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I. Unterricht

Verhalten

«Dieses Kind stört andauernd meinen Unterricht!»Verhaltensauffälligkeiten können die Tragfähigkeit der integrativen Schule herausfordern und Lehrpersonen belasten. Drei Grundannahmen sind wichtig:

    1. Jedes Verhalten drückt ein Verhältnis zu einem Gegenüber aus.[1]
    2. Jedes Verhalten ist daher subjektiv sinnvoll.
    3. Schüler:innen machen ihre Sache gut, wenn sie können.[2] Es handelt sich bei Verhaltensauffälligkeiten mehr um Performanzprobleme als um Kompetenzdefizite.

Haben Sie oder die Lehrpersonen oder Schüler:innen und deren Eltern den Eindruck, wenn ein:e Schüler:in nicht mehr in der Klasse wäre, wäre alles besser? Dann erleben Sie «Sündenbockdynamiken» in Ihrer Klasse. Verhaltensprobleme werden gerne ausschliesslich Schüler:innen zugeschrieben und damit dem Sozialen entzogen, obwohl es sich um soziale Dynamiken handelt.

«Je gemischter eine Klasse ist, desto weniger schwierig ist sie. Gemischt im Sinne von: Kinder mit unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen.»

Prof. Dr. Dennis Hoevel → Zum Interview

Setzen Sie sich dafür ein, den:die Schüler:in in der Klasse zu behalten. Aber unbedingt nicht als Aufgabe einer einzelnen Lehrperson.

  • Zuerst muss die Situation soweit entlastet werden, dass die Lehrpersonen bereit sind, zu lernen.
  • Wenn Sie jedoch das Problem ausschliesslich delegieren, wird sich das Unterrichssystem nicht ändern und das Problem kann sich erneut in einer neuen Gruppenkonstellation zeigen.
  • Unterstützen Sie die Lehrpersonen, mögliche Angriffe nicht persönlich zu nehmen und tief Luftholen zu üben, bevor reagiert wird. Damit können wiederkehrende Abwärtsspiralen durchbrochen werden.
  • Unterstützen Sie das Klassensystem unmittelbar zur Verbesserung der Situation – mit dem Fokus auf Classroom-Management und der kollegialen Fallberatung (siehe unten).
  • Schüler:innen mit belastender Geschichte benötigen die Zusammenarbeit des ganzen Schulhauses, um getragen zu werden. Auch müssen dazu Emotionen der Lehrpersonen thematisiert und bearbeitet werden.

Klassenführung

Das Classroom-Management gehört zu den Tiefenstrukturen des Unterrichts. Es handelt sich bei guter Klassenführung also nicht um eine oberflächliche Umsetzung von klaren Abläufen und Formalia, sondern um die Gestaltung vom Umgang miteinander und der Stärkung der gemeinsamen Aufgabe: In Kooperation zu lernen.

Gerade bei herausforderndem Verhalten lohnt es sich, hier anzusetzen. Der Fokus muss dabei auf der Lernaktivität, die für Schüler:innen sinnvoll erscheint, und hohen Lernzeit der Schüler:innen liegen. Denn wenig Leerlauf und ziellose Aktivitäten im Unterricht verunmöglichen, originelle Verhaltensweisen zu zeigen.

Super- und Intervision (Kollegiale Fallberatung)

  • Supervision: Bei anderen Berufen mit Menschen ist Supervision institutionalisiert – in der Schule nicht. Insbesondere bei Verhaltensproblemen sollten Sie unbedingt eine supervisorische Begleitung ermöglichen.
  • Kollegiale Fallberatung: Unterstützen Sie das Lehrpersonenteam, eine Kollegiale Fallberatung (Instrumente siehe unten) durchzuführen. Diese kann auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit festigen. Organisieren Sie wenn möglich eine externe Begleitung, die ab und zu die Intervisionen begleitet und einen hilfreichen Ablauf einführt.
  • Biographie: Nehmen Sie es ernst, wenn Sie merken, dass eine Lehrperson bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten über die eigene Biographie stolpert. Vulnerable Schüler:innen kennen aus guten Gründen unsere emotionale  Achilles-Ferse. Unterstützen Sie dann die Lehrperson, die → eigenen blinden Flecken aufzudecken.

Prävention und Förderung

Es ist wichtig, nicht nur zu reagieren, sondern auch zu agieren: Prävention und Förderung sollte in noch nicht stark verfahrenen Situationen praktiziert werden.[3]

  • Klassenrat: Klassenrat ermöglicht, soziale Themen in der Klasse anzusprechen und gemeinsam das Zusammenleben zu thematisieren. Der Klassenrat sollte so institutionalisiert sein, dass er in einer Klasse regelmässig jede Woche zur gleichen Zeit stattfindet. Da er in den meisten Schulen schon länger dazugehört, ist es sicher sinnvoll, über die Qualität in Diskussion zu kommen und neue Impulse zu geben.
  • Prävention: Es kann auch eine → universelle präventive Fördermassnahme im Klassenunterricht eingesetzt werden, um die emotionalen und sozialen Kompetenzen der Schüler:Innen zu stärken und Verhaltensauffälligkeiten möglichst zu reduzieren, bevor sie zum Problem werden.
    ACHTUNG: Auch ein sogenannt „evidenzbasiertes“ Programm basiert auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen und muss auf die jeweilige Situation angepasst werden. Die Qualität liegt nicht im Programm an sich, sondern in der konkreten Umsetzung.
  • Elternarbeit: Die Bearbeitung von Herausforderungen im Bereich Verhalten müssen gemeinsam mit den → Eltern angegangen werden. Denken Sie jedoch daran: Nicht die Eltern haben das Problem der Schule zu lösen und sind an allem Schuld.

Sozialpädagogische Begleitung

«Scheint eine Separation des Kindes in akuten Krisen unumgänglich?»Vor einem Time Out kann eine Klasse und eine Lehrperson noch im Sinne einer Krisenintervention begleitet werden.

  • Achten Sie darauf, dass die ganze Klasse in die Interventionen einbezogen wird.
  • Planen Sie mit den Lehrpersonen. Es ist gut, zeitnah eine Intervention durchzuführen – vertrösten Sie nicht auf übermorgen.

Time Out

Das Ziel eines Time Out ist, die ganze Situation zu entlasten und Zeit zu bekommen, die Integration neu anzugehen:

  • Das Kind sollte während der Separation mit dem Material der Klasse arbeiten können.
  • Die Rückkehr des Kindes in die Klasse muss von Anfang an mitgeplant werden.
  • Die Situation (Unterricht, Lehrperson, Klasse) muss in der Zwischenzeit angegangen werden.

 

Zusammenarbeit & Unterstützung

Für die Elternarbeit hilft die Zusammenarbeit mit der → Schulsozialarbeit / Schulsozialpädagogik.

Unterstützen Sie Kollegiale Beratung durch die Einrichtung von festen Intervisionsteams im Schulhaus.

Beratungen erhalten Sie vom → Schulpsychologischen Dienst, weitere Informationen zum → Timeout finden Sie auf der Internetseite des Schulamts.

Die → Fachstelle Verhalten und Lernen der HfH ist eine niederschwellige Anlaufstelle für Fragen rund um Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwierigkeiten und herausfordernden Situationen in der Schule.

Haben Sie Fragen zu bestimmten Diagnosen wie beispielsweise ADHS / ADS oder Autismus-Spektrum ASS? Die Externe Praxisberatung hilft Ihnen weiter. Kontaktieren Sie dafür das Schulamt.

Instrumente & Materialien

Intervision / Kollegiale Fallberatung

Stufenmodell des Schulamts Liechtenstein

Orientieren Sie sich am → Stufenmodell zum Umgang mit herausforderndem Verhalten in den Schulen des Schulamts.
Achten Sie darauf: Stufenmodelle tragen die Gefahr in sich, die ganze Verhaltenssituation einseitig an einem Kind/Jugendlichen festzumachen. Achten Sie deshalb auf einen breiten Interpretationsspielraum der schwierigen Situationen, den Sie über Kollegiale Fallberatungen (siehe oben) und Supervisionen sowie dem Einbezug multidisziplinärer Perspektiven ermöglichen.

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  1. Müller, T. (2018), Kinder mit auffälligem Verhalten unterrichten. Fundierte Praxis in der inklusiven Grundschule. Reinhardt Verlag, S. 16
  2. Greene, R. W. (2019), Verloren in der Schule. Wie wir herausfordernden Kindern helfen können. Hogrefe
  3. Hövel, D. C., Schellenberg, C., Link, P.-C., Gasser-Haas, O. (Hrsg.) (2024), Sozio-emotionales Lernen. Edition SZH.

Lizenz

Tragfähige Schule Copyright © Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik. Alle Rechte vorbehalten.

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