I. Unterricht
Unterricht für alle
«Wie soll ich allen Schüler:innen gerecht werden können?»
In Bezug auf den Unterricht müssen zwei Ebenen unterschieden werden: Die Oberflächenstruktur und die Tiefenstruktur.
Vielfach wird die Oberflächenstruktur fokussiert. Zur Oberflächenstruktur gehören beispielsweise der strukturelle Rahmen, didaktische Methoden und Sozialformen. Qualitätsvoller Unterricht ist jedoch insbesondere von der Tiefenstruktur abhängig:
- Kognitive Aktivierung: Kognitive Aktivierung zielt darauf ab, Lernende zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Lernstoff anzuregen.Dies geschieht durch Aufgaben und Fragestellungen, die zum Denken herausfordern, Vorwissen aktivieren und Transferleistungen ermöglichen.
- Konstruktive Lernunterstützung: Konstruktive Unterstützung bezeichnet die förderliche Begleitung der Lernenden durch die Lehrperson.Dies umfasst klare Erklärungen, gezieltes Feedback, Hilfestellungen bei Schwierigkeiten und die Schaffung eines unterstützenden Lernklimas.
- Klassenführung: Eine effektive Klassenführung sorgt für einen störungsarmen Ablauf, klare Regeln und Strukturen sowie eine effiziente Nutzung der Lernzeit.Dies schafft ein Umfeld, in dem sich Schüler:innen auf das Lernen konzentrieren können, was wiederum positive Effekte auf Motivation und Leistung hat.
Wird guter Unterricht gemacht, so zeigen sich weniger Verhaltensauffälligkeiten. Insbesondere die Klassenführung hat grossen Einfluss auf das → Verhalten der Schüler:innen.
Für eine stark heterogene Lerngruppe ist es notwendig, darüber hinaus folgende Aspekte zu bedenken:
- Kooperation in heterogenen Gruppen: Es ist für das Lernen förderlich, die unterschiedlichen Schüler:innen gemeinsam lernen zu lassen. Dazu sind methodisch kooperative Lernformen entwickelt worden.
- Universelles Design: «Universal Design for Learning» (UDL) meint, dass eine Situation so gestaltet wird, dass ganz unterschiedliche Schüler:innen in der Situation in Kooperation lernen können. Dabei ist die Lernumgebung nicht durch drei Differenzierungsmöglichkeiten für die unterschiedlichen Lernenden vorgegeben, sondern sie trägt in sich unterschiedliche Möglichkeiten, die von den Lernenden selber gewählt werden können.
- Natürliche Differenzierung: Eine «natürliche Differenzierung» bezeichnet die Gestaltung von Lernumgebungen, die ein inhaltlich reichhaltiges Lernangebot für alle Schüler:innen so bereitstellt, dass auf verschiedenen Niveaus, an verschiedenen Zielen und mit unterschiedlichem Vorgehen (Methoden) gearbeitet werden kann.
- Gemeinsamer Gegenstand und Zieldifferenz: Für die Kooperation ist eine gemeinsame Aufgabe notwendig, die dann unterschiedliche zu erreichende Ziele in sich trägt. Informationen zum Gemeinsamen Gegenstand finden sich unter → Entwicklungslogische Didaktik.
Die → Unterrichtsentwicklung ist ein über längere Zeit aufrecht zu erhaltendes Schulentwicklungsthema. Als unmittelbare Intervention können Sie einerseits zur kooperative Unterrichtsvorbereitung anregen oder über Beispiele dazu anregen, den eigenen Unterricht aus der Sicht der Schüler:innen zu reflektieren.
Kooperative Unterrichtsplanung
Der Unterricht muss den Schüler:innen angepasst werden – nicht die Schüler:innen dem Unterricht.Unterricht sollte heute eine Teamarbeit sein. Es ist zentral, dass sich ein Unterrichtsteam gemeinsam immer wieder die Frage stellt, wie der Unterricht → entwicklungslogisch und im Universellen Design gestaltet werden kann.
Dabei ist nicht gemeint, dass Stufenteams gemeinsam «präpen» und Unterrichtsvorbereitungen austauschen. Vielmehr geht es um ein forschendes Herangehen an die Probleme, die sich im Lernen der einzelnen Schüler:innen zeigen. Deshalb ist die konkrete gemeinsame Vorbereitung von (ausgewählten, gemeinsam durchgeführten) Lektionen zu fördern. Unterrichtsbesprechungen können mit dem → Leitfaden gemeinsame Vorbereitung eines Lernangebots in ihrer Qualität gesteigert werden.
- Hat ein Team Zeit, Unterricht gemeinsam zu planen? Falls nicht, sollten andere Aufgaben zurückgebunden werden, um Zeit für die Zusammenarbeit in Bezug auf den Unterricht zu schaffen.
- Funktioniert die → Zusammenarbeit im Unterrichtsteam?
- Interessieren sich die Teams für das Lernen der Schüler:innen? Und nicht nur für die Oberflächenstruktur – oder gar ausgeklügelte selbst hergestellte Arbeitsblätter?
Beispiele zur gleichzeitigen Veränderung von Tiefen- und Oberflächenstruktur
Achten Sie darauf, dass bei einer Veränderung der Oberflächenstruktur (Methode, Raum, Abläufe, …) die Veränderung der Tiefenstruktur fokussiert wird: Die Oberfläche wird zur Verbesserung des inhaltlichen Lernens verändert. ACHTUNG: Für die Wirksamkeit einer Lehr- und Lernmethode ist es essentiell, alle Aspekte der Tiefen- und Oberflächenstruktur zu berücksichtigen.
Beispiel „Dialogisches Lernen“ (Tiefenstruktur)
Beispiel „Raum und Zeiten verändern“ (Oberflächenstruktur)
ACHTUNG: Die Veränderung des Raumes kann ein erster Schritt sein. Es muss jedoch über eine längerfristige Unterrichtsentwicklung die Verbesserung der Lernprozesse angestrebt werden
- Ermutigen Sie die Lehrpersonen, auch den Stunden-/Lektionenplan den aktuellen Bedürfnissen der Klasse (und einzelner Schüler:innen) anzupassen.
- Entlasten Sie das Unterrichtsteam vorübergehend von anderen Aufgaben, damit sie genügend Energie für die Unterrichtsveränderungen haben. Dazu müssen sie regelmässig über den Unterricht sprechen können und ihn iterativ weiterentwickeln.
Zusammenarbeit und Unterstützung
Lehrpersonen wie auch Schulische Heilpädagogik:innen sind Fachpersonen im Bereich der Entwicklung des Unterrichts. Der Austausch über den Unterricht muss ein wichtiger Teil des Schulalltags sein, um sich gegenseitig zu inspirieren.
Ermöglichen Sie die Zusammenarbeit in professionellen Lerngemeinschaften von Stellenpartner:innen, Klassenlehrpersonen, SHPs und Assistent:innen, um am eigenen Unterricht zu arbeiten. Die Klassenteams sollen dazu auch die Rückmeldungen der Schüler:innen miteinbeziehen.
Instrumente und Materialien
Für die gemeinsame Unterrichtsentwicklung stehen im → Baustein 5 des Instruments «Zusammenarbeit an Schulen» Leitfaden zur Verfügung:
→ Leitfaden kollegiales Coaching für ein Lernangebot
→ Leitfaden gemeinsame Vorbereitung eines Lernangebots
Zur Unterrichtsdiagnostik hat der Lernforscher Andreas Helmke ein Instrument entwickelt, mit dem Einschätzungen zu wichtigen Aspekten eines guten Unterrichts von allen Beteiligten erfragt werden können. So können unterschiedliche Einschätzungen diskutiert werden und gemeinsam sowie partizipativ der Unterricht verbessert werden. Alle benötigten Unterlagen zum Instrument «Evidenzbasierten Methoden der Unterrichtsdiagnostik» (EMU) sind frei verfügbar.