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Grundlagen

Prozessmodell

Was ist eine tragfähige Schule?

Es gibt unterschiedliche Modelle, die darstellen, welche Aspekte für eine gute Schule ausschlaggebend sind. Eine tragfähige Schule bezeichnet jedoch nicht einfach eine gute Schule per se: Gut bedeutet tragfähig. Was ist denn eine tragfähige Schule?

Eine tragfähige Schule ist eine lernende Schule, die sich neuen Herausforderungen integrativ stellt.Eine tragfähige Schule ist eine Schule, die Probleme lösen kann, indem sie sich selber verändert. Eine tragfähige Schule lernt somit laufend, Erwartungsverletzungen – wenn etwas nicht geht, von dem man erwartet, das es geht – so zu lösen, dass kein Ausschluss geschieht. Eine Delegation von Lösungen über ein arbeitsteiliges System Schule verfestigt die Institution Schule und generiert Ausschluss und damit Diskriminierung. Eine lernende, tragfähige Schule ist somit eine Schule, die Diskriminerung und Marginalisierung, Ausschluss und Stigmatisierung vermeidet respektive laufend bearbeitet. Sie ist eine inklusive Schule in dem Sinne, als dass Inklusion als Prozess bezeichnet wird, der Exklusion bearbeitet.

Ein theoretisches Modell, durch was sich eine tragfähige Schule auszeichnet, muss somit ein Prozessmodell sein. Das hier dargestellte Modell fokussiert auf zwei Prozesse, die ineinandergreifen, sich jedoch analytisch trennen lassen, um zwei verschiedene „Baustellen“ zu unterscheiden: Die alltägliche Praxis des Schulalltags sowie die Arbeit an der Institution und Organisation Schule, die laufende Infragestellung von Praktiken, Kulturen und Strukturen.

Prozessmodell

Auf Grund von Untersuchungen und Erfahrungen zur Entwicklung von „inklusiven“ Schulen können zu den zwei Prozessen je zwei Aspekte gezählt werden:

Die Entwicklung des Unterrichts steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung einer ko-konstruktiven Zusammenarbeit. Dabei geht es darum, Zugang, Partizipation und Lernen zu verbessern, indem Teams die Verantwortung für Schüler:innengruppen übernehmen. Es geht darum, ko-konstruktiv Situationen zu lösen.

Die Schulkultur im Sinne davon, wie miteinander umgegangen wird und was als nicht offen diskutierte Praxis jeweils Situationen prägt, ist ein weiterer inhaltlicher Aspekt einer tragfähigen Schule. Die Strukturen – Räumlichkeiten, gesetzliche Vorgaben, Rahmenbedingungen, die Organisation – sind aus Führungsperspektive gut sichtbar und auch veränderbar.



Praxis des Schulalltags

Unterricht: Im Unterricht steht die Qualifikation und somit das inhaltliche Lernen im Vordergrund. Die Schule hat jedoch auch die Aufgabe, ein soziales Miteinander zu fördern und den Aufbau von Sozialkompetenzen zu unterstützen. Lernen und Verhalten sind denn auch – holzschnittartig formuliert – die beiden Bereiche, um die es im Unterricht geht. Immer wieder fordern im Unterricht Situationen heraus. Es geht etwas nicht, von dem man erwartet, dass es geht[1]. Für eine Veränderung ist es wichtig, diese konkreten Situationen in den Blick zu nehmen. Dann ist es auch möglich, darüber zu sprechen, was im Unterricht von den Lehrpersonen geändert werden kann und was Schüler:innen lernen sollen.

Zusammenarbeit: Die Zusammenarbeit wird durch die immer grössere Anzahl von Fachpersonen in der Schule anspruchsvoller. Aus der Schulforschung ist bekannt, dass nicht eine Arbeitsteilung im Sinne des Verteilens von Aufgaben entlastend und entwicklungsfördernd ist, sondern die ko-konstruktive Zusammenarbeit in Bezug auf spezifische Situationen. Zusammenarbeit muss in Teams thematisiert, gepflegt und weiter entwickelt werden. Hierzu gehören Höhen und Tiefen. Alle Beteiligten müssen dies verstehen und sich dennoch positiv dafür aussprechen können.

Unterricht und Zusammenarbeit sind somit die Themen, die sehr konkret weiterentwickelt werden können: Wie können alle ihr Wissen und Können einbringen, um das Lernen von allen Schüler:innen (und Erwachsenen) zu ermöglichen und Barrieren abzubauen? Wie können wir als Team gemeinsam die Lebenssituationen der Schüler:innen (er)tragen, um ein gemeinsames Lernen in Kooperation zu ermöglichen, und so gemeinsam Mensch zu sein und zu werden?

Zusammenarbeit auf Gemeindeebene ist auch ein wichtiger Aspekt einer tragfähigen Schule. Diese Zusammenarbeit hat viel mit einer offenen Schulkultur gemein. Die situationsbezogene Zusammenarbeit mit Behörden, externen Stellen und anderen Schulen in der Gemeinde fördert die Tragfähigkeit einer Schule.


Die Institution und Organisation in Frage stellen

Schulkultur: Eine längerfristige Schulentwicklung braucht eine klare pädagogische Ausrichtung und muss somit auch zielgerichtet sein. Hierfür braucht es von allen Beteiligten geteilte Normen und Werte.

Es ist bekannt, dass die Schule an einer Institutionellen Diskriminierung krankt[2]: Schulische Praxen reproduzieren also unbewusst soziale Ungleichheiten. Haltungsfragen sollten deshalb immer mit der Praxis von Unterricht und Zusammenarbeit angegangen werden – isolierte Wertediskussionen sind wichtig, reichen jedoch nicht aus. Sie müssen unmittelbar und konkret mit der gelebten Praxis verbunden werden.

Strukturen: Die Schule wurde in den letzten Jahren vermehrt als Organisation verstanden, um Konzepte der Organisationsentwicklung auf die Schule zu übertragen. Dies aus der Hoffnung, dass die Schule dadurch effizienter und besser wird. Schule ist jedoch zuallererst eine Praxis, die es – wenn es um Entwicklung geht – zu verändern gilt. Das Organisieren sollte einer bewussten Praxis folgen und Strukturen sollen Sicherheit und Raum geben, um sich mit einem Inhalt auseinander zu setzen. Strukturelle Vorgaben ohne Inhalt sind jedoch kontraproduktiv und führen zu bürokratischen Abläufen.


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  1. Weisser, Jan (2005). Behinderung, Ungleichheit und Bildung. Eine Theorie der Behinderung. transcript.
  2. Gomolla, Mechtild, & Radtke, Frank-Olaf (2009). Institutionelle Diskriminierung. VS Verlag, aktuell für die Schweiz Hofstetter, Daniel (2017). Die schulische Selektion als soziale Praxis. Beltz.

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