Fördermassnahmen
Stresspräventionstraining für Kinder im Grundschulalter
von Johannes Klein-Heßling und Arnold Lohaus (2021)

Einsatzbereich
- 3. und 4. Klasse
- Gruppentraining
- Universelle und selektive Prävention
Qualitätskriterien
| Durchführbarkeit | Theoretische Fundierung | Evaluation | |
|---|---|---|---|
| Bewertung | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis | Gefüllter Kreis |
| Erläuterung | Verständliche Hinweise zur praktischen Umsetzung des Programms. | Theoretische Begründung und nachvollziehbare Ableitung der Vorgehensweise. | Überzeugende Belege zur Wirksamkeit. |
Inhalt
Das Ziel des «Stresspräventionstrainings für Kinder im Grundschulalter» ist die Förderung der Stressresistenz. Die erste Version des Trainings erschien 1998 unter dem Titel «Bleib locker». Durch einen spielerischen Ansatz lernen Kinder, akute Stresssituationen effektiver zu bewältigen und auf zukünftige Stresssituationen vorbereitet zu sein. In der aktuellen Auflage wurden zusätzliche Übungen und neuere Evaluationsstudien zum Training ergänzt.
Das Training besteht aus acht wöchentlichen Trainingssitzungen im Umfang einer Doppelstunde (90 Minuten). Ergänzend zum Trainingsprogramm sind zwei Elternabende vorgesehen. Idealerweise wird das Training mit einer Gruppengrösse von acht bis zwölf Kindern durchgeführt, es kann aber auch mit ganzen Schulklassen umgesetzt werden.
Das Training umfasst vier zentrale inhaltliche Bausteine: das Kennenlernen eines Stressmodells, die Wahrnehmung eigener Stressreaktionen, das Erkennen von Stresssituationen und der Einsatz von Bewältigungsstrategien. Als weiteres Trainingsziel betonen die Autoren zudem, dass die Kinder Spass haben sollen an der Trainingsteilnahme.
Durchführbarkeit
Das Stresspräventionsprogramm kann im ausserschulischen Bereich für interessierte Kinder und Eltern angeboten oder im Schulsetting im regulären Unterricht umgesetzt werden. Ein Einsatz mit der ganzen Klasse ist möglich, eine Aufteilung in Gruppen erlaubt den einzelnen Kindern jedoch eine stärkere und häufigere Einbindung ins Training.
Das benötigte Material und die acht Trainingssitzungen mit den einzelnen Trainingselementen sind im Manual ausführlich beschrieben. Im Training kommen verschiedene Methoden wie Rollenspiele, Entspannungsübungen (z.B. Progressive Muskelrelaxation) und Comics zum Einsatz. In jeder Sitzung finden zwischen den inhaltlichen Bausteinen auch Auflockerungsspiele Platz. Weiter enthält das Manual auch Zusatzübungen, die ergänzend oder alternativ eingesetzt werden können. Die zusätzlichen Übungen entstanden aus Gesprächen und Rückmeldungen von Trainingsleiter:innen, sind damit nicht wissenschaftlich evaluiert und wurden aufgrund dessen nicht bei den anderen acht Trainingsstunden eingebunden. Das Manual verfügt weiter über Hinweise zur Durchführung von zwei trainingsbegleitenden Elternabenden am Anfang und am Ende des Trainings.
Das Programm ist als E-Book verfügbar, dort sind die Präsentationsmaterialien und Arbeitsblätter bereits Bestandteil. Bei der Printausgabe ist dem Manual eine CD-ROM mit den entsprechenden PDF-Dateien beigelegt. Zum Trainingsprogramm ist auch eine Audio-CD „Bleib locker“ mit Entspannungsübungen separat erhältlich.
Theoretische Fundierung
Die theoretische Grundlage des Stresspräventionsprogrammes bildet der transaktionale Ansatz von Lazarus (1966). Der Ansatz verfügt über die Annahme, dass Stress einerseits in Abhängigkeit von der Art und Weise der subjektiven Wahrnehmung und Bewertung des Umweltereignisses sowie andererseits von den verfügbaren und genutzten Copingstrategien des Individuums abhängt. Das transaktionale Stressmodell von Lazarus wurde für Kinder vereinfacht in Form einer Balken- bzw. «Stresswaage» dargestellt, um die Zusammenhänge und Dynamik des Stresserlebens aufzuzeigen.
In Bezug auf Stressbewältigungsstrategien werden in der Literatur meist instrumentelle/problemorientierte von emotionsregulierenden/palliativen Copingstrategien unterschieden (z.B. Eschenbeck, Schmid, Schröder, Wasserfall & Kohlmann, 2018). Instrumentelle Bewältigungsstrategien zielen auf die Veränderung der Umwelt oder eigener Personenmerkmale ab, palliative Strategien beinhalten die Regulierung somatischer und emotionaler Stressreaktionen (z.B. Entspannungstechniken). Bei der Suche nach einer passenden Entspannungsmethode für Kinder wurde die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (1938) gewählt.
Evaluation
Zur Überprüfung des Trainingsprogrammes wurden mehrere Evaluationsstudien durchgeführt, welche im Trainingsmanual beschrieben werden.
Eine erste Evaluationsstudie (Dirks, Klein-Heßling & Lohaus, 1994) mit vier Grundschulklassen (zwei Trainingsgruppe, zwei Kontrollgruppe) wurde eine kürzere Version des Trainings mit vier Doppellektionen untersucht. Durch das Training konnten die Kinder Stresssymptome besser identifizieren und mehr Stressbewältigungsstrategien nennen. Beim psychischen und physischen Wohlbefinden gab es wenig Verbesserungen.
Auf Basis dieser ersten Evaluationsstudie wurde das Interventionsprogramm modifiziert in Bezug auf eine Ausdehnung auf acht Trainingssitzungen, eine Reduktion der Gruppengrösse auf acht bis zwölf Teilnehmende, der Einbezug der Eltern sowie einer systematischen Variation von Trainingselementen. Bei der zweiten Evaluationsstudie wurden dann auch Langzeiteffekte durch eine Follow-up-Erhebung sechs Monate nach dem Interventionsprogramm erfasst. Die zweite Studie wurde als Modellprojekt von der Techniker Krankenkasse gefördert. An der quasiexperimentellen Wartekontrollgruppenstudie nahmen insgesamt 170 Kinder (3./4. Klasse) teil. Die Trainingssitzungen fanden ausserhalb des regulären Schulunterrichts statt. Es wurden vier verschiedene Trainingsvarianten mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen untersucht. Zur Wirksamkeitsüberprüfung wurden die Kinder und deren Eltern vor und nach der Intervention schriftlich mittels Fragebogen befragt. Die Trainingsleitenden gaben über Protokolle nach jeder Trainingssitzung schriftlich Rückmeldung. Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass die Teilnahme am Training bei den Kindern nicht nur zu einem besseren Verständnis potenzieller Stressreaktionen und Bewältigungsstrategien führt, sondern auch mit positiven Veränderungen im subjektiven Stresserleben, in der Stresssymptomatik und im Umgang mit Stress einhergeht. Beim subjektiven Stresserleben zeigten sich sowohl bei den Kindern wie auch bei der Fremdeinschätzung durch die Eltern signifikante Interaktionseffekte. Die Follow-up-Erhebung nach sechs Monaten zeigten eine weitere Verbesserung. Beim Vergleich der verschiedenen Trainingsvarianten konnte festgestellt werden, dass das Problemlösetraining und das Kombinationstraining die stärksten Effekte aufwiesen. Danach folgte das Wissenstraining und den kleinsten Effekt zeigte das Entspannungstraining. Bei der Überprüfung der Variation der Elternbeteiligung zeigten sich keine bedeutsamen Effekte.
In einer neueren Evaluationsstudie wurde das «Bleib locker»-Training mit einem achtsamkeitsbasierten Training verglichen. Insgesamt nahmen 121 Schüler:innen der 3. und 4. Klasse teil. Insbesondere bei der Stressvulnerabilität zeigten sich signifikante Effekte im Vergleich zur Kontrollgruppe. Beim Vergleich mit der achtsamkeitsbasierten Trainingsvariante zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Die Bewertung und Akzeptanz des Trainings wurden allgemein von den Kindern und Eltern als sehr hoch eingeschätzt. Eine weitere Studie im Schulsetting mit 120 Schüler:innen der 3. und 4. Klasse untersuchte die Wirkungen des Trainings zusätzlich auch im Vergleich von externen Trainern (Studierende) und Lehrkräften. Die bisher positiven Ergebnisse konnten wiederum bestätigt werden. Dabei zeigte sich ein signifikanter Interaktionseffekt bei den externen Trainern, jedoch nicht bei den Lehrkräften, der Unterschied fiel jedoch gering aus. Bei dieser Studie, die im Rahmen mehrerer Abschlussarbeiten entstand, wurde keine Kontrollgruppe beigezogen.
Zusätzlich wurde Nutzen und Wirkung von Entspannungsverfahren bei Kindern in weiteren Studien (Klein-Heßling & Lohaus, 1999, 2002) untersucht, dessen Ergebnisse im Manual auch beschrieben werden. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass mit unterschiedlichen Verfahren kurzfristig Entspannungsreaktionen bei den Kindern ausgelöst werden können, die Anzahl Sitzungen und Intensität des Trainings zeigte keinen signifikanten Effekt.
Entsprechend den Evaluationsergebnissen wurde im Trainingsmanual die Entspannungstechniken zugunsten von Problemlösebestandteilen reduziert. Von den Programmelementen des Stresspräventionstrainings kann gemäss Autoren eine hohe Wirksamkeit im primär- wie auch im sekundärpräventiven Bereich vermutet werden.
Literatur
- Dirks, S., Klein-Heßling, J. & Lohaus, A. (1994). Entwicklung und Evaluation eines Stressbewältigungsprogrammes für das Grundschulalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 41, 180 – 192.
- Eschenbeck, H., Schmid, S., Schröder, I., Wasserfall, N. & Kohlmann, C.-W. (2018). Development of coping strategies from childhood to adolescence. European Journal of Health Psychology, 25, 18 – 30. https://doi.org/10.1027/2512-8442/a000005
- Jacobson, E. (1938). Progressive Relaxation. Chicago: University of Chicago Press.
- Klein-Heßling, J. (1997). Stressbewältigungstrainings für Kinder: Eine Evaluation. Tübingen: dgvt.
- Klein-Heßling, J. & Lohaus, A. (1999). Zur Wirksamkeit von Entspannungsverfahren bei unruhigem und störendem Schülerverhalten. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 7, 105 – 119. https://doi.org/10.1026//0943-8149.7.4.213
- Klein-Heßling, J. & Lohaus, A. (2002). Benefits and interindividual differences in children’s responses to extended and intensified relaxation training. Anxiety, Stress, and Coping, 15, 275 – 288. https://doi.org/10.1080/1061580021000020734
- Klein-Heßling, J., & Lohaus, A. (2021). Stresspräventionstraining für Kinder im Grundschulalter (4., überarbeitete Auflage). Hogrefe. https://doi.org/10.1026/03028-000
- Lazarus, R. S. (1966). Psychological stress and the coping process. New York: McGraw Hill.
Verfügbarkeit an der HfH
- In der Bibliothek verfügbar
- Im Didaktischen Zentrum (DiZ) verfügbar
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Letzte Änderung: 04/2026