{"id":69,"date":"2026-04-13T09:32:00","date_gmt":"2026-04-13T07:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/digital.hfh.ch\/studiumlehreneurodiversitaet\/?post_type=chapter&#038;p=69"},"modified":"2026-06-05T15:53:01","modified_gmt":"2026-06-05T13:53:01","slug":"broschure-universitat-wurzburg","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/digital.hfh.ch\/studiumlehreneurodiversitaet\/chapter\/broschure-universitat-wurzburg\/","title":{"raw":"Brosch\u00fcre der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg: ADHS im Studium","rendered":"Brosch\u00fcre der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg: ADHS im Studium"},"content":{"raw":"<a href=\"https:\/\/digital.hfh.ch\/studiumlehreneurodiversitaet\/wp-content\/uploads\/sites\/110\/2026\/04\/uniwu_adhs_im_studium.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Version als PDF zum Download<\/a>\r\n<h2>F\u00fcr wen sind diese Infos gedacht?<\/h2>\r\n<h3>Leitfaden von Betroffenen f\u00fcr Betroffene<\/h3>\r\nDiese Brosch\u00fcre richtet sich an Studentinnen und Studenten mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (ADHS) und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), die aufgrund ihrer Symptomatik Schwierigkeiten bei der Bew\u00e4ltigung ihres Studiums haben. Ich selbst studiere an der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg und habe seit etwa 1,5 Jahren die Diagnose ADHS. Dadurch kenne ich die Problematiken, die sich deshalb ergeben k\u00f6nnen, aus erster Hand. Es handelt sich bei dieser Brosch\u00fcre also um eine Art \u201eLeitfaden\u201c von Betroffenen f\u00fcr Betroffene. Darum hoffe ich, es ist in Ordnung, wenn ich Dich, liebe Leserin, lieber Leser, im Folgenden mit Du anspreche. Wenn bei den vorgestellten Tipps und Methoden also von \u201eBetroffenen\u201c die Rede ist, die mit dieser oder jener Herausforderung zu k\u00e4mpfen haben, dann bin ich davon nicht ausgenommen \u2013 auch, wenn ich das nicht explizit erw\u00e4hne.\r\n\r\nAlle Strategien, die ich hier vorstellen m\u00f6chte, haben sich f\u00fcr mich selbst als sehr hilfreich erwiesen. Einige davon habe ich durch eigenes Ausprobieren sozusagen \u201eentdeckt\u201c. Damit ich hier aber nicht nur aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudere, versuche ich nach M\u00f6glichkeit, auf entsprechende Literatur oder frei zug\u00e4ngliche \/ \u00fcber das Uni-Netz verf\u00fcgbare Studien und Literatur zu verweisen, die die Wirksamkeit dieser Methoden belegen. Falls Dich ein bestimmter Punkt oder die hinter ihm stehenden Wirkmechanismen besonders interessieren, kannst Du dich dort weiter informieren.\r\n\r\nGliederung: Der Leitfaden gliedert sich in zwei Teile, die meiner Meinung nach nur im Tandem zu einem erfolgreichen und erf\u00fcllenden Studium f\u00fchren.\r\n<ol>\r\n \t<li>Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts &amp; einer positiven Haltung zum Lernen<\/li>\r\n \t<li>Konkrete Ma\u00dfnahmen f\u00fcr mehr Lernerfolg<\/li>\r\n<\/ol>\r\nGerade ersteres ist dabei nat\u00fcrlich leichter gesagt als getan. Die \u00c4nderung von \u00fcber Jahren und Jahrzehnten internalisierten Einstellungen ist ein langfristiger Prozess, der im Optimalfall psychologisch begleitet erfolgen sollte. Insofern kann der Leitfaden hier nicht mehr als einen Impuls setzen. Ich halte es dennoch f\u00fcr wichtig, diese Thematik zumindest anzuschneiden. Als Lehramtsstudent wei\u00df ich, wie essenziell emotionale Faktoren nicht nur f\u00fcr den Spa\u00df, sondern auch den Erfolg beim Lernen sind \u2013 ein oft str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigter Umstand, wie ich finde.\r\n\r\nIm zweiten Teil werden dann konkrete Ma\u00dfnahmen und Strategien f\u00fcr mehr Lernerfolg vorgestellt.\r\n\r\nKlar ist dabei, dass f\u00fcr keine psychische Erkrankung eine \u201ePatentl\u00f6sung\u201c bereitgestellt werden kann. Schon gar nicht in einem solchen Format und f\u00fcr so vielschichtige Krankheiten wie ADHS und ADS. Oft ist eine individuelle, pers\u00f6nliche und l\u00e4ngerfristige Unterst\u00fctzung im Studium deshalb ratsam. Eine solche kann die Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) bereitstellen. Wenn Ihr der Meinung seid, liebe Leserinnen und Leser, dass ihr davon profitieren k\u00f6nntet, dann schreckt bitte nicht vor einer Kontaktaufnahme zur\u00fcck.\r\n<h2>Herausforderungen erkennen &amp; eine positive Haltung entwickeln<\/h2>\r\nEin Begriff, den Du vielleicht schon mal im Zusammenhang mit AD(H)S geh\u00f6rt hast, ist der der exekutiven Dysfunktion. Ich will Dich nicht lange mit Theorie aufhalten, es ist aber meiner Meinung nach durchaus hilfreich, sich dieses Konzept etwas n\u00e4her zu vergegenw\u00e4rtigen. So k\u00f6nnen AD(H)S-bedingte Verhaltensmuster besser verstanden werden. Und das kann sich sehr lohnen, denn ohne ein Verst\u00e4ndnis des eigenen AD(H)S ist es extrem schwierig, gezielte Massnahmen zu ergreifen und l\u00e4ngerfristig zu etablieren.\r\n\r\nWas also meint exekutive Dysfunktion? Exekutive Funktionen bezeichnen allgemein alle sog. \u201eSteuerungs- und Leitungsfunktionen\u201c (M\u00fcller &amp; Klein 2019: 9). Vereinfacht ausgedr\u00fcckt fallen darunter alle F\u00e4higkeiten einer Person, ihr eigenes Verhalten situationsangemessen anzupassen. Exekutive Dysfunktionen liegen dann vor, wenn bei einer Person diese M\u00f6glichkeiten \u2013 relativ zu einem neurotypischen Menschen \u2013 eingeschr\u00e4nkt sind. Tats\u00e4chlich umfasst der Begriff durch diese recht offene Definition eine Unzahl von Prozessen, die in verschiedene Subtypen kategorisiert werden k\u00f6nnen.\r\n\r\nDiejenigen, die uns im universit\u00e4ren Kontext aber haupts\u00e4chlich interessieren m\u00fcssen, sind (fast) nur solche, die mit der Planung von Aufgaben, d.h. auch mit dem Lernen, zusammenh\u00e4ngen. Exekutive Funktion in Bezug darauf erm\u00f6glicht einer Person u.a. die folgenden Schritte durchzuf\u00fchren (vgl. Ward 2020):\r\n<ol>\r\n \t<li>Eine Aufgabe analysieren<\/li>\r\n \t<li>Planen, wie die Aufgabe gel\u00f6st werden kann<\/li>\r\n \t<li>Die Schritte organisieren, die zur L\u00f6sung n\u00f6tig sind<\/li>\r\n \t<li>Zeitpl\u00e4ne zur Aufgabenerf\u00fcllung erstellen<\/li>\r\n \t<li>Arbeitsschritte situationsgem\u00e4ss anpassen und umorganisieren<\/li>\r\n \t<li>Die Aufgabe fristgerecht erledigen<\/li>\r\n<\/ol>\r\nIst einer Person all das nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, dann liegt eine exekutive Dysfunktion vor. Diese kann aus einer Reihe von neurologischen Krankheitsbildern resultieren \u2013 h\u00e4ufig jedoch ist sie die Folge von zu Grunde liegendem AD(H)S (s. etwa Sj\u00f6wall et al. 2013). Probleme in zumindest einigen dieser Bereiche sind wohl allen AD(H)S-Betroffenen nur zu gut bekannt. Und vielleicht fragst Du Dich gerade berechtigterweise, warum ich es dann hier nochmal lang und breit bespreche.\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\"><header class=\"textbox__header\">\r\n<p class=\"textbox__title\">Die Probleme von AD(H)S-Betroffen hervorzuheben, halte ich aus zwei Gr\u00fcnden f\u00fcr sinnvoll:<\/p>\r\n\r\n<\/header>\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n\r\nErstens wird daran deutlich, dass Du mit der Problematik alles andere als allein bist. Es handelt sich um wohlbekannte Symptome, mit denen jeder AD(H)S-Betroffene (und auch viele andere Menschen in irgendeinem Ausmass) zu k\u00e4mpfen haben.\r\n\r\nZweitens lassen sich am Beispiel kognitiver Dysfunktion neuere neurologische Erkenntnisse illustrieren. Diese muss man nat\u00fcrlich nicht im Detail verstehen. Es hilft jedoch meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung nach ungemein, sie in Grundz\u00fcgen nachvollziehen zu k\u00f6nnen.\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\nDiese Erkenntnis klingt vielleicht erst mal recht banal. Dass Du nicht der einzige Mensch auf der Welt mit AD(H)S und den damit einhergehenden Problemen bist, ist Dir rein kognitiv nat\u00fcrlich v\u00f6llig klar. Allerdings geht es mir hier nicht um Wissen, sondern um Emotionen und die daraus resultierenden Einstellungen. Und in dieser Beziehung zeigt meine Erfahrung eindeutig, dass die meisten Betroffenen trotz dieses Wissens emotional genau kontr\u00e4r eingestellt sind und in der Folge ein sehr negatives Selbstkonzept entwickeln. Obwohl sie wissen, dass die aufgezeigten Punkte mit ihrem AD(H)S zusammenh\u00e4ngen, f\u00fchlen sie nicht entsprechend. Im Gegenteil: Sie springen sehr hart mit sich ins Gericht, machen sich heftige Vorw\u00fcrfe, nicht gesellschaftlichen oder sich selbst gesetzten Erwartungshaltungen gerecht zu werden, sehen sich als faul oder unzuverl\u00e4ssig. Oft ist das mit starken Gef\u00fchlen der Scham verbunden. Viele Betroffene neigen auch zu negativem \u201eHyperfokus\u201c (Lachenmeier 2014).\r\n\r\nDabei werden eigene Erfolge und Qualit\u00e4ten v\u00f6llig ausgeblendet und sich lediglich auf Misserfolge und Unzul\u00e4nglichkeiten fokussiert. L\u00e4ngerfristig hat das nicht nur ein negatives Selbstbild zur Folge, sondern macht es auch schwierig, mit anderen \u00fcber seine Probleme zu reden \u2013 wobei das aufgrund des AD(H)S immer noch anhaftenden Stigmas (s. etwa Roy 2014) nat\u00fcrlich ohnehin nicht leicht ist. Es ist nicht zuletzt dieser Umstand, der zur hohen Komorbidit\u00e4t (dem gemeinsamen Auftreten) von AD(H)S und Depression (Kain et al. 2008) f\u00fchrt.\r\n\r\nWas folgt daraus nun f\u00fcr Deine universit\u00e4re Laufbahn? Emotionen und Einstellungen \u2013 gegen\u00fcber sich selbst, seinen F\u00e4higkeiten, aber auch dem Lernstoff \u2013 spielen eine zentrale Rolle, nicht nur f\u00fcr den Spass, sondern auch den Erfolg beim Lernen. Was vielleicht etwas nach K\u00fcchentischpsychologie klingt, ist tats\u00e4chlich sehr gut erforscht. Einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Thematik liefern Huber und Krause (2018).\r\n\r\nH\u00e4ufige Selbst- oder Fremdzuschreibungen von AD(H)S-Betroffenen als \u201afaul\u2018, \u201aunf\u00e4hig zu lernen\u2018 etc. sind also auch in dieser Hinsicht absolut kontraproduktiv. Stattdessen schlage ich folgende Sichtweise vor: Jeder Mensch hat seine Probleme. Was anderen leichter fallen mag, einen Lernplan zu schreiben und sich daran zu halten, Lernstoff aufzuteilen usw. \u2013 das ist f\u00fcr Dich (und mich) eben schwerer. Und das ist auch v\u00f6llig in Ordnung! F\u00fcr uns liegen gr\u00f6ssere Herausforderungen eben in diesem, f\u00fcr andere in anderen Bereichen. Mache Dich deswegen selbst nicht fertig und bringe Dir selbst m\u00f6glichst viel Verst\u00e4ndnis entgegen. Nur so l\u00e4sst sich auch tats\u00e4chlich an der Problematik arbeiten \u2013 mit erstaunlichen Erfolgen.\r\n\r\nVielleicht hilft es Dir beim Erwerb dieser Einstellung auch, sich die neurologischen Gr\u00fcnde Deines AD(H)S vor Augen zu f\u00fchren. Durch die Fortschritte bildgebender Verfahren der Neurologie in den letzten Jahrzehnten wei\u00df man heute recht gut, wie bestimmte behaviorale und affektive Symptome bei AD(H)S-Betroffenen mit Strukturen und Verkn\u00fcpfungen in deren Gehirn korrelieren, die von neurotypischen Gehirnen abweichen (s. etwa Cao et al. 2014). So sind f\u00fcr die exekutive Dysfunktion z. B. Beeintr\u00e4chtigungen im Frontallappen verantwortlich. Dass genau dieses sichtbar Machen f\u00fcr sehr lange Zeit nach der Erstbeschreibung von AD(H)S im Jahr 1901 nicht m\u00f6glich war, ist sicherlich ein Faktor, der zu dem starken Stigma gef\u00fchrt hat, das der St\u00f6rung bis heute anhaftet (Stichwort \u201eModekrankheit\u201c...).AD(H)S ist also alles andere als etwas, was man nur mit genug Willenskraft \u00fcberwinden kann \u2013 und schon gar nicht bildet man sich AD(H)S ein. Im Gegenteil \u2013 es ist ebenso manifest wie, sagen wir, ein gebrochener Arm \u2013 nur eben auf der Ebene des Gehirns ein paar Hausnummern kleiner und nicht ohne moderne Technik sichtbar. Aus Gespr\u00e4chen mit Betroffenen wei\u00df ich, dass das sehr vielen Menschen nicht bewusst ist \u2013 von ihrem Umfeld ganz zu schweigen. Und sehr oft f\u00fchrt das dazu, dass die spezifischen Bed\u00fcrfnisse der Betroffenen (auch im Umgang mit sich selbst) nicht ber\u00fccksichtigt werden. Anstatt produktiv mit ihrem AD(H)S zu arbeiten, arbeiten sie konstant gegen es an. Das ist nicht nur unfassbar anstrengend, sondern in den meisten F\u00e4llen auch nicht gerade von Erfolg gekr\u00f6nt \u2013 glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.\r\n\r\nUnd nun zur guten Nachricht: Genauso, wie ein gebrochener Arm in der Regel wieder heilen kann, so ist auch dein Gehirn in erstaunlichem Masse f\u00e4hig, sich zu adaptieren. Zwar ist AD(H)S, wenn es bis ins Erwachsenenalter pr\u00e4valiert, nicht im eigentlichen Sinne \u201eheilbar\u201c. Durch die Neuroplastizit\u00e4t unseres Gehirns l\u00e4sst sich jedoch auch mit AD(H)S ein erfolgreiches und gl\u00fcckliches Studium verwirklichen, wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch, das eigene AD(H)S zun\u00e4chst zu verstehen und zu akzeptieren, um dann entsprechend seinen individuellen Bed\u00fcrfnissen nach handeln zu k\u00f6nnen. Genau das f\u00e4llt vielen Betroffenen jedoch sehr schwer. Hier h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig das Bild, dass genau das, die Anerkennung der eigenen Bed\u00fcrfnisse, einer Kapitulation vor dem AD(H)S gleichk\u00e4me. Und das ist verst\u00e4ndlich! Schliesslich m\u00f6chte man sich von keiner Krankheit diktieren lassen, wie man sein Studium zu regeln hat, sondern es einfach \u201enormal\u201c durchschreiten. Deshalb ist es mir wichtig herauszustellen: Akzeptanz des AD(H)S ist absolut nicht dasselbe, wie Kapitulation davor. Wenn wir bei der Analogie mit dem gebrochenen Arm bleiben, dann w\u00fcrde niemand erwarten, mit so einer Verletzung uneingeschr\u00e4nkt Kraftsport zu treiben. Das bedeutet jedoch nicht, das nie wieder zu k\u00f6nnen. Arbeitet man sich nach und nach, mit entsprechenden Hilfsmitteln und Vorkehrungen zum Ziel, so kann man trotz der erschwerten Ausgangslage zu (potentiellen) H\u00f6chstleistungen kommen. Akzeptiert man dies jedoch nicht und setzt sich ganz \u201enormal\u201c an die Hantelbank, dann f\u00fchrt das nicht nur zu geringeren Erfolgen, sondern man wird auch sehr unsch\u00f6ne Erfahrungen sammeln. Nicht nur wird einem dann das Trainieren als etwas ziemlich Furchtbares erscheinen, auch man selbst f\u00fchlt sich schwach, scheitert man doch schon an einem \u201enormalen\u201c Gewicht. Ein Teufelskreis, der sich nur allzu gut auf die Situation vieler AD(H)S-Betroffener \u00fcbertragen l\u00e4sst.\r\n\r\nUm diesen zu durchbrechen, k\u00f6nnen sich die nachfolgenden Methoden eignen. Sie sind jedoch nicht nur daf\u00fcr gedacht, zu besseren Leistungen zu f\u00fchren. Auf lange Sicht, n\u00e4mlich dann, wenn Du im Umgang mit ihnen eine gewisse Routine erlangt hast, k\u00f6nnen sie auch deinen (Studien-) Alltag erleichtern. Zu diesem Punkt aber zu gelangen, das ist alles andere als einfach und erfordert harte Arbeit. Denn alle Strategien kreisen um genau die Bereiche, in denen Menschen mit AD(H)S die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten haben: Planung, Routinen, Impulskontrolle usw.. Lass Dich davon nicht entmutigen und r\u00e4ume Dir Raum f\u00fcr Fehler ein! Die Tendenz von Betroffenen, in eine \u201ealles oder nichts\u201c-Haltung zu verfallen, wird hier besonders auf die Probe gestellt. Mache dir das bewusst. Wenn Du Dich z. B. einmal nicht an Deinen Lernplan halten kannst, dann heisst das noch lange nicht, dass Du \u201egescheitert\u201c bist. Morgen kannst Du es nochmal versuchen! Vielleicht hilft es Dir, die Methoden als eine Art \u201egeistigen Kraftsport\u201c zu framen. Denn \u00e4hnlich wie Deine Muskeln wachsen, wenn Du die richtigen Impulse setzt, k\u00f6nnen sich auch in Deinem Gehirn neue Pfade und Verkn\u00fcpfungen herausbilden. Jede Ma\u00dfnahme kann man also als eine Art \u201eLiegest\u00fctze f\u00fcrs Gehirn\u201c betrachten. Und genau wie bei physischem Sport wirst Du sehen, dass mit etwas Zeit und Konsistenz, Dinge, die Dir einst enorme M\u00fche bereitet haben, nach und nach immer leichter und schlie\u00dflich zur reinen Routineangelegenheit werden.\r\n\r\n<span style=\"font-size: 14pt;text-align: initial\">Zus\u00e4tzlich zu etablierten Routinen sowie Lern- und Organisationsstrategien kann es notwendig sein, beeintr\u00e4chtigungsbedingte Erschwernisse im Studium zu kompensieren \u2013 zum Beispiel durch einen Nachteilsausgleich bei Pr\u00fcfungen oder der Durchf\u00fchrung des Studiums.<\/span>\r\n<h2>Lern- und Organisationsstrategien<\/h2>\r\nDie im Folgenden vorgestellten Strategien bauen nicht aufeinander auf, allerdings kommt es zwischen manchen Punkten zu inhaltlichen \u00dcberschneidungen und Konzepte aus vorherigen Punkten werden wieder aufgegriffen. Es bietet sich also an, die Punkte in chronologischer Reihenfolge zu lesen.\r\n\r\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>Stoff einteilen<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Es ist hilfreich, sich schon zu Beginn des Semesters einen groben \u00dcberblick zu verschaffen, diesen zu verschriftlichen und nach und nach zu konkretisieren.<\/li>\r\n \t<li>Der Stoff erscheint so wesentlich \u00fcbersichtlicher und es f\u00e4llt leichter, die Orientierung zu behalten.<\/li>\r\n \t<li>Durch die Verschriftlichung der Einteilung setzt Du Dich automatisch detaillierter und bindender mit dem Stoff auseinander als durch blo\u00dfe \u00dcberlegung.<\/li>\r\n \t<li>\u00dcberlege Dir, zu welchem Zeitpunkt Du in die Vorbereitungsphase einsteigen musst, um entspannt bis zum Klausur- oder Abgabetermin das Stoffpensum bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/li>\r\n \t<li>Besorge Dir daf\u00fcr schon m\u00f6glichst fr\u00fch Lernmaterialien wie Skripte, B\u00fccher etc.<\/li>\r\n \t<li>\u00dcberlege dann, wie viel Stoff Du im Schnitt am Tag bew\u00e4ltigen musst.<\/li>\r\n \t<li>Richte Dich ungef\u00e4hr nach diesem Wert \u2013 dabei ist es nat\u00fcrlich v\u00f6llig in Ordnung, an manchen Tagen etwas weniger oder etwas mehr zu schaffen<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details><details open=\"open\"><summary>Non-Zero-Days &amp; No-show-Days ber\u00fccksichtigen<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Non-Zero-Days: Das sind (die meisten) Tage, an denen Du etwas f\u00fcr die Uni erledigst \u2013 auch, wenn Du Dich gerade nicht in der Klausurenphase befindest, o.\u00e4.<\/li>\r\n \t<li>Dadurch verteilt sich der Stoff Deines Studiums auf zahlreiche kleine, stressfreie Lerneinheiten.<\/li>\r\n \t<li>Auch Routinen k\u00f6nnen so leichter etabliert werden.<\/li>\r\n \t<li>Das Gef\u00fchl, \u201ejeden Tag ein bisschen kl\u00fcger zu werden\u201c, ist f\u00fcr viele sehr befriedigend, wirkt sich positiv auf die Selbstwirksamkeit aus und f\u00fchrt mit Blick auf die Zukunft zu mehr Gelassenheit und Abgekl\u00e4rtheit.<\/li>\r\n \t<li>No-Show-Days: Das sind Tage, an denen Du ganz bewusst gar nichts (f\u00fcr die Uni) machst.<\/li>\r\n \t<li>Diese wohl verdienten Pausen kannst Du dann g\u00e4nzlich ohne schlechtes Gewissen und ohne Ausbruch aus Deiner Uni-Routine genie\u00dfen.<\/li>\r\n<\/ol>\r\nDer Geburtstag von Freunden, ein unerwartetes Telefonat, der Besuch in die Heimat, eine nicht eingeplante Zusatzaufgabe im Uniseminar, ein warmer Sommertag oder ein Tag, an dem einfach mal gar nichts geht?\r\n\r\nKann was sich vorgenommen wurde mal wieder nicht im Lernplan abgehakt werden, so kann das enorm demotivierend sein. Deshalb kann es hilfreich sein, sogenannte No-Show-Days einzuplanen:\r\n\r\nLasse in Deinem Lernalltag bewusst L\u00fccken, plane f\u00fcr dieses oder jenes bewusst die doppelte Zeit als eventuell ben\u00f6tigt ein. So hast Du immer einen \u201ePuffer\u201c, falls nicht geplante Ereignisse hinzukommen sollten, und schaffst im besten Fall am Ende doch das, was Du dir vorgenommen hast.\r\n\r\n<\/details><details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>Ablenkungsfreien Raum schaffen<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Aus verschiedenen Gr\u00fcnden f\u00e4llt es den meisten Menschen mit AD(H)S schwer, Stille \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum \u201eauszuhalten\u201c \u2013 dies l\u00e4sst sich jedoch trainieren.<\/li>\r\n \t<li>Der Griff zum Handy, das Laufenlassen einer Serie im Hintergrund o. \u00c4., sind deshalb verlockend, jedoch kontraproduktiv f\u00fcr ein konzentriertes Arbeiten und die Merkleistung.<\/li>\r\n \t<li>Um keine Ressourcen darauf verwenden zu m\u00fcssen, gegen die \u201eVerlockung\u201c z. B. zum Handy zu greifen anzuk\u00e4mpfen, empfiehlt es sich, die M\u00f6glichkeit dazu soweit es geht auszuschalten.<\/li>\r\n \t<li>Das hei\u00dft: Lernen nach M\u00f6glichkeit in einer daf\u00fcr bestimmten R\u00e4umlichkeit (Bibliothek, Arbeitszimmer...) mit ausgeschalteten Ger\u00e4ten.<\/li>\r\n \t<li>Falls Du bisher selten im Stillen gearbeitet hast, wird es Dir zu Beginn vermutlich sehr schwer und vielleicht auch unangenehm vorkommen.<\/li>\r\n \t<li>Nat\u00fcrlich musst Du deshalb auch nicht sofort auf alle Hintergrundger\u00e4usche verzichten \u2013 Du kannst Dich aber nach und nach steigern, wenn Du willst.<\/li>\r\n \t<li>Wenn Du (noch) nicht auf Hintergrundger\u00e4usche verzichten kannst oder das gar nicht willst, empfiehlt sich i.d.R. ruhige Musik ohne Text.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details><details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>To-do-Listen anlegen<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Die Organisation und Operationalisierung von Aufgaben sind f\u00fcr die meisten Menschen mit AD(H)S eine Herausforderung.<\/li>\r\n \t<li>Das macht To-do-Listen gleichzeitig immens hilfreich und relativ schwer zu etablieren.<\/li>\r\n \t<li>Wenn Du Dir eine grobe \u00dcbersicht \u00fcber Deinen Stoff gemacht und Dir diesen eingeteilt hast, eignen sie sich hervorragend, um Tagesziele festzulegen.<\/li>\r\n \t<li>Optimalerweise machst Du es Dir von Anfang an zur Gewohnheit, t\u00e4glich den Inhalt Deiner Liste abzuarbeiten.<\/li>\r\n \t<li>Das f\u00fchlt sich zu Anfang vermutlich etwas einengend an, wird so jedoch schnell zur Routine und einer wirklichen Erleichterung bei der Planung Deines Alltags.<\/li>\r\n \t<li>Um das zu erreichen, bietet es sich an, die Ziele gerade zu Anfang nicht zu hochzustecken.<\/li>\r\n \t<li>Ganz im Sinne der Non-Zero-Days sollte der Fokus lieber auf l\u00e4ngerfristig angelegter, konstanter Arbeit statt auf intensiven, aber auf Dauer nicht durchhaltbaren Pensen liegen.<\/li>\r\n \t<li>Wie genau ein Plan sein muss, um als St\u00fctze und Hilfe und nicht als Korsett empfunden zu werden, ist von Person zu Person verschieden (\u201e10-11 Uhr: Lesen in Buch XY, Seite 20-30\u201c vs. \u201eLesen zu Thema XY\u201c).<\/li>\r\n \t<li>Sinnvoll kann es auch sein, lernrelevante Ziele festzuhalten, die nicht unmittelbar mit dem Stoff zusammenh\u00e4ngen, z. B.: \u201e20 Minuten lesen ohne Hintergrundger\u00e4usche\u201c.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details><details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>Routinen etablieren<\/summary>Dieser Punkt bezieht sich auf alle bisher vorgestellten Ma\u00dfnahmen.\r\n<ol>\r\n \t<li>Es kann sehr sinnvoll sein, sich zum Ziel zu setzen, all diese als feste Routinen zu etablieren.<\/li>\r\n \t<li>Die Umsetzung wird so sukzessive zu einem Automatismus, der kein hohes Ma\u00df an Anstrengung erfordert.<\/li>\r\n \t<li>Doch auch au\u00dferhalb dieser konkreten Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen Routinen sehr sinnvoll sein, um sich selbst auf ein bestimmtes Ziel hin zu konditionieren.<\/li>\r\n \t<li>So k\u00f6nnte, nur als Beispiel, eine Morgenroutine an vorlesungsfreien Tagen darin bestehen, nach dem Caf\u00e9 spazieren zu gehen, dann zu meditieren (s. auch 3.8) und anschlie\u00dfend etwas Unirelevantes zu lesen.<\/li>\r\n \t<li>Lernschritte in einen solchen Handlungsablauf einzubetten, kann dabei helfen, Deine Tage sinnvoll und erf\u00fcllend zu strukturieren.<\/li>\r\n<\/ol>\r\nIch verstehe v\u00f6llig, wenn dieser Vorschlag sehr ausladend auf dich wirkt, nach Langeweile und Monotonie schreit. Vielleicht lohnt es sich deshalb zu bedenken, dass wir meistens schon Routinen folgen, ohne dass uns dies jedoch bewusst ist \u2013 z. B. nach dem Aufstehen erstmal eine gewisse Zeit am Handy zu verbringen. Es geht also eher darum, bestehende Routinen zu ersetzen, als ein g\u00e4nzlich neues Konzept in Dein Leben einzuf\u00fchren. Wichtig dabei ist, dass Dir diese neuen Routinen (nach einer anf\u00e4nglichen Umgew\u00f6hnungsphase) nicht nur etwas \u201ebringen\u201c, sondern vor allem auch Freude bereiten. Es geht nicht darum, Dich unter Zwang und Frust selbst zu \u201eoptimieren\u201c.\r\n\r\n<\/details><details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>Leistung und Motivation entkoppeln<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Leider ist es uns nicht m\u00f6glich, unsere Motivation bewusst zu steuern.<\/li>\r\n \t<li>Deshalb kann es sehr sinnvoll sein, auch wenn sie uns gerade nicht packt, trotzdem etwas f\u00fcr die Uni zu tun und so unser Arbeitsverhalten nach und nach vom Faktor Motivation unabh\u00e4ngig zu machen.<\/li>\r\n \t<li>Routinen k\u00f6nnen dabei von gro\u00dfer Hilfe sein.<\/li>\r\n \t<li>Bis diese Routinen jedoch etabliert sind, k\u00f6nnen auch andere Ma\u00dfnahmen helfen \u2013 z. B. durch freiwillige \u201eSoziale Kontrolle\u201c, d. h.:<\/li>\r\n \t<li>Verabrede Dich zum gemeinsamen Arbeiten mit Freunden und\/oder Kommilitonen \u2013 auch wenn ihr v\u00f6llig unterschiedliche Dinge zu tun habt.<\/li>\r\n \t<li>Allein das Zusammensitzen schafft ein angenehmes und produktives Arbeitsumfeld und ihr k\u00f6nnt gegenseitig Acht darauf geben, dass es zu keinen Ablenkungen kommt.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details><details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\"><summary>Auf Abwechslung beim Lernen achten<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Tendenziell neigen Menschen mit AD(H)S dazu, neue und abwechslungsreiche Erfahrungen bekannten vorzuziehen (= sensation seeking).<\/li>\r\n \t<li>F\u00fcr das Studium ist dieses Pers\u00f6nlichkeitsmerkmal tendenziell ung\u00fcnstig, da es daf\u00fcr unbedingt notwendig ist, sich intensiv und l\u00e4ngerfristig mit gleichen oder \u00e4hnlichen Themen zu besch\u00e4ftigen.<\/li>\r\n \t<li>Daher kann es sehr sinnvoll sein, dieser Tendenz durch Routinen einen Rahmen zu setzen.<\/li>\r\n \t<li>Innerhalb dieses Rahmens jedoch kannst Du dem sensation seeking so weit als m\u00f6glich Rechnung tragen und es zu Deinem Vorteil verwenden.<\/li>\r\n \t<li>Indem Du auf Abwechslung und Variation bei Deinen Lerneinheiten achtest, kannst Du Langeweile vermeiden und Dich mit den verschiedensten Spezialisierungsm\u00f6glichkeiten innerhalb deines Fachs auseinandersetzen.<\/li>\r\n \t<li>Dies setzt jedoch eine gute Stoffeinteilung voraus.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details><details open=\"open\"><summary>Aufmerksamkeitsf\u00f6rdernde \u00dcbungen durchf\u00fchren<\/summary>\r\n<ol>\r\n \t<li>Einleitend habe ich erw\u00e4hnt, dass AD(H)S-typische Probleme in Organisation und Verhaltensregulation u. a. mit geringerer Aktivit\u00e4t des Frontallappens korrelieren.<\/li>\r\n \t<li>Nimmt man hier eine Kausalit\u00e4t an, w\u00fcrde eine \u201eSt\u00e4rkung\u201c des Frontallappens zu einer Besserung f\u00fchren.<\/li>\r\n \t<li>Dies k\u00f6nnte durch \u201eAufmerksamkeitsf\u00f6rdernde \u00dcbungen\u201c gelingen, insbesondere Yoga und Meditation.<\/li>\r\n \t<li>Diese k\u00f6nnen sehr gut in die t\u00e4gliche Routine integriert werden und in die t\u00e4gliche To-do-Liste mit aufgenommen werden<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/details>\r\n<div class=\"textbox textbox--examples\"><header class=\"textbox__header\">\r\n<p class=\"textbox__title\">Wirksamkeit<\/p>\r\n\r\n<\/header>\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n\r\nDie Wirksamkeit dieser Ma\u00dfnahmen ist empirisch bisher nicht eindeutig nachweisbar und deshalb umstritten. Der angenommene Wirkmechanismus entspringt lediglich meinem laienhaften Verst\u00e4ndnis. Dennoch wollte ich diesen Punkt hier anf\u00fchren, da viele Menschen aus meinem Umfeld sowie ich selbst sehr davon profitieren konnten. Einen Versuch k\u00f6nnte es also trotzdem wert sein.\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h3>\u00dcber Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten im Studium informieren<\/h3>\r\nNun kommen wir zum letzten und wahrscheinlich wichtigsten Punkt dieser Brosch\u00fcre: Scheue Dich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen! Stigma und Scham verkomplizieren diesen wichtigen Schritt h\u00e4ufig. Oft hilft es bereits, offen \u00fcber die mit AD(H)S einhergehenden Herausforderungen im Studium zu reden: mit Freunden, Familie, Kommilitonen, oder \u2013 und damit w\u00e4ren wir beim letzten Teil der Brosch\u00fcre \u2013 professionellen Anlaufstellen, wie z. B. der Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS).\r\n<div class=\"textbox textbox--examples\"><header class=\"textbox__header\">\r\n<p class=\"textbox__title\">Studieren mit einer Behinderung: H\u00e4ufigkeit<\/p>\r\n\r\n<\/header>\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n\r\nMit einer Behinderung zu studieren ist keine Seltenheit. Knapp 11% aller Studierenden in Deutschland studieren mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung. Dabei ist die Gruppe der ratsuchenden Studierenden heterogen. Studierende mit AD(H)S gaben in einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig an, dass sich ihre Beeintr\u00e4chtigung st\u00e4ndig im Studienalltag auswirkt, insgesamt 67% (Vgl. Deutsches Studentenwerk 2016, 2018).\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\nEines der prim\u00e4ren Dienstleistungsbereiche der KIS ist die Beratung von Studieninteressierten und Studierenden mit Beeintr\u00e4chtigung. F\u00fcr Studierende mit AD(H)S k\u00f6nnen sich beispielsweise zu Themen wie Zulassung zum Studium, Erstellen eines Lehrplans, Hilfsmittel, Nachteilsausgleich, Externe St\u00f6rfaktoren oder Studienverlaufsplanung Beratungs- und Informationsbedarfe ergeben.\r\n<ol>\r\n \t<li>Zulassung zum Studium<\/li>\r\n \t<li>Diagnose von AD(H)S<\/li>\r\n \t<li>Erstellen eines Lehrplans<\/li>\r\n \t<li>Hilfsmittel<\/li>\r\n \t<li>Nachteilsausgleich im Pr\u00fcfungsverfahren und Studium<\/li>\r\n \t<li>Externe St\u00f6rfaktoren im Studium<\/li>\r\n \t<li>Studienverlaufsplan<\/li>\r\n \t<li>Sinnvolle Zeiteinteilung<\/li>\r\n<\/ol>\r\nIn Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention ist der Anspruch auf inklusive Bildung durch Einbeziehung des Rechts auf lebenslanges Lernen verankert. Hier wird unter anderem das Sicherstellen von \u201eangemessenen Vorkehrungen\u201c festgeschrieben. Dies ist beispielsweise dann notwendig, wenn individuell und situationsbezogene beeintr\u00e4chtigungsbedingte Nachteile w\u00e4hrend des Studiums entstehen (vgl. IBS 2013, 92f.).\r\n\r\nF\u00fcr Studierende mit AD(H)S k\u00f6nnen Konzentrationsschwierigkeiten, erh\u00f6hte Ablenkbarkeit, Probleme beim Setzen von Priorit\u00e4ten und eine beeintr\u00e4chtigte Selbstorganisation besonders herausfordernd sein. Angesichts dieser Auswirkungen einer AD(H)S stellen die Anforderungen des Studiums f\u00fcr ADHS-Betroffene eine ungleich h\u00f6here Belastung dar als f\u00fcr nicht Betroffene. Um dies zu kompensieren, k\u00f6nnen Studierende sogenannte Nachteilsausgleiche beantragen und somit ihrem Studium bedarfsgerecht(er) nachgehen. Eine m\u00f6gliche Anpassung im Pr\u00fcfungsverfahren kann zum Beispiel das Absolvieren der Pr\u00fcfung in einem separaten Raum sein, um externe St\u00f6rfaktoren zu minimieren. Auch das Einrichten von Pausen w\u00e4hrend der Pr\u00fcfung kann sinnvoll und angemessen sein. Eine individuelle Studiengestaltung durch die Reduzierung der Semesterwochenstunden ist ebenfalls eine sinnvolle Ma\u00dfnahme, um beeintr\u00e4chtigungsbedingte Nachteile zu kompensieren. Allgemeine Informationen zum Instrument des Nachteilsausgleiches k\u00f6nnen der Informationsbrosch\u00fcre hierzu entnommen werden: <a href=\"https:\/\/www.uni-wuerzburg.de\/chancengleichheit\/kis\/nachteilsausgleich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.uni-wuerzburg.de\/chancengleichheit\/kis\/nachteilsausgleich\/<\/a>\r\n\r\nNeben dem k\u00f6nnen, wie oben genannt, auch Unterst\u00fctzungsbedarfe entstehen, welche sich nicht ausschlie\u00dflich durch einen Nachteilsausgleich kompensieren lassen. Welche Ma\u00dfnahmen ben\u00f6tigt werden und in welcher Form m\u00f6gliche Studienerschwernisse reduziert werden k\u00f6nnen, ist immer individuell zu pr\u00fcfen. Deshalb wird eine Beratung durch die KIS eindringlich empfohlen. Zus\u00e4tzlich zum Nachteilsausgleich kann auch die Begleitung durch eine Studienassistenz in Frage kommen. Die Studienassistenz unterst\u00fctzt Studierende mit AD(H)S z. B. bei der Erstellung eines Lern- und\/oder Stundenplans.\r\n<h3>LITERATURVERZEICHNIS<\/h3>\r\n<ul>\r\n \t<li>Cao, Miao; Shu, Ni; Cao, Qingjiu; Wang, Yufeng; He, Yong (2014): Imaging functional and structural brain connectomics in attention-deficit\/hyperactivity disorder. In: Molecular neurobiology 50 (3), S. 1111-1123. DOI: 10.1007\/s12035-014-8685-x.<\/li>\r\n \t<li>Deutsches Studentenwerk (Hrsg.) (2016): 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Berlin.<\/li>\r\n \t<li>Deutsches Studentenwerk (Hrsg.) (2018): beeintr\u00e4chtigt studieren \u2013 best2. Datenerhebung zur Situation Studierender mit Behinderung und chronischer Krankheit 2016\/17. Berlin.<\/li>\r\n \t<li>Huber, Matthias; Krause, Sabine (Hrsg.) (2018): Bildung und Emotion. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-658-18589-3_12\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-658-18589-3_12<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\r\n \t<li>Kain, W.; Landerl, K.; Kaufmann, L. (2008): Komorbidit\u00e4t bei ADHS. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 156 (8), S. 757-767. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.springermedizin.de\/komorbiditaet-bei-adhs\/8047848\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.springermedizin.de\/komorbiditaet-bei-adhs\/8047848<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\r\n \t<li>Lachenmeier, Heiner (2014): Selbstwertwahrnehmung bei ADHS Erwachsener. In: SWISS ARCHIVES OF NEUROLOGY AND PSYCHIATRY (165 (2)), S. 47-53. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.istdp.ch\/de\/node\/500\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.istdp.ch\/de\/node\/500<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\r\n \t<li>M\u00fcller, Sandra Verena &amp; Klein, Tilmann (2019): Diagnostik und Therapie von exekutiven Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen. <span style=\"text-align: initial;font-size: 14pt\">Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/030-125l_S2e_LL_Diagnostik-Therapie-exekutive-Dysfunktionen_2024-12-abgelaufen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/030-125l_S2e_LL_Diagnostik-Therapie-exekutive-Dysfunktionen_2024-12-abgelaufen.pdf<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026<\/span><\/li>\r\n \t<li>Roy, Mandy (2014): Stigmatisierung der ADHS. In: DNP-Der Neurologe und Psychiater 15 (6), S. 31. DOI: 10.1007\/s15202-014-0778-x.<\/li>\r\n \t<li>Sj\u00f6wall, Douglas; Roth, Linda; Lindqvist, Sofia; Thorell, Lisa B. (2013): Multiple deficits in ADHD: executive dysfunction, delay aversion, reaction time variability, and emotional deficits. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines 54 (6), S. 619-627. DOI: 10.1111\/jcpp.12006.<\/li>\r\n \t<li>Ward, Jamie (2020): The student's guide to cognitive neuroscience. Fourth edition. London, New York: Routledge Taylor &amp; Francis Group.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<h3>IMPRESSUM<\/h3>\r\nV.i.S.d.P: Universit\u00e4t W\u00fcrzburg, Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS)\r\nRedaktion: Tim Uhl, Nele Hallemann\r\nStand: Oktober 2022\r\nMit freundlicher Unterst\u00fctzung: Sandra M\u00f6lter M.A. | Leiterin der KIS","rendered":"<p><a href=\"https:\/\/digital.hfh.ch\/studiumlehreneurodiversitaet\/wp-content\/uploads\/sites\/110\/2026\/04\/uniwu_adhs_im_studium.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Version als PDF zum Download<\/a><\/p>\n<h2>F\u00fcr wen sind diese Infos gedacht?<\/h2>\n<h3>Leitfaden von Betroffenen f\u00fcr Betroffene<\/h3>\n<p>Diese Brosch\u00fcre richtet sich an Studentinnen und Studenten mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (ADHS) und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), die aufgrund ihrer Symptomatik Schwierigkeiten bei der Bew\u00e4ltigung ihres Studiums haben. Ich selbst studiere an der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg und habe seit etwa 1,5 Jahren die Diagnose ADHS. Dadurch kenne ich die Problematiken, die sich deshalb ergeben k\u00f6nnen, aus erster Hand. Es handelt sich bei dieser Brosch\u00fcre also um eine Art \u201eLeitfaden\u201c von Betroffenen f\u00fcr Betroffene. Darum hoffe ich, es ist in Ordnung, wenn ich Dich, liebe Leserin, lieber Leser, im Folgenden mit Du anspreche. Wenn bei den vorgestellten Tipps und Methoden also von \u201eBetroffenen\u201c die Rede ist, die mit dieser oder jener Herausforderung zu k\u00e4mpfen haben, dann bin ich davon nicht ausgenommen \u2013 auch, wenn ich das nicht explizit erw\u00e4hne.<\/p>\n<p>Alle Strategien, die ich hier vorstellen m\u00f6chte, haben sich f\u00fcr mich selbst als sehr hilfreich erwiesen. Einige davon habe ich durch eigenes Ausprobieren sozusagen \u201eentdeckt\u201c. Damit ich hier aber nicht nur aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudere, versuche ich nach M\u00f6glichkeit, auf entsprechende Literatur oder frei zug\u00e4ngliche \/ \u00fcber das Uni-Netz verf\u00fcgbare Studien und Literatur zu verweisen, die die Wirksamkeit dieser Methoden belegen. Falls Dich ein bestimmter Punkt oder die hinter ihm stehenden Wirkmechanismen besonders interessieren, kannst Du dich dort weiter informieren.<\/p>\n<p>Gliederung: Der Leitfaden gliedert sich in zwei Teile, die meiner Meinung nach nur im Tandem zu einem erfolgreichen und erf\u00fcllenden Studium f\u00fchren.<\/p>\n<ol>\n<li>Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts &amp; einer positiven Haltung zum Lernen<\/li>\n<li>Konkrete Ma\u00dfnahmen f\u00fcr mehr Lernerfolg<\/li>\n<\/ol>\n<p>Gerade ersteres ist dabei nat\u00fcrlich leichter gesagt als getan. Die \u00c4nderung von \u00fcber Jahren und Jahrzehnten internalisierten Einstellungen ist ein langfristiger Prozess, der im Optimalfall psychologisch begleitet erfolgen sollte. Insofern kann der Leitfaden hier nicht mehr als einen Impuls setzen. Ich halte es dennoch f\u00fcr wichtig, diese Thematik zumindest anzuschneiden. Als Lehramtsstudent wei\u00df ich, wie essenziell emotionale Faktoren nicht nur f\u00fcr den Spa\u00df, sondern auch den Erfolg beim Lernen sind \u2013 ein oft str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigter Umstand, wie ich finde.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil werden dann konkrete Ma\u00dfnahmen und Strategien f\u00fcr mehr Lernerfolg vorgestellt.<\/p>\n<p>Klar ist dabei, dass f\u00fcr keine psychische Erkrankung eine \u201ePatentl\u00f6sung\u201c bereitgestellt werden kann. Schon gar nicht in einem solchen Format und f\u00fcr so vielschichtige Krankheiten wie ADHS und ADS. Oft ist eine individuelle, pers\u00f6nliche und l\u00e4ngerfristige Unterst\u00fctzung im Studium deshalb ratsam. Eine solche kann die Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) bereitstellen. Wenn Ihr der Meinung seid, liebe Leserinnen und Leser, dass ihr davon profitieren k\u00f6nntet, dann schreckt bitte nicht vor einer Kontaktaufnahme zur\u00fcck.<\/p>\n<h2>Herausforderungen erkennen &amp; eine positive Haltung entwickeln<\/h2>\n<p>Ein Begriff, den Du vielleicht schon mal im Zusammenhang mit AD(H)S geh\u00f6rt hast, ist der der exekutiven Dysfunktion. Ich will Dich nicht lange mit Theorie aufhalten, es ist aber meiner Meinung nach durchaus hilfreich, sich dieses Konzept etwas n\u00e4her zu vergegenw\u00e4rtigen. So k\u00f6nnen AD(H)S-bedingte Verhaltensmuster besser verstanden werden. Und das kann sich sehr lohnen, denn ohne ein Verst\u00e4ndnis des eigenen AD(H)S ist es extrem schwierig, gezielte Massnahmen zu ergreifen und l\u00e4ngerfristig zu etablieren.<\/p>\n<p>Was also meint exekutive Dysfunktion? Exekutive Funktionen bezeichnen allgemein alle sog. \u201eSteuerungs- und Leitungsfunktionen\u201c (M\u00fcller &amp; Klein 2019: 9). Vereinfacht ausgedr\u00fcckt fallen darunter alle F\u00e4higkeiten einer Person, ihr eigenes Verhalten situationsangemessen anzupassen. Exekutive Dysfunktionen liegen dann vor, wenn bei einer Person diese M\u00f6glichkeiten \u2013 relativ zu einem neurotypischen Menschen \u2013 eingeschr\u00e4nkt sind. Tats\u00e4chlich umfasst der Begriff durch diese recht offene Definition eine Unzahl von Prozessen, die in verschiedene Subtypen kategorisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die uns im universit\u00e4ren Kontext aber haupts\u00e4chlich interessieren m\u00fcssen, sind (fast) nur solche, die mit der Planung von Aufgaben, d.h. auch mit dem Lernen, zusammenh\u00e4ngen. Exekutive Funktion in Bezug darauf erm\u00f6glicht einer Person u.a. die folgenden Schritte durchzuf\u00fchren (vgl. Ward 2020):<\/p>\n<ol>\n<li>Eine Aufgabe analysieren<\/li>\n<li>Planen, wie die Aufgabe gel\u00f6st werden kann<\/li>\n<li>Die Schritte organisieren, die zur L\u00f6sung n\u00f6tig sind<\/li>\n<li>Zeitpl\u00e4ne zur Aufgabenerf\u00fcllung erstellen<\/li>\n<li>Arbeitsschritte situationsgem\u00e4ss anpassen und umorganisieren<\/li>\n<li>Die Aufgabe fristgerecht erledigen<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ist einer Person all das nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, dann liegt eine exekutive Dysfunktion vor. Diese kann aus einer Reihe von neurologischen Krankheitsbildern resultieren \u2013 h\u00e4ufig jedoch ist sie die Folge von zu Grunde liegendem AD(H)S (s. etwa Sj\u00f6wall et al. 2013). Probleme in zumindest einigen dieser Bereiche sind wohl allen AD(H)S-Betroffenen nur zu gut bekannt. Und vielleicht fragst Du Dich gerade berechtigterweise, warum ich es dann hier nochmal lang und breit bespreche.<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<header class=\"textbox__header\">\n<p class=\"textbox__title\">Die Probleme von AD(H)S-Betroffen hervorzuheben, halte ich aus zwei Gr\u00fcnden f\u00fcr sinnvoll:<\/p>\n<\/header>\n<div class=\"textbox__content\">\n<p>Erstens wird daran deutlich, dass Du mit der Problematik alles andere als allein bist. Es handelt sich um wohlbekannte Symptome, mit denen jeder AD(H)S-Betroffene (und auch viele andere Menschen in irgendeinem Ausmass) zu k\u00e4mpfen haben.<\/p>\n<p>Zweitens lassen sich am Beispiel kognitiver Dysfunktion neuere neurologische Erkenntnisse illustrieren. Diese muss man nat\u00fcrlich nicht im Detail verstehen. Es hilft jedoch meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung nach ungemein, sie in Grundz\u00fcgen nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Diese Erkenntnis klingt vielleicht erst mal recht banal. Dass Du nicht der einzige Mensch auf der Welt mit AD(H)S und den damit einhergehenden Problemen bist, ist Dir rein kognitiv nat\u00fcrlich v\u00f6llig klar. Allerdings geht es mir hier nicht um Wissen, sondern um Emotionen und die daraus resultierenden Einstellungen. Und in dieser Beziehung zeigt meine Erfahrung eindeutig, dass die meisten Betroffenen trotz dieses Wissens emotional genau kontr\u00e4r eingestellt sind und in der Folge ein sehr negatives Selbstkonzept entwickeln. Obwohl sie wissen, dass die aufgezeigten Punkte mit ihrem AD(H)S zusammenh\u00e4ngen, f\u00fchlen sie nicht entsprechend. Im Gegenteil: Sie springen sehr hart mit sich ins Gericht, machen sich heftige Vorw\u00fcrfe, nicht gesellschaftlichen oder sich selbst gesetzten Erwartungshaltungen gerecht zu werden, sehen sich als faul oder unzuverl\u00e4ssig. Oft ist das mit starken Gef\u00fchlen der Scham verbunden. Viele Betroffene neigen auch zu negativem \u201eHyperfokus\u201c (Lachenmeier 2014).<\/p>\n<p>Dabei werden eigene Erfolge und Qualit\u00e4ten v\u00f6llig ausgeblendet und sich lediglich auf Misserfolge und Unzul\u00e4nglichkeiten fokussiert. L\u00e4ngerfristig hat das nicht nur ein negatives Selbstbild zur Folge, sondern macht es auch schwierig, mit anderen \u00fcber seine Probleme zu reden \u2013 wobei das aufgrund des AD(H)S immer noch anhaftenden Stigmas (s. etwa Roy 2014) nat\u00fcrlich ohnehin nicht leicht ist. Es ist nicht zuletzt dieser Umstand, der zur hohen Komorbidit\u00e4t (dem gemeinsamen Auftreten) von AD(H)S und Depression (Kain et al. 2008) f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was folgt daraus nun f\u00fcr Deine universit\u00e4re Laufbahn? Emotionen und Einstellungen \u2013 gegen\u00fcber sich selbst, seinen F\u00e4higkeiten, aber auch dem Lernstoff \u2013 spielen eine zentrale Rolle, nicht nur f\u00fcr den Spass, sondern auch den Erfolg beim Lernen. Was vielleicht etwas nach K\u00fcchentischpsychologie klingt, ist tats\u00e4chlich sehr gut erforscht. Einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Thematik liefern Huber und Krause (2018).<\/p>\n<p>H\u00e4ufige Selbst- oder Fremdzuschreibungen von AD(H)S-Betroffenen als \u201afaul\u2018, \u201aunf\u00e4hig zu lernen\u2018 etc. sind also auch in dieser Hinsicht absolut kontraproduktiv. Stattdessen schlage ich folgende Sichtweise vor: Jeder Mensch hat seine Probleme. Was anderen leichter fallen mag, einen Lernplan zu schreiben und sich daran zu halten, Lernstoff aufzuteilen usw. \u2013 das ist f\u00fcr Dich (und mich) eben schwerer. Und das ist auch v\u00f6llig in Ordnung! F\u00fcr uns liegen gr\u00f6ssere Herausforderungen eben in diesem, f\u00fcr andere in anderen Bereichen. Mache Dich deswegen selbst nicht fertig und bringe Dir selbst m\u00f6glichst viel Verst\u00e4ndnis entgegen. Nur so l\u00e4sst sich auch tats\u00e4chlich an der Problematik arbeiten \u2013 mit erstaunlichen Erfolgen.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft es Dir beim Erwerb dieser Einstellung auch, sich die neurologischen Gr\u00fcnde Deines AD(H)S vor Augen zu f\u00fchren. Durch die Fortschritte bildgebender Verfahren der Neurologie in den letzten Jahrzehnten wei\u00df man heute recht gut, wie bestimmte behaviorale und affektive Symptome bei AD(H)S-Betroffenen mit Strukturen und Verkn\u00fcpfungen in deren Gehirn korrelieren, die von neurotypischen Gehirnen abweichen (s. etwa Cao et al. 2014). So sind f\u00fcr die exekutive Dysfunktion z. B. Beeintr\u00e4chtigungen im Frontallappen verantwortlich. Dass genau dieses sichtbar Machen f\u00fcr sehr lange Zeit nach der Erstbeschreibung von AD(H)S im Jahr 1901 nicht m\u00f6glich war, ist sicherlich ein Faktor, der zu dem starken Stigma gef\u00fchrt hat, das der St\u00f6rung bis heute anhaftet (Stichwort \u201eModekrankheit\u201c&#8230;).AD(H)S ist also alles andere als etwas, was man nur mit genug Willenskraft \u00fcberwinden kann \u2013 und schon gar nicht bildet man sich AD(H)S ein. Im Gegenteil \u2013 es ist ebenso manifest wie, sagen wir, ein gebrochener Arm \u2013 nur eben auf der Ebene des Gehirns ein paar Hausnummern kleiner und nicht ohne moderne Technik sichtbar. Aus Gespr\u00e4chen mit Betroffenen wei\u00df ich, dass das sehr vielen Menschen nicht bewusst ist \u2013 von ihrem Umfeld ganz zu schweigen. Und sehr oft f\u00fchrt das dazu, dass die spezifischen Bed\u00fcrfnisse der Betroffenen (auch im Umgang mit sich selbst) nicht ber\u00fccksichtigt werden. Anstatt produktiv mit ihrem AD(H)S zu arbeiten, arbeiten sie konstant gegen es an. Das ist nicht nur unfassbar anstrengend, sondern in den meisten F\u00e4llen auch nicht gerade von Erfolg gekr\u00f6nt \u2013 glaub mir, ich weiss, wovon ich rede.<\/p>\n<p>Und nun zur guten Nachricht: Genauso, wie ein gebrochener Arm in der Regel wieder heilen kann, so ist auch dein Gehirn in erstaunlichem Masse f\u00e4hig, sich zu adaptieren. Zwar ist AD(H)S, wenn es bis ins Erwachsenenalter pr\u00e4valiert, nicht im eigentlichen Sinne \u201eheilbar\u201c. Durch die Neuroplastizit\u00e4t unseres Gehirns l\u00e4sst sich jedoch auch mit AD(H)S ein erfolgreiches und gl\u00fcckliches Studium verwirklichen, wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen. Voraussetzung daf\u00fcr ist jedoch, das eigene AD(H)S zun\u00e4chst zu verstehen und zu akzeptieren, um dann entsprechend seinen individuellen Bed\u00fcrfnissen nach handeln zu k\u00f6nnen. Genau das f\u00e4llt vielen Betroffenen jedoch sehr schwer. Hier h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig das Bild, dass genau das, die Anerkennung der eigenen Bed\u00fcrfnisse, einer Kapitulation vor dem AD(H)S gleichk\u00e4me. Und das ist verst\u00e4ndlich! Schliesslich m\u00f6chte man sich von keiner Krankheit diktieren lassen, wie man sein Studium zu regeln hat, sondern es einfach \u201enormal\u201c durchschreiten. Deshalb ist es mir wichtig herauszustellen: Akzeptanz des AD(H)S ist absolut nicht dasselbe, wie Kapitulation davor. Wenn wir bei der Analogie mit dem gebrochenen Arm bleiben, dann w\u00fcrde niemand erwarten, mit so einer Verletzung uneingeschr\u00e4nkt Kraftsport zu treiben. Das bedeutet jedoch nicht, das nie wieder zu k\u00f6nnen. Arbeitet man sich nach und nach, mit entsprechenden Hilfsmitteln und Vorkehrungen zum Ziel, so kann man trotz der erschwerten Ausgangslage zu (potentiellen) H\u00f6chstleistungen kommen. Akzeptiert man dies jedoch nicht und setzt sich ganz \u201enormal\u201c an die Hantelbank, dann f\u00fchrt das nicht nur zu geringeren Erfolgen, sondern man wird auch sehr unsch\u00f6ne Erfahrungen sammeln. Nicht nur wird einem dann das Trainieren als etwas ziemlich Furchtbares erscheinen, auch man selbst f\u00fchlt sich schwach, scheitert man doch schon an einem \u201enormalen\u201c Gewicht. Ein Teufelskreis, der sich nur allzu gut auf die Situation vieler AD(H)S-Betroffener \u00fcbertragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Um diesen zu durchbrechen, k\u00f6nnen sich die nachfolgenden Methoden eignen. Sie sind jedoch nicht nur daf\u00fcr gedacht, zu besseren Leistungen zu f\u00fchren. Auf lange Sicht, n\u00e4mlich dann, wenn Du im Umgang mit ihnen eine gewisse Routine erlangt hast, k\u00f6nnen sie auch deinen (Studien-) Alltag erleichtern. Zu diesem Punkt aber zu gelangen, das ist alles andere als einfach und erfordert harte Arbeit. Denn alle Strategien kreisen um genau die Bereiche, in denen Menschen mit AD(H)S die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten haben: Planung, Routinen, Impulskontrolle usw.. Lass Dich davon nicht entmutigen und r\u00e4ume Dir Raum f\u00fcr Fehler ein! Die Tendenz von Betroffenen, in eine \u201ealles oder nichts\u201c-Haltung zu verfallen, wird hier besonders auf die Probe gestellt. Mache dir das bewusst. Wenn Du Dich z. B. einmal nicht an Deinen Lernplan halten kannst, dann heisst das noch lange nicht, dass Du \u201egescheitert\u201c bist. Morgen kannst Du es nochmal versuchen! Vielleicht hilft es Dir, die Methoden als eine Art \u201egeistigen Kraftsport\u201c zu framen. Denn \u00e4hnlich wie Deine Muskeln wachsen, wenn Du die richtigen Impulse setzt, k\u00f6nnen sich auch in Deinem Gehirn neue Pfade und Verkn\u00fcpfungen herausbilden. Jede Ma\u00dfnahme kann man also als eine Art \u201eLiegest\u00fctze f\u00fcrs Gehirn\u201c betrachten. Und genau wie bei physischem Sport wirst Du sehen, dass mit etwas Zeit und Konsistenz, Dinge, die Dir einst enorme M\u00fche bereitet haben, nach und nach immer leichter und schlie\u00dflich zur reinen Routineangelegenheit werden.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;text-align: initial\">Zus\u00e4tzlich zu etablierten Routinen sowie Lern- und Organisationsstrategien kann es notwendig sein, beeintr\u00e4chtigungsbedingte Erschwernisse im Studium zu kompensieren \u2013 zum Beispiel durch einen Nachteilsausgleich bei Pr\u00fcfungen oder der Durchf\u00fchrung des Studiums.<\/span><\/p>\n<h2>Lern- und Organisationsstrategien<\/h2>\n<p>Die im Folgenden vorgestellten Strategien bauen nicht aufeinander auf, allerdings kommt es zwischen manchen Punkten zu inhaltlichen \u00dcberschneidungen und Konzepte aus vorherigen Punkten werden wieder aufgegriffen. Es bietet sich also an, die Punkte in chronologischer Reihenfolge zu lesen.<\/p>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>Stoff einteilen<\/summary>\n<ol>\n<li>Es ist hilfreich, sich schon zu Beginn des Semesters einen groben \u00dcberblick zu verschaffen, diesen zu verschriftlichen und nach und nach zu konkretisieren.<\/li>\n<li>Der Stoff erscheint so wesentlich \u00fcbersichtlicher und es f\u00e4llt leichter, die Orientierung zu behalten.<\/li>\n<li>Durch die Verschriftlichung der Einteilung setzt Du Dich automatisch detaillierter und bindender mit dem Stoff auseinander als durch blo\u00dfe \u00dcberlegung.<\/li>\n<li>\u00dcberlege Dir, zu welchem Zeitpunkt Du in die Vorbereitungsphase einsteigen musst, um entspannt bis zum Klausur- oder Abgabetermin das Stoffpensum bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Besorge Dir daf\u00fcr schon m\u00f6glichst fr\u00fch Lernmaterialien wie Skripte, B\u00fccher etc.<\/li>\n<li>\u00dcberlege dann, wie viel Stoff Du im Schnitt am Tag bew\u00e4ltigen musst.<\/li>\n<li>Richte Dich ungef\u00e4hr nach diesem Wert \u2013 dabei ist es nat\u00fcrlich v\u00f6llig in Ordnung, an manchen Tagen etwas weniger oder etwas mehr zu schaffen<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<details open=\"open\">\n<summary>Non-Zero-Days &amp; No-show-Days ber\u00fccksichtigen<\/summary>\n<ol>\n<li>Non-Zero-Days: Das sind (die meisten) Tage, an denen Du etwas f\u00fcr die Uni erledigst \u2013 auch, wenn Du Dich gerade nicht in der Klausurenphase befindest, o.\u00e4.<\/li>\n<li>Dadurch verteilt sich der Stoff Deines Studiums auf zahlreiche kleine, stressfreie Lerneinheiten.<\/li>\n<li>Auch Routinen k\u00f6nnen so leichter etabliert werden.<\/li>\n<li>Das Gef\u00fchl, \u201ejeden Tag ein bisschen kl\u00fcger zu werden\u201c, ist f\u00fcr viele sehr befriedigend, wirkt sich positiv auf die Selbstwirksamkeit aus und f\u00fchrt mit Blick auf die Zukunft zu mehr Gelassenheit und Abgekl\u00e4rtheit.<\/li>\n<li>No-Show-Days: Das sind Tage, an denen Du ganz bewusst gar nichts (f\u00fcr die Uni) machst.<\/li>\n<li>Diese wohl verdienten Pausen kannst Du dann g\u00e4nzlich ohne schlechtes Gewissen und ohne Ausbruch aus Deiner Uni-Routine genie\u00dfen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Geburtstag von Freunden, ein unerwartetes Telefonat, der Besuch in die Heimat, eine nicht eingeplante Zusatzaufgabe im Uniseminar, ein warmer Sommertag oder ein Tag, an dem einfach mal gar nichts geht?<\/p>\n<p>Kann was sich vorgenommen wurde mal wieder nicht im Lernplan abgehakt werden, so kann das enorm demotivierend sein. Deshalb kann es hilfreich sein, sogenannte No-Show-Days einzuplanen:<\/p>\n<p>Lasse in Deinem Lernalltag bewusst L\u00fccken, plane f\u00fcr dieses oder jenes bewusst die doppelte Zeit als eventuell ben\u00f6tigt ein. So hast Du immer einen \u201ePuffer\u201c, falls nicht geplante Ereignisse hinzukommen sollten, und schaffst im besten Fall am Ende doch das, was Du dir vorgenommen hast.<\/p>\n<\/details>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>Ablenkungsfreien Raum schaffen<\/summary>\n<ol>\n<li>Aus verschiedenen Gr\u00fcnden f\u00e4llt es den meisten Menschen mit AD(H)S schwer, Stille \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum \u201eauszuhalten\u201c \u2013 dies l\u00e4sst sich jedoch trainieren.<\/li>\n<li>Der Griff zum Handy, das Laufenlassen einer Serie im Hintergrund o. \u00c4., sind deshalb verlockend, jedoch kontraproduktiv f\u00fcr ein konzentriertes Arbeiten und die Merkleistung.<\/li>\n<li>Um keine Ressourcen darauf verwenden zu m\u00fcssen, gegen die \u201eVerlockung\u201c z. B. zum Handy zu greifen anzuk\u00e4mpfen, empfiehlt es sich, die M\u00f6glichkeit dazu soweit es geht auszuschalten.<\/li>\n<li>Das hei\u00dft: Lernen nach M\u00f6glichkeit in einer daf\u00fcr bestimmten R\u00e4umlichkeit (Bibliothek, Arbeitszimmer&#8230;) mit ausgeschalteten Ger\u00e4ten.<\/li>\n<li>Falls Du bisher selten im Stillen gearbeitet hast, wird es Dir zu Beginn vermutlich sehr schwer und vielleicht auch unangenehm vorkommen.<\/li>\n<li>Nat\u00fcrlich musst Du deshalb auch nicht sofort auf alle Hintergrundger\u00e4usche verzichten \u2013 Du kannst Dich aber nach und nach steigern, wenn Du willst.<\/li>\n<li>Wenn Du (noch) nicht auf Hintergrundger\u00e4usche verzichten kannst oder das gar nicht willst, empfiehlt sich i.d.R. ruhige Musik ohne Text.<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>To-do-Listen anlegen<\/summary>\n<ol>\n<li>Die Organisation und Operationalisierung von Aufgaben sind f\u00fcr die meisten Menschen mit AD(H)S eine Herausforderung.<\/li>\n<li>Das macht To-do-Listen gleichzeitig immens hilfreich und relativ schwer zu etablieren.<\/li>\n<li>Wenn Du Dir eine grobe \u00dcbersicht \u00fcber Deinen Stoff gemacht und Dir diesen eingeteilt hast, eignen sie sich hervorragend, um Tagesziele festzulegen.<\/li>\n<li>Optimalerweise machst Du es Dir von Anfang an zur Gewohnheit, t\u00e4glich den Inhalt Deiner Liste abzuarbeiten.<\/li>\n<li>Das f\u00fchlt sich zu Anfang vermutlich etwas einengend an, wird so jedoch schnell zur Routine und einer wirklichen Erleichterung bei der Planung Deines Alltags.<\/li>\n<li>Um das zu erreichen, bietet es sich an, die Ziele gerade zu Anfang nicht zu hochzustecken.<\/li>\n<li>Ganz im Sinne der Non-Zero-Days sollte der Fokus lieber auf l\u00e4ngerfristig angelegter, konstanter Arbeit statt auf intensiven, aber auf Dauer nicht durchhaltbaren Pensen liegen.<\/li>\n<li>Wie genau ein Plan sein muss, um als St\u00fctze und Hilfe und nicht als Korsett empfunden zu werden, ist von Person zu Person verschieden (\u201e10-11 Uhr: Lesen in Buch XY, Seite 20-30\u201c vs. \u201eLesen zu Thema XY\u201c).<\/li>\n<li>Sinnvoll kann es auch sein, lernrelevante Ziele festzuhalten, die nicht unmittelbar mit dem Stoff zusammenh\u00e4ngen, z. B.: \u201e20 Minuten lesen ohne Hintergrundger\u00e4usche\u201c.<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>Routinen etablieren<\/summary>\n<p>Dieser Punkt bezieht sich auf alle bisher vorgestellten Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<ol>\n<li>Es kann sehr sinnvoll sein, sich zum Ziel zu setzen, all diese als feste Routinen zu etablieren.<\/li>\n<li>Die Umsetzung wird so sukzessive zu einem Automatismus, der kein hohes Ma\u00df an Anstrengung erfordert.<\/li>\n<li>Doch auch au\u00dferhalb dieser konkreten Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen Routinen sehr sinnvoll sein, um sich selbst auf ein bestimmtes Ziel hin zu konditionieren.<\/li>\n<li>So k\u00f6nnte, nur als Beispiel, eine Morgenroutine an vorlesungsfreien Tagen darin bestehen, nach dem Caf\u00e9 spazieren zu gehen, dann zu meditieren (s. auch 3.8) und anschlie\u00dfend etwas Unirelevantes zu lesen.<\/li>\n<li>Lernschritte in einen solchen Handlungsablauf einzubetten, kann dabei helfen, Deine Tage sinnvoll und erf\u00fcllend zu strukturieren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich verstehe v\u00f6llig, wenn dieser Vorschlag sehr ausladend auf dich wirkt, nach Langeweile und Monotonie schreit. Vielleicht lohnt es sich deshalb zu bedenken, dass wir meistens schon Routinen folgen, ohne dass uns dies jedoch bewusst ist \u2013 z. B. nach dem Aufstehen erstmal eine gewisse Zeit am Handy zu verbringen. Es geht also eher darum, bestehende Routinen zu ersetzen, als ein g\u00e4nzlich neues Konzept in Dein Leben einzuf\u00fchren. Wichtig dabei ist, dass Dir diese neuen Routinen (nach einer anf\u00e4nglichen Umgew\u00f6hnungsphase) nicht nur etwas \u201ebringen\u201c, sondern vor allem auch Freude bereiten. Es geht nicht darum, Dich unter Zwang und Frust selbst zu \u201eoptimieren\u201c.<\/p>\n<\/details>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>Leistung und Motivation entkoppeln<\/summary>\n<ol>\n<li>Leider ist es uns nicht m\u00f6glich, unsere Motivation bewusst zu steuern.<\/li>\n<li>Deshalb kann es sehr sinnvoll sein, auch wenn sie uns gerade nicht packt, trotzdem etwas f\u00fcr die Uni zu tun und so unser Arbeitsverhalten nach und nach vom Faktor Motivation unabh\u00e4ngig zu machen.<\/li>\n<li>Routinen k\u00f6nnen dabei von gro\u00dfer Hilfe sein.<\/li>\n<li>Bis diese Routinen jedoch etabliert sind, k\u00f6nnen auch andere Ma\u00dfnahmen helfen \u2013 z. B. durch freiwillige \u201eSoziale Kontrolle\u201c, d. h.:<\/li>\n<li>Verabrede Dich zum gemeinsamen Arbeiten mit Freunden und\/oder Kommilitonen \u2013 auch wenn ihr v\u00f6llig unterschiedliche Dinge zu tun habt.<\/li>\n<li>Allein das Zusammensitzen schafft ein angenehmes und produktives Arbeitsumfeld und ihr k\u00f6nnt gegenseitig Acht darauf geben, dass es zu keinen Ablenkungen kommt.<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<details class=\"hfh-accordion&quot;\" open=\"open\">\n<summary>Auf Abwechslung beim Lernen achten<\/summary>\n<ol>\n<li>Tendenziell neigen Menschen mit AD(H)S dazu, neue und abwechslungsreiche Erfahrungen bekannten vorzuziehen (= sensation seeking).<\/li>\n<li>F\u00fcr das Studium ist dieses Pers\u00f6nlichkeitsmerkmal tendenziell ung\u00fcnstig, da es daf\u00fcr unbedingt notwendig ist, sich intensiv und l\u00e4ngerfristig mit gleichen oder \u00e4hnlichen Themen zu besch\u00e4ftigen.<\/li>\n<li>Daher kann es sehr sinnvoll sein, dieser Tendenz durch Routinen einen Rahmen zu setzen.<\/li>\n<li>Innerhalb dieses Rahmens jedoch kannst Du dem sensation seeking so weit als m\u00f6glich Rechnung tragen und es zu Deinem Vorteil verwenden.<\/li>\n<li>Indem Du auf Abwechslung und Variation bei Deinen Lerneinheiten achtest, kannst Du Langeweile vermeiden und Dich mit den verschiedensten Spezialisierungsm\u00f6glichkeiten innerhalb deines Fachs auseinandersetzen.<\/li>\n<li>Dies setzt jedoch eine gute Stoffeinteilung voraus.<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<details open=\"open\">\n<summary>Aufmerksamkeitsf\u00f6rdernde \u00dcbungen durchf\u00fchren<\/summary>\n<ol>\n<li>Einleitend habe ich erw\u00e4hnt, dass AD(H)S-typische Probleme in Organisation und Verhaltensregulation u. a. mit geringerer Aktivit\u00e4t des Frontallappens korrelieren.<\/li>\n<li>Nimmt man hier eine Kausalit\u00e4t an, w\u00fcrde eine \u201eSt\u00e4rkung\u201c des Frontallappens zu einer Besserung f\u00fchren.<\/li>\n<li>Dies k\u00f6nnte durch \u201eAufmerksamkeitsf\u00f6rdernde \u00dcbungen\u201c gelingen, insbesondere Yoga und Meditation.<\/li>\n<li>Diese k\u00f6nnen sehr gut in die t\u00e4gliche Routine integriert werden und in die t\u00e4gliche To-do-Liste mit aufgenommen werden<\/li>\n<\/ol>\n<\/details>\n<div class=\"textbox textbox--examples\">\n<header class=\"textbox__header\">\n<p class=\"textbox__title\">Wirksamkeit<\/p>\n<\/header>\n<div class=\"textbox__content\">\n<p>Die Wirksamkeit dieser Ma\u00dfnahmen ist empirisch bisher nicht eindeutig nachweisbar und deshalb umstritten. Der angenommene Wirkmechanismus entspringt lediglich meinem laienhaften Verst\u00e4ndnis. Dennoch wollte ich diesen Punkt hier anf\u00fchren, da viele Menschen aus meinem Umfeld sowie ich selbst sehr davon profitieren konnten. Einen Versuch k\u00f6nnte es also trotzdem wert sein.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<h3>\u00dcber Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten im Studium informieren<\/h3>\n<p>Nun kommen wir zum letzten und wahrscheinlich wichtigsten Punkt dieser Brosch\u00fcre: Scheue Dich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen! Stigma und Scham verkomplizieren diesen wichtigen Schritt h\u00e4ufig. Oft hilft es bereits, offen \u00fcber die mit AD(H)S einhergehenden Herausforderungen im Studium zu reden: mit Freunden, Familie, Kommilitonen, oder \u2013 und damit w\u00e4ren wir beim letzten Teil der Brosch\u00fcre \u2013 professionellen Anlaufstellen, wie z. B. der Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS).<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--examples\">\n<header class=\"textbox__header\">\n<p class=\"textbox__title\">Studieren mit einer Behinderung: H\u00e4ufigkeit<\/p>\n<\/header>\n<div class=\"textbox__content\">\n<p>Mit einer Behinderung zu studieren ist keine Seltenheit. Knapp 11% aller Studierenden in Deutschland studieren mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung. Dabei ist die Gruppe der ratsuchenden Studierenden heterogen. Studierende mit AD(H)S gaben in einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig an, dass sich ihre Beeintr\u00e4chtigung st\u00e4ndig im Studienalltag auswirkt, insgesamt 67% (Vgl. Deutsches Studentenwerk 2016, 2018).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Eines der prim\u00e4ren Dienstleistungsbereiche der KIS ist die Beratung von Studieninteressierten und Studierenden mit Beeintr\u00e4chtigung. F\u00fcr Studierende mit AD(H)S k\u00f6nnen sich beispielsweise zu Themen wie Zulassung zum Studium, Erstellen eines Lehrplans, Hilfsmittel, Nachteilsausgleich, Externe St\u00f6rfaktoren oder Studienverlaufsplanung Beratungs- und Informationsbedarfe ergeben.<\/p>\n<ol>\n<li>Zulassung zum Studium<\/li>\n<li>Diagnose von AD(H)S<\/li>\n<li>Erstellen eines Lehrplans<\/li>\n<li>Hilfsmittel<\/li>\n<li>Nachteilsausgleich im Pr\u00fcfungsverfahren und Studium<\/li>\n<li>Externe St\u00f6rfaktoren im Studium<\/li>\n<li>Studienverlaufsplan<\/li>\n<li>Sinnvolle Zeiteinteilung<\/li>\n<\/ol>\n<p>In Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention ist der Anspruch auf inklusive Bildung durch Einbeziehung des Rechts auf lebenslanges Lernen verankert. Hier wird unter anderem das Sicherstellen von \u201eangemessenen Vorkehrungen\u201c festgeschrieben. Dies ist beispielsweise dann notwendig, wenn individuell und situationsbezogene beeintr\u00e4chtigungsbedingte Nachteile w\u00e4hrend des Studiums entstehen (vgl. IBS 2013, 92f.).<\/p>\n<p>F\u00fcr Studierende mit AD(H)S k\u00f6nnen Konzentrationsschwierigkeiten, erh\u00f6hte Ablenkbarkeit, Probleme beim Setzen von Priorit\u00e4ten und eine beeintr\u00e4chtigte Selbstorganisation besonders herausfordernd sein. Angesichts dieser Auswirkungen einer AD(H)S stellen die Anforderungen des Studiums f\u00fcr ADHS-Betroffene eine ungleich h\u00f6here Belastung dar als f\u00fcr nicht Betroffene. Um dies zu kompensieren, k\u00f6nnen Studierende sogenannte Nachteilsausgleiche beantragen und somit ihrem Studium bedarfsgerecht(er) nachgehen. Eine m\u00f6gliche Anpassung im Pr\u00fcfungsverfahren kann zum Beispiel das Absolvieren der Pr\u00fcfung in einem separaten Raum sein, um externe St\u00f6rfaktoren zu minimieren. Auch das Einrichten von Pausen w\u00e4hrend der Pr\u00fcfung kann sinnvoll und angemessen sein. Eine individuelle Studiengestaltung durch die Reduzierung der Semesterwochenstunden ist ebenfalls eine sinnvolle Ma\u00dfnahme, um beeintr\u00e4chtigungsbedingte Nachteile zu kompensieren. Allgemeine Informationen zum Instrument des Nachteilsausgleiches k\u00f6nnen der Informationsbrosch\u00fcre hierzu entnommen werden: <a href=\"https:\/\/www.uni-wuerzburg.de\/chancengleichheit\/kis\/nachteilsausgleich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.uni-wuerzburg.de\/chancengleichheit\/kis\/nachteilsausgleich\/<\/a><\/p>\n<p>Neben dem k\u00f6nnen, wie oben genannt, auch Unterst\u00fctzungsbedarfe entstehen, welche sich nicht ausschlie\u00dflich durch einen Nachteilsausgleich kompensieren lassen. Welche Ma\u00dfnahmen ben\u00f6tigt werden und in welcher Form m\u00f6gliche Studienerschwernisse reduziert werden k\u00f6nnen, ist immer individuell zu pr\u00fcfen. Deshalb wird eine Beratung durch die KIS eindringlich empfohlen. Zus\u00e4tzlich zum Nachteilsausgleich kann auch die Begleitung durch eine Studienassistenz in Frage kommen. Die Studienassistenz unterst\u00fctzt Studierende mit AD(H)S z. B. bei der Erstellung eines Lern- und\/oder Stundenplans.<\/p>\n<h3>LITERATURVERZEICHNIS<\/h3>\n<ul>\n<li>Cao, Miao; Shu, Ni; Cao, Qingjiu; Wang, Yufeng; He, Yong (2014): Imaging functional and structural brain connectomics in attention-deficit\/hyperactivity disorder. In: Molecular neurobiology 50 (3), S. 1111-1123. DOI: 10.1007\/s12035-014-8685-x.<\/li>\n<li>Deutsches Studentenwerk (Hrsg.) (2016): 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Berlin.<\/li>\n<li>Deutsches Studentenwerk (Hrsg.) (2018): beeintr\u00e4chtigt studieren \u2013 best2. Datenerhebung zur Situation Studierender mit Behinderung und chronischer Krankheit 2016\/17. Berlin.<\/li>\n<li>Huber, Matthias; Krause, Sabine (Hrsg.) (2018): Bildung und Emotion. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-658-18589-3_12\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-658-18589-3_12<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\n<li>Kain, W.; Landerl, K.; Kaufmann, L. (2008): Komorbidit\u00e4t bei ADHS. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 156 (8), S. 757-767. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.springermedizin.de\/komorbiditaet-bei-adhs\/8047848\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.springermedizin.de\/komorbiditaet-bei-adhs\/8047848<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\n<li>Lachenmeier, Heiner (2014): Selbstwertwahrnehmung bei ADHS Erwachsener. In: SWISS ARCHIVES OF NEUROLOGY AND PSYCHIATRY (165 (2)), S. 47-53. Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/www.istdp.ch\/de\/node\/500\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.istdp.ch\/de\/node\/500<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026.<\/li>\n<li>M\u00fcller, Sandra Verena &amp; Klein, Tilmann (2019): Diagnostik und Therapie von exekutiven Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen. <span style=\"text-align: initial;font-size: 14pt\">Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/030-125l_S2e_LL_Diagnostik-Therapie-exekutive-Dysfunktionen_2024-12-abgelaufen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/register.awmf.org\/assets\/guidelines\/030-125l_S2e_LL_Diagnostik-Therapie-exekutive-Dysfunktionen_2024-12-abgelaufen.pdf<\/a>. Letzter Aufruf: 13.04.2026<\/span><\/li>\n<li>Roy, Mandy (2014): Stigmatisierung der ADHS. In: DNP-Der Neurologe und Psychiater 15 (6), S. 31. DOI: 10.1007\/s15202-014-0778-x.<\/li>\n<li>Sj\u00f6wall, Douglas; Roth, Linda; Lindqvist, Sofia; Thorell, Lisa B. (2013): Multiple deficits in ADHD: executive dysfunction, delay aversion, reaction time variability, and emotional deficits. In: Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines 54 (6), S. 619-627. DOI: 10.1111\/jcpp.12006.<\/li>\n<li>Ward, Jamie (2020): The student&#8217;s guide to cognitive neuroscience. Fourth edition. London, New York: Routledge Taylor &amp; Francis Group.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>IMPRESSUM<\/h3>\n<p>V.i.S.d.P: Universit\u00e4t W\u00fcrzburg, Kontakt- und Informationsstelle f\u00fcr Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS)<br \/>\nRedaktion: Tim Uhl, Nele Hallemann<br \/>\nStand: Oktober 2022<br \/>\nMit freundlicher Unterst\u00fctzung: Sandra M\u00f6lter M.A. | Leiterin der KIS<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Version als PDF zum Download F\u00fcr wen sind diese Infos gedacht? Leitfaden von Betroffenen f\u00fcr Betroffene Diese Brosch\u00fcre richtet sich an Studentinnen und Studenten mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (ADHS) und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), die aufgrund ihrer Symptomatik Schwierigkeiten bei der Bew\u00e4ltigung ihres Studiums haben. 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