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Fördermassnahmen

Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen: Das neuropsychologische Gruppenprogramm ATTENTIONER

von Claus Jacobs und Franz Petermann (2013)

 

Einsatzbereich

  • 7 bis 14 Jahre
  • Gruppentraining
  • Indizierte Prävention

Qualitätskriterien

Durchführbarkeit Theoretische Fundierung Evaluation
Bewertung Gefüllter Kreis Gefüllter Kreis Halb gefüllter Kreis
Erläuterung Verständliche Hinweise zur praktischen Umsetzung des Programms. Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. Wirksamkeitsbelege ohne Kontrollgruppen.

Inhalt

Das Trainingsprogramm wurde für Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefiziten im Bereich der selektiven und geteilten Aufmerksamkeit entwickelt. Das Hauptziel des Trainingsprogramms besteht in der Verbesserung der Aufmerksamkeitssteuerung. Darüber hinaus soll die Selbstregulation gestärkt, sozial erwünschtes Verhalten gefördert und der Transfer in den Alltag unterstützt werden. ATTENTIONER findet in psychologischen, psychiatrischen, sonderpädagogischen und ergotherapeutischen Bereichen Verwendung.

Zur Feststellung einer Indikation für die Teilnahme am Training, d.h. dem Vorliegen eines Funktionsdefizits im Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung und einer deutlichen Diskrepanz zwischen Aufmerksamkeits- und Intelligenzwert, wird die Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP; Zimmermann & Fimm, 2002) sowie die Durchführung eines Intelligenztests empfohlen.

Das Training umfasst 15 wöchentliche Trainingssitzungen à jeweils 60 min. Das Trainingskonzept sieht die Durchführung in Vierergruppen mit Kindern und Jugendlichen in ähnlichem Alter vor. Idealerweise wird das Training von zwei Trainer:innen pro Gruppe geleitet, eine Durchführung durch nur eine Trainer:in ist jedoch ebenfalls möglich.

Zu den Elementen des Trainings zählen sogenannte „Geheimaufträge“, bei denen es sich um Knobelaufgaben handelt, die der Förderung der Frustrationstoleranz und der Problemlösefähigkeit dienen. Den verhaltenstherapeutischen Rahmen bildet ein Response-Cost-Token-System (R-C-T-System) in Form einer Gewinnpunktekarte zur Förderung des Sozial- und Arbeitsverhaltens und der Motivation.

In der aktuell vorliegenden dritten Auflage wurden die Eltern im Rahmen eines spezifischen Elterngruppentrainings miteingebunden, um auch den Transfer in den Alltag zu unterstützen. Für die Eltern sind insgesamt fünf Sitzungen à jeweils 100 min. vorgesehen.

Durchführbarkeit

Im Training wird die Mitarbeit der Kinder und Jugendlichen durch altersgerechte Leitfiguren unterstützt. Der kleine Drache Taifun und andere Drachen ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Training.

Das Trainingsprogramm liegt in manualisierter Form vor. Alle 15 Trainingssitzungen werden im Manual ausführlich, klar und verständlich beschrieben. Bei jeder Sitzung werden alle für die Durchführung benötigten Materialien (z.B. Spielfiguren, Würfel, Plastikschale, Trommel, usw.) aufgelistet und auch mögliche Variationen des Schwierigkeitsgrades beschrieben. Zudem werden Aufbau und Inhalt der fünf Sitzungen des Elterngruppentrainings nachvollziehbar dargestellt und erläutert.

Die für die Durchführung benötigten Arbeitsblätter sind im Anhang als Kopiervorlagen und die Audiotracks auf einer beigelegten DVD verfügbar (bzw. beim E-Book über einen Downloadbereich von Hogrefe abrufbar).

In einer Rezension wurde ein sehr hoher Zeitaufwand beim Zusammenstellen und Erarbeiten der Arbeitsmaterialien erwähnt, welcher sich aber lohne. Die Kinder und Jugendlichen nehmen motiviert am Programm teil, die Durchführung bereitet Spass und das Training könne auch für Einzeltherapien empfohlen werden (Köster, 2008).

Theoretische Fundierung

In den ersten Kapiteln des Manuals werden zentrale Grundlagen u.a. in Bezug auf die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufgegriffen, zudem wird im Manual in einem weiteren Unterkapitel auch die Diagnostik bei Aufmerksamkeitsstörungen näher beschrieben. Da für die Indikation zur Teilnahme am Trainingsprogramm eine umfassende Diagnostik in Bezug auf das Vorliegen eines Funktionsdefizits im Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung empfohlen wird.

Das Trainingsprogramm basiert auf lernpsychologischen Grundannahmen (SORCK-Modell, z.B. Petermann & Petermann, 2011) und auf einem neuropsychologischen Ansatz. Bei der neuropsychologischen Annahme orientieren sich die Autoren an der Sichtweise, eine Aufmerksamkeitsstörung primär als Inhibitionsstörung zu definieren (z.B. Koglin & Petermann, 2004). Aus der Inhibitionsstörung können sekundäre Störungen der exekutiven Funktionen (Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation, Internalisierung von Sprache und Handlungsplanung/-kontrolle) entstehen (Barkley, 2006, 2011). Störungen in der Aufmerksamkeit können sich beispielsweise durch Flüchtigkeitsfehler, Ablenkbarkeit oder Schwierigkeiten bei der Organisation von schulischen Aufgaben bemerkbar machen. Bei der neuropsychologischen Therapie werden mit im Schwierigkeitsgrad steigenden, multimodalen Aufgabenstellungen die entsprechenden kognitiven Funktionen verbessert.

Die insgesamt 57 Trainingsaufgaben basieren auf dem Aufmerksamkeitsmodell nach Sturm (2005). In diesem Modell werden die folgenden vier zentralen Aufmerksamkeitskomponenten beschrieben: fokussierte Aufmerksamkeit, geteilte Aufmerksamkeit, Aktivierungsbereitschaft und Vigilanz/Daueraufmerksamkeit.

Evaluation

Das Trainingsprogramm ATTENTIONER wurde in mehreren Wirksamkeitsstudien hinsichtlich kurzfristiger und langfristiger Effekte evaluiert.

Kurzzeiteffekte: Im Manual wird eine erste Untersuchung mit Prä-Post-Vergleich beschrieben. Daran nahmen insgesamt 132 Kinder mit einer Störung der geteilten und/oder fokussierten Aufmerksamkeit teil. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Verbesserung der Aufmerksamkeit durch die Trainingsteilnahme. In den Elterneinschätzungen wurde deskriptiv ausgewertet auch eine Verbesserung des Verhaltens wahrgenommen. Bei dieser Studie wurde jedoch keine Kontrollgruppe beigezogen.

Langzeiteffekte: An einer Evaluationsstudie mit Prä-Post-Vergleich nahmen insgesamt 36 Kinder mit einer Störung in der geteilten und/oder fokussierten Aufmerksamkeit teil (Jacobs & Petermann, 2007). Die Postmessung fand zwischen eineinhalb und vier Monaten nach Abschluss des Trainings statt. Die Ergebnisse zeigten, aufgrund des niedrigen Stichprobenumfangs überprüft mittels Wilcoxon-Tests, eine signifikante Verbesserung der Aufmerksamkeit durch die Trainingsteilnahme. In den Elterneinschätzungen wurde deskriptiv ausgewertet auch eine Verbesserung des Verhaltens wahrgenommen. Wiederum wurde bei dieser Studie keine Kontrollgruppe beigezogen. Zur Prä-Post-Messung wurde in einer weiteren Studie mittels Follow-up-Untersuchung der Effekt zehn bis 76 Monate nach der Post-Erhebung geprüft (Jacobs & Petermann, 2008). Zur Stichprobe zählten 32 Kinder. Es konnten auch signifikante Ergebnisse zum Follow-up festgestellt werden, die Überprüfung erfolgte wiederum mittels Wilcoxon-Test.

Schliesslich überprüften Tischler, Karpinski und Petermann (2011) in einer Studie mit drei Messzeitpunkten zusätzlich die Wartezeit zwischen der Eingangsuntersuchung und der Diagnostik direkt vor dem Start mit dem ATTENTIONER-Programm. Im Durschnitt betrug die Wartezeit bis Therapiebeginn 214 Tage. Die Stichprobe umfasste 17 Kinder im Alter zwischen sieben bis 13 Jahren. Bis zur Post-Erhebung nach dem Interventionsprogramm konnte insgesamt eine deutliche Verbesserung der Inhibitionsfähigkeit erzielt werden. Die Ergebnisse zeigten aber auch, dass bereits von T1 zu T2, also noch vor Programmstart, Verbesserungen bei der geteilten Aufmerksamkeit festgestellt wurden. Daher sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Bei der Untersuchung fehlte auch eine Kontrollgruppe.

In Anlehnung an ATTENTIONER wurde ein Mini-Attentioner konzipiert, dessen Umsetzung ohne Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten möglich ist. In einer Evaluationsstudie (Schlarb et al., 2015) mit 59 Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren zeigten sich signifikante Effekte in Bezug auf eine verbesserte Aufmerksamkeitsleistung und eine Reduktion von unaufmerksamer und hyperaktiver Symptomatik in der Elterneinschätzung.

Literatur

  • Barkley, R. A. (2006). Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (3rd ed.). New York: Guilford Press.
  • Barkley, R. A. (2011). Das große ADHS-Handbuch für Eltern. Verantwortung übernehmen für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (3., erg. u. erw. Aufl.). Bern: Huber.
  • Jacobs, C., & Petermann, F. (2007). Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern: Langzeiteffekte des neuropsychologischen Gruppenprogrammes ATTENTIONER. Kindheit und Entwicklung, 16(1), 40–49. https://doi.org/10.1026/0942-5403.16.1.40
  • Jacobs, C., & Petermann, F. (2008). Aufmerksamkeitstherapie bei Kindern – Langzeiteffekte des ATTENTIONERS. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 36(6), 411–417. https://doi.org/10.1024/1422-4917.36.6.411
  • Jacobs, C., & Petermann, F. (2013). Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen: das neuropsychologische Gruppenprogramm ATTENTIONER. Hogrefe.
  • Köster, B. (2008). Training für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen. Das neuropsychologische Gruppenprogramm ATTENTIONER: rezensiert von Beate Köster. Forum Psychotherapeutische Praxis, 8(3), 148–149. https://doi.org/10.1026/1860-7357.8.3.148
  • Koglin, U. & Petermann, F. (2004). Das Konzept der Inhibition in der Psychopathologie. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, 52, 91–117.
  • Petermann, F. (Hrsg.). (2011). Kinderverhaltenstherapie. Grundlagen und Anwendungen. (4., vollst. erw. Aufl.). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
  • Tischler, L., Karpinski, N., & Petermann, F. (2011). Evaluation des neuropsychologischen Gruppenprogramms ATTENTIONER zur Aufmerksamkeitstherapie bei Kindern und Jugendlichen. Zeitschrift Für Neuropsychologie, 22(2), 75–85. https://doi.org/10.1024/1016-264X/a000036
  • Schlarb, A. A., Sommer, F., Hautzinger, M., & Grünwald, J. (2015). Aufmerksamkeitstherapie bei Grundschülern: Effekte des neuropsychologischen Gruppentrainings Mini-Attentioner. Kindheit und Entwicklung, 24(2), 95–104. https://doi.org/10.1026/0942-5403/a000165
  • Sturm, W. (2005). Aufmerksamkeitsstörungen. Hogrefe.
  • Zimmermann, P. & Fimm, B. (2002). TAP – Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (Version 2.0). Herzogenrath: PSYTEST.

Verfügbarkeit an der HfH


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Letzte Änderung: 04/2026

 

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