IV. Strukturen
Selektion
«Wie kann Bildungsgerechtigkeit gestärkt werden?»Unter Selektion wird die Einteilung von Schüler:innen zu verschiedenen Schulformen verstanden:
- Übertritt in die Sekundarstufe
- Selektion in Kleinklassen oder integrative Massnahmen
Es ist ein meritokratisches Ideal, dass die Schüler:innen aufgrund ihrer Leistung in entsprechende Schultypen eingeteilt werden sollen. Seit den 1970er-Jahren ist die Bildungsgerechtigkeit wiederholt untersucht worden: Es ist wirklich ein Ideal, in Tat und Wahrheit reproduziert die schulische Selektion soziale Ungleichheiten. Es ist heute noch so, dass die soziale Herkunft sehr stark den Schul- und Ausbildungserfolg beeinflusst[1].
Übertritt in die Sekundarstufe
Schulorganisatorisch sollte die Selektion möglichst spät erfolgen. In Bezug darauf ist Liechtenstein mit der Selektion nach der 5. Primarklasse schlecht aufgestellt: Es wird früh selektioniert. Dies erfordert umso mehr, sich an folgenden Aspekte zu orientieren:
- Leistungserwartung: Eine hohe Leistungserwartung von Lehrpersonen trägt bei, den Zusammenhang der sozialen Herkunft mit demLernerfolg zu reduzieren[2]. Unterstützen Sie Lehrpersonen dabei, auch bei Schüler:innen mit tiefem sozio-ökonomischem Status hohe Leistungserwartungen zu haben.
- Für gleiche Leistung mehr Aufwand: Vielfach hilft dafür auch das Verständnis, dass für die gleiche Leistung Kinder mit tiefem sozio-ökonomischem Status bis anhin viel mehr geleistet haben: Sie haben viel mehr gelernt. Für einen solchen Blick ist es wichtig, die individuelle Norm bei der Bewertung zu stärken.
- Wenig Unterstützung von zu Hause – höherer Typ der Sekundarstufe: Teilweise spielt für Lehrpersonen für den Selektionsentscheid auch die Unterstützung von zu Hause eine Rolle. Dabei könnte man per Kurzschluss denken, dass Kinder mit besserer Unterstützung im Gymnasium erfolgreicher sind. Wenn ein Kind jedoch ohne Unterstützung zu einer guten Leistung gekommen ist, ist das eine weitaus grössere Leistung, als wenn es bis anhin Unterstützung hatte. Deshalb sollen Kinder mit guten Noten ohne Unterstützung von zu Hause in Klassen mit hoher Leistungsanforderung eingeteilt werden.
- Elterngespräche: In Selektionsgesprächen spielen Habitus, Selbsteliminierung und Verhandlungsstrategien eine grosse Rolle[3]. Machen Sie diese Mechanismen im Team zum Thema, um dem entgegenwirken zu können:
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- Habitus und Kapital: Eltern mit mehr sozialen Kapital und einem entsprechenden Habitus fühlen sich kompetenter und nutzen ihre Ressourcen, um aktiv Einfluss zu nehmen.
- Selbsteliminierung vs. Selbstvertretung: Einige Eltern, wie im ersten Beispiel, ziehen sich rückhaltend zurück und übernehmen keine aktive Rolle, während andere, wie im zweiten Beispiel, das Gespräch nutzen, um ihre Position zu stärken.
- Interaktion und Verhandlungsstrategie: Die Art der Gesprächsführung ist unterschiedlich; bei den aktiven Eltern finden Verhandlungen und Konfliktlösungen statt, während passive Eltern eher Zuhörer bleiben.
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Notengebung
Noten scheinen die Leistung klar und vergleichbar abzubilden. Seit der Einführung von Noten werden diese kontrovers diskutiert. Empirisch geklärt ist, dass Noten über die Schwelle eines Schulzimmer hinaus keinen verlässlichen Vergleichswert besitzen[4].
Neben zufälligen Aspekten – in welchem Ort geht das Kind in die Schule, mit welchen Kindern geht es in die Klasse, wie benotet die Lehrperson – können auch systematische Diskriminierungen nachgewiesen werden. Mädchen erhalten in der Regel für die gleichen Leistungen bessere Noten und Kinder mit Migrationshintergrund erhalten für die gleichen Leistungen schlechtere Noten. Auch sind die Noten von der Klassenleistung abhängig – in besseren Klassen erhalten gute Schüler:innen im Vergleich zu schlechteren Klassen tiefere Noten[5].
Mit dem Projekt «Lernen sichtbar machen (Lesima)» sind einzelne Schulen daran, die Beurteilungspraxis weiterzuentwickeln. Sie leiten sich vom Grundsatz, dass Lernen mehr ist als Noten. Lerndialoge, Portfolios und Kompetenzraster verhelfen zu einer inhaltlichen und formativen (zukunfts-, und lernprozessgerichteten) Orientierung in der Beurteilungspraxis.
Instrumente & Materialien
Informationen des Schulamts zum Übertritt in die Sekundarschule
Schulgesetz (SchulG) Art. 9a: Orientierung der Eltern im Hinblick auf Übertritte
1) Die Eltern oder sonstigen Erziehungsberechtigten haben im Hinblick auf den Übertritt des Schülers in eine berufliche oder weitere schulische Laufbahn Anspruch:
a) über das Lern-, Sozial- und Arbeitsverhalten, den Grad der Erreichung von Lernzielen sowie Prüfungsergebnisse orientiert zu werden;
b) über mögliche weitere Bildungswege beraten zu werden.
2) Die Regierung erlässt mit Verordnung die näheren Bestimmungen. Sie bestimmt mit Verordnung, in welchen Fällen die Eltern oder sonstigen Erziehungsberechtigten zur Teilnahme an einem Gespräch verpflichtet werden können.
- Schoch, J. (2024). Schweiz, wir haben ein Problem – Benachteiligung in der Bildung: Ursachen und Lösungsansätze einer dringlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderung. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik , 30(07), 2–9. https://doi.org/10.57161/z2024-07-01 ↵
- Hollenstein, Lena, Benita Affolter, und Christian Brühwiler. 2019. „Die Bedeutung der Leistungserwartung von Lehrpersonen für die Mathematikleistungen von Schülerinnen und Schülern“. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 22 (4): 791–809. ↵
- Hofstetter, D. (2013). Bildungsambitionen in Elterngesprächen der 5. Klasse, ein Jahr vor dem Übertritt in die Orientierungsschule. In E. Wannack, S. Bosshart, A. Eichenberger, M. Fuchs, E. Hardegger, & S. Marti (Hrsg.), 4- bis 12-Jährige. Ihre schulischen und ausserschulischen Lern- und Lebenswelten (S. 78–86). Waxmann. ↵
- Kronig, W. (2009). Schulnoten - Glasperlen des Bildungssystems. ↵
- Oggenfuss, C., & Wolter, S. C. (2025). Not Just Gender: Multiple and Persistent Grade Biases in Language and Mathematics. European Education, 57(2), 105–117. https://doi.org/10.1080/10564934.2025.2498382 ↵