relativ schnell an sie anpassen und bekommen Unterstützung von ihren Freunden. Für autistische Student/innen dagegen können diese Herausforderungen schnell zu Angst, weiterer Isolierung, Depression und schließlich dazu führen, dass sie ihr Studium ganz abbrechen.
Dies stellt natürlich einen enormen Verlust für die europäische Gesellschaft und Wirtschaft dar, da viele autistische Student/innen über besondere Stärken verfügen, z.B. starker Einsatz und Konzentration auf das von ihnen gewählte Fach, Aufmerksamkeit für Details, Einhalten von Regeln, eine hohe Arbeitsmoral und ein Hang zu rationalem und logischem Denken.
Besorgen Sie sich unser kostenloses Online-Toolkit
Das Projekt Autism&Uni unterstützt Student/innen in dieser kritischen Übergangsphase durch ein Online-Toolkit. Das Toolkit ist in verschiedenen Sprachen erhältlich und kann den spezifischen Bedürfnissen einer Universität, dem Umfeld und der Unterstützungsstruktur angepasst werden.
Weitere Details finden Sie unter www.autism-uni.org/toolkits
Über diesen Leitfaden
Wir haben diesen Leitfaden mit der Hilfe autistischer Student/innen, ihrer Eltern, Universitätstutor/innen, Schullehrer/innen und Mitarbeitern im Bereich von unterstützenden Diensten entwickelt. In ihm sind unsere Ergebnisse zusammengefasst und die Best Practice hervorgehoben, insbesondere in den Projektpartnerländern Großbritannien, Finnland, Niederlande, Polen und Spanien. Alle Zitate stammen aus Umfragen und Befragungen, die wir in diesen Ländern im Jahr 2014 durchgeführt haben.
Einige europäische Hochschuleinrichtungen bieten bereits Kombinationen der folgenden Dienste und Anpassungen an (dies sind nur Beispiele):
- Bewertungs- und Unterstützungspläne von Behindertenförderungs-Teams an Universitäten.
- Zusätzliche Zeit und getrennte Räume bei Prüfungen.
- Erlaubnis, Laptops für schriftliche Prüfungen zu benutzen.
- Klärung mehrdeutiger Formulierungen durch einen Assistenten bei Prüfungen und Aufgaben.
- Verringerte Studiengebühren.
- Besondere Vorkehrungen bei der Unterbringung des Studenten.
- Unterstützende Software an allen Uni-Computern oder zur individuellen Nutzung.
- Persönliches Mentoring oder Coaching.
- Zusätzliche Beteiligung von Studienberater/innen, einschließlich zusätzlicher Zeit für Planung und Mitteilung des Bedarfs des Studenten an die Uni-Mitarbeiter.
- Einzel- oder Gruppentreffen mit Studienberater/innen, die auf Autismus spezialisiert sind.
- Alternativen zu oder besondere Vorkehrungen bei Gruppenarbeiten und mündlichen Präsentationen.
- Karten, schriftliche Anweisungen und andere unterstützende Maßnahmen zur Auffindung von Studienstandorten.
- Alle Vortragsfolien werden im Voraus bereitgestellt.
- Erlaubnis, Vorträge mitzuschneiden.
- Festgelegte Sitze, Computer, etc. in Vortragssälen und Klassenzimmern.
Das Wissen darüber, wie man autistische Studenten am besten unterstützen kann, ist jedoch in Europa nicht überall einheitlich und variiert auch in den einzelnen Ländern. Es existieren Inseln guter Praxis und dieser Leitfaden hat das Ziel, diese herauszustellen und zu fördern, um die Chancen und die Zahl der Hochschulstudenten aus dem autistischen Spektrum zu erhöhen.
Best Practice für Hochschuldozent/innen und Tutor/innen
Hintergrund
Autistische Student/innen unterscheiden sich alle voneinander, aber viele haben den Umfragen von Autism&Uni zufolge gleiche Sorgen, darunter:
- Kommunikation und Arbeiten in Gruppen.
- Mehrdeutige Fragen in Gesprächen, Aufgaben und Examen.
- Nicht wissen, an wen man sich wegen Unterstützungsleistungen wenden kann.
- Sich verirren.
- Gestresst oder abgelenkt sein durch bestimmte sensorische Aspekte.
- Sich Sorgen machen um das eigene Maß an Behinderung, missverstanden oder herabgesetzt zu werden.
- Angst, vor Publikum zu sprechen.
- Neigung, sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren oder zu lang über die eigenen Spezialinteressen zu sprechen.
Warum ist das ein Problem?
Autistische Student/innen und die Menschen und Organisationen, die sie unterstützen, haben uns mitgeteilt, dass es eine Herausforderung war, Uni-Mitarbeiter/innen davon zu überzeugen, geeignete Anpassungen an der Gestaltung der Kurse, den Fristen und der üblichen Lehrpraxis vorzunehmen.
Natürlich finden viele Student/innen Gruppenarbeit herausfordernd und viele hätten gerne spätere Abgabetermine oder Aufgaben, bei denen von ihnen keine Interpretation verlangt wird, etc. Der Unterschied zu autistischen Student/innen besteht jedoch darin, dass diese nur begrenzt dazu in der Lage sind, diesen Herausforderungen zu begegnen und dass ihr Maß an Angst deutlich höher ist.
Einfach nur zu sagen: „Das wird schon gut werden“ hilft dabei nicht. Es muss klar und deutlich gesagt werden, was von den Student/innen erwartet wird, einschließlich der Lernergebnisse, der Kurzbeschreibungen und der Benotungsgrundsätze.
Was können wir dabei tun?
Die Umfrage von Autism&Uni und das Mapping der Angebote in den Partnerländern haben einige positive Beispiele lokaler und nationaler Organisationen mit Autismus-Expertise ans Licht gebracht, die Beratung und Fortbildung für Hochschul-Mitarbeiter/innen und -Fachbereiche anbieten.
Hierzu gehören z.B. Handicap&Studie in den Niederlanden, Autismisäätiö und Omavoima in Finnland, JiM in Polen, Autismo Burgos in Spanien und die National Autistic Society in Großbritannien (siehe auch die Liste der Fallbeispiele am Ende dieses Leitfadens).
Persönliche Tutor/innen können der Schlüssel zum Erfolg für autistische Student/innen sein, da es für viele von ihnen schwierig ist, selbst Kommunikation mit anderen aufzunehmen oder ohne fremde Hilfe geeignete Angebote zu finden, wenn sie in Not sind. Besonders dort, wo es innerhalb einer Hochschule keine einheitliche Behindertenförderung gibt, kann der persönliche Tutor die erste und einzige Person sein, die von entstehenden Herausforderungen weiß, die sich auf den Studienfortschritt des Studenten auswirken und er kann als natürliche Anlaufstelle zwischen der Hochschule und externen Organisationen dienen, die spezialisierte Unterstützung für Autist/innen anbieten.
Auch Dozent/innen kann eine bedeutsame Rolle bei der Entscheidungsfindung in Bezug auf geeignete Anpassungen zukommen und sie sollten über ein Grundwissen über Autismus verfügen, um informierte Entscheidungen treffen zu können.
Die Universität Brighton in Großbritannien hat ein Projekt entwickelt, das das Team für Behindertenförderung und das Centre for Learning and Teaching zusammenbringt (Morris, 2011). Aus dieser Studie ist klargeworden, dass barrierefreie Lernumfelder, die sensorische Probleme mit berücksichtigen, und inklusive Lehrpraktiken ebenso wichtig für den Erfolg autistischer Student/innen sind wie individuelle Unterstützung und es wird empfohlen, dass das Lehrpersonal diesen Artikel und seine Empfehlungen vollständig lesen.
Siehe auch unsere Informationen zum Universellen Lerndesign (ULD).
Kernpunkte (Gute Praxis, die man übernehmen und weitergeben kann)
Diese konzentrieren sich auf universitätsweite und strategische Änderungen, die Unterstützung durch die Hochschulleitung erfordern.
- Wenn Sie mit Student/innen reden, konzentrieren Sie sich nicht nur auf mögliche Herausforderungen, sondern identifizieren Sie auch die Stärken der Student/innen und das, was sie an Beiträgen zu ihrer Studiensituation leisten können; viele autistische Student/innen zeigen einen intensiven Einsatz und starke Konzentration auf das von ihnen gewählte Fach, Aufmerksamkeit für Details und eine hohe Arbeitsmoral, etc.
- Fördern Sie enge Beziehungen zwischen persönlichen Tutor/innen und Student/innen; autistische Student/innen profitieren besonders von Konsistenz bei diesen Beziehungen, mit derselben Kontaktperson während der gesamten Studiendauer.
- Wenn man Sie bittet, geeignete Anpassungen oder besondere Vorkehrungen vorzunehmen, finden Sie heraus, ob Ihre Einrichtung über generelle Richtlinien im Umgang mit autistischen Student/innen verfügt.
- Wenn Sie sich unsicher sind, wie Unterstützung zu leisten ist oder wie die Angebote angepasst werden müssen, organisieren Sie Treffen mit dem Studenten und seinem Betreuer, Studienberater, Studentenberater, Behindertenberater oder anderen Fachkräften, die in der Lage sind, Sie zu beraten.
- Kommunizieren Sie mit Studentendiensten, Betreuern oder anderen zuständigen Fachkräften, wenn Sie Sorgen haben wegen Anzeichen von Depression, Angststörungen oder einer zurückgehenden Studienleistung.
- Wenn Sie Treffen organisieren, versuchen Sie sicherzustellen, dass es in dem Raum keine visuellen und akustischen Ablenkungen gibt, die es den Student/innen unmöglich machen, sich zu konzentrieren; zögern Sie nicht, die Student/innen nach ihren spezifischen diesbezüglichen Bedürfnissen zu fragen.
- Sprechen Sie mit den autistischen Student/innen darüber, ob es für ihn in Ordnung ist, anderen Student/innen ihre Diagnose mitzuteilen; meist ist dies eine gute Idee, jedoch müssen auch die Kommilitonen ausreichendes Wissen über Autismus verfügen.
- Überlegen Sie sich Wege, wie man barrierefreie Lernumfelder schaffen kann, die für autistische Student/innen wichtig sind (und von denen auch andere profitieren können):
- Teilen Sie klar und eindeutig mit, was die Grenzen, Erwartungen und Lernergebnisse sind, entweder, indem Sie die Informationen während der Unterrichtsstunden mitteilen oder sie online verfügbar machen.
- Prüfen Sie, ob die Informationen, die Sie den Student/innen geben, klar, konzise und eindeutig sind. Erklären Sie stets, warum Sie etwas von einem Studenten verlangen.
- Achten Sie bei der Fehlerkorrektur darauf, dass Missverständnisse auftreten können, wenn autistische Student/innen mehrdeutige Ausdrücke interpretieren sollen.
- Bieten Sie, wenn möglich, Folien und Handouts im Voraus an und überlegen Sie, ob Audio- oder Videomitschnitte von Vorlesungen möglich sind; diese Praktiken können für autistische Student/innen wirklich hilfreich sein, da sie Ängste vermindern und ihnen dabei helfen, ihre Arbeit zu organisieren.
- Wenn Sie eine Änderung von Räumen, Bewertungsbedingungen oder anderen Plänen vornehmen müssen, geben Sie dies so frühzeitig wie möglich bekannt.
- Geben Sie Unterstützung bei Arbeiten in Gruppen, greifen Sie ein, wenn die Kommunikation zu scheitern droht, die Arbeitsaufteilung unfair ist oder ein Mitglied der Gruppe von den anderen ausgeschlossen wird; ermuntern Sie die Gruppe, vor Beginn der Arbeit Grundregeln aufzustellen.
- Geben Sie Unterstützung bei der Fähigkeit zu mündlicher Präsentation und seien Sie bereit, autismusspezifische Schwierigkeiten, wie fehlende Körpersprache, Augenkontakt, besonders langsames oder schnelles Sprechen, zu ignorieren.
- Seien Sie offen für neue, auch unorthodoxe Arbeitsmethoden; ermutigen Sie Student/innen dazu, auf ihre Art zu studieren, mit flexiblen Ansätzen in Bezug auf Abgabefristen, Kursarbeit und Studienmethoden, wenn dies den Studenten dabei hilft, sich besser auf das Lehrmaterial zu konzentrieren.
Was man tun kann (Dinge, die Sie sofort umsetzen können)
- Lernen Sie mehr über das autistische Spektrum allgemein und über die spezifischen Herausforderungen und Erfordernisse Ihres Student/innen.
- Bitten Sie um Fortbildung bei der Unterstützung für autistische Student/innen, absolvieren Sie diese Fortbildung und besprechen Sie mit anderen Mitarbeitern, die mit Ihren Student/innen arbeiten, inwieweit diese eine Fortbildung benötigen.
- Wenn Sie bereits eine Fortbildung absolviert haben, geben Sie Ihr Wissen an Ihre Kolleg/innen weiter.
- Wenn Sie hierzu die Gelegenheit haben, reden Sie mit autistischen Student/innen in einer späteren Phase ihres Studiums und finden Sie heraus, welche Unterstützung für sie hilfreich war und welche zusätzliche Unterstützung ihnen geholfen hätte.
- Nehmen Sie Kontakt zu Mitarbeitern im Bereich der Behindertenhilfe bzw. Unterstützung von Autist/innen an Ihrer Einrichtung auf und besprechen Sie, welche Änderungen Sie an Ihrer Lehrpraxis vornehmen sollten; manchmal sind diese Änderungen spezifisch für Ihren Fall und können nicht ohne Weiteres übertragen werden, daher ist es ratsam, diese eingehend zu untersuchen.
- Wenn eine geeignete Fortbildung nicht zur Verfügung steht, stellen Sie einen Antrag beim zuständigen Fachbereich innerhalb Ihrer Einrichtung oder bei einer externen Organisation mit Expertise im Bereich Autismus, sodass eine solche Fortbildung geschaffen werden kann. In Deutschland bietet autismus Deutschland e.V. (www.autismus.de) über seine autismus Deutschland-Akademie ein breites Fortbildungsangebot an.
- Zeigen Sie eine positive Einstellung in Bezug auf Vorkehrungen und Mittel, die es den Student/innen erlauben, besser mit ihrem sensorischen Umfeld fertig zu werden, etwa besonders zugewiesene Sitze, das Tragen von Hüten, Mützen oder getönten Brillen im Gebäude, das Tragen von Kopfhörern oder „Stress Toys.“
- Stellen Sie klar, dass während der Unterrichtsstunde Student/innen den Raum jederzeit verlassen dürfen, wenn sie sich ängstlich oder sensorisch überfordert fühlen und dass sie hierfür nicht kritisiert oder bestraft werden.
- Prüfen Sie Hausaufgaben und Examensfragen, ob sie mehrdeutige Formulierungen enthalten; das bedeutet nicht, dass jede Mehrdeutigkeit entfernt werden muss, sondern dass deutlich gemacht wird, wann Mehrdeutigkeiten bewusst zu pädagogischen Zwecken eingesetzt werden und wann sie lediglich unbeabsichtigt in den Texten enthalten sind.
Die Bedeutung von Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt
Die Autism&Uni-Umfragen richteten sich an Student/innen, die das Studium abgebrochen haben und solche, die ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben. Rechtzeitige Unterstützung oder ihr Fehlen war der entscheidende Faktor dafür, ob sie ihr Studium fortgesetzt haben oder nicht.
Auf die Frage, ob sie während ihres Studiums autismusbezogene Unterstützung bekommen haben, antworteten 39% mit Ja, 47% gaben an, damals nicht diagnostiziert gewesen zu sein, und 14% hatten zwar eine Diagnose, aber keine Unterstützung erhalten.
Diejenigen, die Unterstützung erhalten haben, gaben an, dass diese zu folgenden Zeitpunkten begann: 21% vor Beginn des Studiums, 14% in der ersten Woche des Studiums, 7% im ersten Monat des Studiums, 10% vor Ende des ersten Semesters und 48% erst nach dem ersten Semester.
Universelles Lerndesign (UDL)
Das Konzept des Universellen Designs entstammt dem Bereich der Architektur und konzentriert sich auf ein Design, das Rücksicht auf eine möglichst große Bandbreite von Nutzer/innen nimmt, darunter auch solche mit Behinderungen.
Das Universelle Lerndesign bezieht sich darauf, verschiedene Gruppen von Student/innen einzubeziehen und zu unterstützen, egal, welchen Hintergrund, welchen Status oder welche Behinderung sie haben.
Eine weit verbreitete falsche Vorstellung besteht darin, dass das Universelle Design „eine einzige Lösung für alle“ fördert – das ist jedoch nicht der Fall. Was es tatsächlich bedeutet, ist die Verfügbarkeit von Optionen: Student/innen mehrere und unterschiedliche Möglichkeiten zu bieten, am Lernprozess teilzuhaben und zu zeigen, was sie gelernt haben.
Ein ULD-Ansatz bevorzugt Unterrichtsstrategien, die proaktiv so gestaltet sind, dass sie mehrere Lernwege ermöglichen statt retroaktiv sich auf die Änderung bestehenden Materials in der Weise zu konzentrieren, dass es den Bedürfnissen einer bestimmten Gruppe entspricht.
Ein Beispiel für proaktives Design ist es, ALLEN Student/innen die Option zu lassen, wie sie die ihnen gestellten Aufgaben präsentieren wollen, entsprechend ihren Kommunikationsfähigkeiten und Vorlieben. Ein Beispiel für retroaktives Design ist die Praxis, für angemessene Anpassungen bestehender Lernmaterialien und Prüfungsanordnungen zu sorgen.
Quellen: Bublitz et al. (2015), CAST (2011)
Über die Autor/innen
Dr Marc Fabri, Leeds Beckett-Universität, Großbritannien
Marc ist der Projektleiter von Autism&Uni und ein Dozent und Forscher im Bereich assistierender Technik. Seine Forschung konzentriert sich auf partizipatorische Designmethoden, Evaluierung der Benutzererfahrung und Ermöglichung positiver Verhaltensänderung.
Penny Andrews, Leeds Beckett-Universität, Großbritannien
Penny ist die Forschungsassistentin für Autism&Uni und Doktorandin an der Universität Sheffield, wo sie universitäre soziale Netzwerke erforscht. Sie ist außerdem Autorin, Künstlerin, Performerin, Sprinterin und ausgebildete Bibliothekarin. Sie erhielt ihre Autismusdiagnose als Studentin.
Heta Pukki, Keskuspuisto Vocational College, Helsinki, Finnland
Hetas Arbeit für Autism&Uni konzentriert sich auf die Verbreitung der Ergebnisse und auf Unterschiede in kulturellen Kontexten und Angebotssystemen. Sie verfügt über einen Abschluss in Sonderpädagogik und in Biologie. Heta bezeichnet sich als autistisch und beschäftigt sich seit achtzehn Jahren als Autorin, Übersetzerin, Erzieherin, Projektarbeiterin und NGO-Aktivistin mit Autismus.
Danksagungen
Wir danken den folgenden Personen für ihre hilfreichen Beiträge und Kommentare: Antti Aavikko, Jan-Mikael Fredriksson, Daria Modrzejewska, Amanda Szukalska, Paul Quantock, Natasha Stash, Alejandro Montes García, María Merino, Miguel Lancho, Christian García, Roy Houtkamp, Harriet Cannon, Kate Dean, Kate Myers, Matt Tucker, Danny Gallacher, Steven Chamberlain, Diane McClymont.
Das Projekt Autism&Uni (AUTHEW) wurde finanziert mit Unterstützung der Europäischen Kommission. Diese Publikation spiegelt nur die Ansichten der Autoren wieder und die Kommission kann nicht für die Verwendung verantwortlich gemacht werden, die von den darin enthaltenen Informationen gemacht wird.
Deutsche Übersetzung: Rainer Döhle, Berlin
Literatur
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