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Studium und Lehre bei Autismus

swissuniability Merkblatt: Studieren mit Autismus-Spektrum-Störung

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Informationen und didaktische Hinweise für Lehrende

Allgemeine Hinweise

Überblick

Dieses Merkblatt bietet Lehrenden Informationen für eine offene Kommunikation und ein sachverständiges Handeln im Kontakt mit Studierenden mit Behinderungen in der Präsenzlehre, im Rahmen von begleitetem Selbststudium und im Kontext von Prüfen und Beurteilen. Es soll Lehrende sensibilisieren und unterstützen. Es trägt dazu bei, die Bedürfnisse von betroffenen Studierenden zu erkennen und zu berücksichtigen, und somit Menschen mit Behinderungen ein hindernisfreies Studium zu ermöglichen.

Studierende mit Behinderungen haben spezifische studienrelevante Bedürfnisse, die nicht immer auf den ersten Blick erkennbar und zudem individuell unterschiedlich sind.

Menschen mit Behinderungen sind in der Regel Expertinnen bzw. Experten in eigener Sache. Sie wissen aus ihrer (Bildungs-)Biographie, welche technischen, personellen oder didaktischen Anpassungen sie benötigen und mit welchen – oft einfachen – Massnahmen eine Verbesserung ihrer Lern-, Arbeits- und Prüfungssituation erreicht werden kann. Fragen Sie einfach nach!

Um womöglich unerkannt gebliebene Bedürfnisse (insbesondere von Menschen mit unsichtbaren Behinderungen ) zu berücksichtigen, ist es sinnvoll, alle Studierende zu Beginn des Semesters resp. eines Lehrveranstaltungszyklus in Form eines kurzen Hinweises anzusprechen, z.B.:

„Falls jemand von Ihnen aufgrund einer Behinderung jetzt oder später Unterstützung braucht, wenden Sie sich bitte am Ende der Lehrveranstaltung oder per Mail an mich.“

Mit dieser Aussage wird die Privatsphäre von Studierenden gewahrt und in einem persönlichen Gespräch können weitere Schritte definiert werden.

Benötigen Studierende aufgrund ihrer Behinderung einen rechtlich garantierten Nachteilsausgleich, wird in der Regel die verantwortliche Stelle der Hochschule entsprechende Abklärungen sowie die Gestaltung und Umsetzung von Nachteilsausgleichsmassnahmen übernehmen. Zusätzliche Expertise zum Thema Nachteilsausgleich erhalten Sie von den jeweiligen Fachpersonen bzw. Fach-/Beratungsstellen Ihrer Hochschule. Auf http://www.swissuniability.ch gibt es ein Merkblatt zum Prozess Nachteilsausgleich.

Spezifische Bedürfnisse für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung

Die bisher geläufigen Typisierungen von Autismus (u.a. frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus oder Asperger-Syndrom) werden aktuell abgelöst durch die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die verschiedenen Ausprägungen innerhalb dieses Spektrums sind fliessend und vor allem höchst individuell. Es gibt also nicht DIE Form von Autismus oder Asperger.

Menschen im Autismus-Spektrum nehmen ihre Umwelt «anders» wahr. Oft orientieren sie sich an Details oder haben Mühe, eine Situation ganzheitlich zu erfassen. Daraus resultieren zum Beispiel Bedürfnisse nach Reizminderung und Rückzugsmöglichkeiten. Da manche Schwierigkeiten haben, Stimmungen, nonverbale Signale und ironische Aussagen zu erkennen respektive der Situation angemessen zu deuten, haben viele das Bedürfnis nach klaren Ansagen und Aufgabenstellungen.

Tipps und Empfehlungen für Lehrveranstaltungen, Selbststudium, Prüfungen und Leistungsnachweise

  1. Es ist nicht ratsam, die verschiedenen Betroffenen miteinander zu vergleichen, da die Ausprägungen von ASS äusserst individuell sind. Auch das «Alltagswissen», das z.T. aus Filmen wie «Rainman» suggeriert wird, kann sehr irreführend sein. Lassen Sie sich die spezifische Symptomatik von den einzelnen Studierenden und/oder einer ihnen vertrauten Person individuell erklären.
  2. Versuchen Sie, die spezifischen Bedürfnisse so weit wie möglich zu respektieren und werten Sie diese nicht, auch wenn sie Ihnen fremd vorkommen.
  3. Sprechen und schreiben Sie eindeutig, klar und strukturiert. Versuchen Sie Sprachbilder, Ironie, Floskeln, Smalltalk und unangekündigte Themenwechsel zu vermeiden.
  4. Vermitteln Sie so viel Struktur wie möglich und visualisieren Sie eindeutig und prägnant: Stellen Sie wenn immer möglich alles digital und im Voraus zur Verfügung. Wenn Sie in Ihren Texten und in Ihrer Didaktik mit Advance Organizers arbeiten, kann das den Betroffenen helfen. Stellen Sie die Inhalte immer wieder (visualisiert) in den Gesamtzusammenhang und sorgen Sie für Verknüpfungen zum bereits Behandelten (Rückblick-Ausblick-Querblick).
  5. Gruppenarbeiten können für Studierende mit ASS aufgrund der Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion sehr herausfordernd sein. Versuchen Sie wenn möglich Unterstützung oder alternative Arbeitsformen anzubieten.
  6. Menschen aus dem autistischen Spektrum brauchen oft viel mehr Zeit, Ruhe und Erholungspausen, da das Zusammenleben mit anderen Personen und vielen Reizen für sie extrem anstrengend sein kann. Zudem unterstützt das Selbststudium in der Regel orts-/zeitunabhängiges Lernen und kann die Präsenzlehre ergänzen oder ersetzen.
  7. Manchmal helfen kreative Lösungen: z.B. Gehörschutz, Arbeitsanweisungen im Voraus aufs Handy übermitteln, auch bei Präsenzanlässen digital kommunizieren, Ortswechsel und Wechsel der Sozialform frühzeitig ankündigen, chatten statt eines persönlichen Gesprächs etc.
  8. Wesentliche Punkte für die Betroffenen sind Ruhe, stabile Lichtverhältnisse und gute Luft während der Lehrveranstaltungen.
  9. Versuchen Sie Studierende mit einer ASS nicht zusätzlich zu exponieren. Hilfreich kann auch sein, dass sie z.B. die Möglichkeit erhalten, als letzte zu kommen oder als erste zu gehen.
  10. Vermeiden Sie nach Möglichkeit sowohl positive wie negative Überraschungen wie z.B. Spontan-Tests, unangekündigte Exkursionen o.ä.
  11. Akzeptieren Sie ggf. Begleitpersonen, individuelle Hilfsmittel (z.B. Gehörschutz oder Assistenzhunde) sowie z.B. den Anspruch auf den immer gleichen Sitzplatz.
  12. Versuchen Sie Studierende mit ASS ihren Talenten entsprechend einzusetzen. Oft haben sie Fähigkeiten und Ausdauer bei Routine-Arbeiten oder z.B. bei Datenanalysen, Transkriptionen, Gedächtnisleistungen o.ä.
  13. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie mit ungeschönten, manchmal sozial wenig verträglichen Aussagen, grosser Beharrlichkeit bei Details, Mühe mit der Selbstorganisation und teils ungewohntem Sozialverhalten konfrontiert sein könnten. Dies alles ist Teil der Lebenssituation und deren Bewältigung, nicht Provokation oder gar Konfliktsuche.
  14. Je nach Art der Behinderung brauchen Studierende im Autismus-Spektrum bei Prüfungen z.B. eine angepasste Raumsituation oder mehr Ruhepausen. Gestalten Sie zudem bei Leistungsnachweisen mit anspruchsvollen Sozialkontakten (z.B. persönliche Befragungen, Gruppenarbeiten) wenn möglich Alternativen mit weniger grossen sozialen Herausforderungen (siehe Nachteilsausgleich).

Spezifische Informationen der Hochschule für Heilpädagogik (HfH)

Informationen zum Nachteilsausgleich und wie ein solcher für Studium, Weiterbildung und Arbeit an der Hochschule für Heilpädagogik beantragt werden kann finden Sie unter Heil- und Sonderpädagogik studieren – HfH

Lizenz

Studium und Lehre im Kontext von Neurodiversität Copyright © Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

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