{"id":72,"date":"2022-06-22T15:34:46","date_gmt":"2022-06-22T13:34:46","guid":{"rendered":"https:\/\/digital.hfh.ch\/assistenzleistungen\/?post_type=chapter&#038;p=72"},"modified":"2022-06-23T10:36:25","modified_gmt":"2022-06-23T08:36:25","slug":"erfahrungsbericht-durch-den-austausch-mit-einem-mitarbeitenden-palliativbeauftragten","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/digital.hfh.ch\/assistenzleistungen\/chapter\/erfahrungsbericht-durch-den-austausch-mit-einem-mitarbeitenden-palliativbeauftragten\/","title":{"raw":"Erfahrungsbericht durch den Austausch mit einem Mitarbeitenden\/ Palliativbeauftragten","rendered":"Erfahrungsbericht durch den Austausch mit einem Mitarbeitenden\/ Palliativbeauftragten"},"content":{"raw":"Ich arbeite in einer diakonischen Stiftung, die zahlreiche Einrichtungen unterh\u00e4lt. In dieser Stiftung gibt es verschiedene Bereiche. Ich bin im Bereich \u201aWohnen und Assistenz\u2018 t\u00e4tig und bin Betreuender von acht Menschen mit Komplexen Beeintr\u00e4chtigungsformen. Diese Klient:innenleben in einer station\u00e4ren Wohngruppe, welche gleicherma\u00dfen das Zuhause dieser Menschen ist. Geistige Beeintr\u00e4chtigungsformen sind Grundvoraussetzung f\u00fcr die Aufnahme im station\u00e4ren Wohnen unserer Einrichtung. Auf mehreren Wohngruppen leben Menschen mit geistigen Beeintr\u00e4chtigungen, die leichter oder schwerer ausgepr\u00e4gt sein k\u00f6nnen. Es gibt Menschen, die ihre W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse offen \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, aber auch Menschen, die gar nicht in der Lage sind, diese W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse verbal zu kommunizieren. Daher unterliegt die allt\u00e4gliche p\u00e4dagogische Arbeit einem sehr breiten Spektrum in Bezug auf den jeweiligen Assistenzbedarf. Die Arbeit in der Wohngruppe, in der ich arbeite, ist von einem sehr hohen Assistenzbedarf gepr\u00e4gt. Die Menschen, die dort leben, haben meist schwerwiegende geistige Beeintr\u00e4chtigung in Kombination mit schweren k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungsformen. Es ist demnach eine gro\u00dfe Herausforderung, die Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche der einzelnen Menschen zu erkennen und im Interesse der Klient:Innen zu befriedigen und ihnen in dieser Hinsicht bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags in den verschiedensten Formen zu assistieren. Menschen, die zu uns in die Wohngruppe ziehen, kommen h\u00e4ufig aus selbstbestimmteren Wohnformen, bei denen ein geringer Assistenzbedarf besteht.\r\n\r\nAufgrund sich \u00e4ndernder Lebenssituationen oder Krankheiten, die einen erh\u00f6hten Assistenzbedarf dieser Menschen zur Folge haben, werden sie bei uns betreut. H\u00e4ufig ist es so, dass diese Menschen dann ihr weiteres Leben bei uns in der Wohngruppe verbringen. Der Umgang und die Arbeit mit dem Tod und mit der Sterbebegleitung haben daher einen hohen Stellenwert, da oft auch ein Zeitraum absehbar ist, in dem diese Menschen versterben werden.\r\n\r\nDie Stiftung hat es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, sich in diesem Bereich neu aufzustellen und personelle und finanzielle Ressourcen zu schaffen. Das Thema Sterbebegleitung soll ein zentraler Pfeiler der p\u00e4dagogischen Arbeit mit den Menschen, die bei uns leben, sein.\r\n\r\nDie Stiftung setzt sich als oberstes Leitziel, dass jeder Mensch, der in einer Wohnform bei uns lebt, das Recht haben soll, zu Hause zu sterben.\r\n\r\nSeit ca. 3 \u00bd Jahren bietet der Tr\u00e4ger Mitarbeitenden an, sich nach dem Ansatz von Palliativ Care ausbilden zu lassen. Hierzu war es vorgesehen, dass jeweils ein Mitarbeitender pro Einrichtung der Stiftung geschult wird. Deshalb besuchten zun\u00e4chst etwa 25 Mitarbeitende ein solches Seminar, welches sich \u00fcber 5 Wochen erstreckte. Fachlich erworbene Kompetenzen dieser Mitarbeitenden wurden dann durch diese in die einzelnen Einrichtungen getragen. Da die Ans\u00e4tze und Umsetzungen doch recht verschiedenartig angegangen wurden, wurde fortan einmal pro Quartal ein gro\u00dfer Qualit\u00e4tszirkel einberufen. In diesem Qualit\u00e4tszirkel sollten die geschulten Mitarbeitenden von ihren Erfahrungen aus den einzelnen Einrichtungen in Bezug auf die umgesetzte Sterbebegleitungen berichten und sich austauschen. Dies geschieht, um wachsende Qualit\u00e4tsstandards in Bezug auf die Sterbebegleitung und die Assistenz am Lebensende zu etablieren.\r\n\r\nIn weiteren Schritten wurde herausgearbeitet, dass es pro Einrichtung eine Person geben muss, die seelsorgerisch t\u00e4tig und hauspalliativ betreuend wirkt. Hierzu wurden Informationsveranstaltungen f\u00fcr die einzelnen Mitarbeitenden durch die zwei Palliativ Care Beauftragten unserer Einrichtung durchgef\u00fchrt.\r\n<h2>Wie arbeiten die palliativ Beauftragten unserer Einrichtung<\/h2>\r\nDas geschulte Personal f\u00fchrt fachliche Informationsveranstaltungen f\u00fcr Mitarbeitende durch. Im Falle einer anstehenden Sterbebegleitung werden fachlich und p\u00e4dagogisch notwendige und hilfreiche Informationen an die Mitarbeitenden getragen. Diese Palliativ Beauftragten haben eine anleitende und aktiv unterst\u00fctzende Funktion beim Prozess der Sterbebegleitung. Sofern dies gew\u00fcnscht wird, treten sie in diesem Zusammenhang mit den gesetzlichen Betreuer:innen in Kontakt, um Betroffene und Mitarbeitende der Wohngruppen bestm\u00f6glich zu begleiten. Arzttermine werden, wenn es dem Wunsch entspricht, ebenfalls durch die Beauftragten begleitet. Die Beauftragten stellen die Kontakte zu ortsans\u00e4ssigen ambulanten Hospizdiensten her, welche im Idealfall ebenfalls den Prozess am Lebensende der einzelnen Bewohner:innen mitbegleiteten.\r\n\r\nEbenso wurde die M\u00f6glichkeit geschaffen, eine \u00abspezialisierte-ambulante-palliative-Versorgung\u00bb (sapV) in besonders schweren F\u00e4llen zu konsultieren und hinzuzuziehen. Die Versorgung wird notwendig, wenn die Betroffenen besondere pflegerische Begleitung ben\u00f6tigen. Das oberste Ziel ist es, eine angemessene Schmerzmittelversorgung sicherzustellen, damit die Betroffenen kein erh\u00f6htes Leiden versp\u00fcren m\u00fcssen. Daher wurde sich im Zuge dieses wandelnden Prozesses auch darauf geeinigt, dass auch p\u00e4dagogisches Fachpersonal (welches in der Regel nur pflegerische Assistenz mit nicht pflegerischer Fachkenntnis leistet) auch subkutane Injektionen in besonderen Situationen verabreichen darf, um eine angemessene Schmerzmittelversorgung durch die Betreuenden der Wohngruppe zu gew\u00e4hrleisten.\r\n<h2>Derzeitige M\u00f6glichkeiten der Sterbebegleitung und prozesshafte Neuerungen die bereits angefangen haben<\/h2>\r\n<h3>Verf\u00fcgungen\/ Patientenverf\u00fcgungen<\/h3>\r\nGegenw\u00e4rtig dreht sich das Gros der palliativen Arbeit noch um die M\u00f6glichkeit der Patientenverf\u00fcgung in unserer Einrichtung, wenn gleich bereits neue Wege und Schritte parallel erprobt werden, um zeitnah qualitativ angemessen Umsetzung zu finden. Sofern die Betroffenen aussagef\u00e4hig sind, werden sie selbstverst\u00e4ndlich aktiv in den Prozess miteinbezogen. Ansonsten kommt es auf die Erfahrungen der Akteure aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen an, um eine bed\u00fcrfnisorientierte Verf\u00fcgung in diesem Bereich zu verfassen. Gemeinsam mit der gesetzlichen Betreuung, den Betreuenden aus dem Wohnumfeld, dem Hausarzt, den Seelsorger:innen, dem Psychologen, dem bei uns auf dem Gel\u00e4nde ans\u00e4ssigen sozialen Dienst und m\u00f6glichen weiteren Angeh\u00f6rigen k\u00f6nnen Patientenverf\u00fcgungen oder auch palliative Notfallb\u00f6gen erstellt werden. Hierbei werden verschiedene Angelegenheiten rechtlich geregelt. Zum Beispiel wird dort erw\u00e4hnt, welche Medikamente unter welchen Voraussetzungen verabreicht werden k\u00f6nnen, bei welchen Symptomen welche Medikamente empfohlen werden und bei welchen Symptomen der Betroffene nicht mehr ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.\r\n\r\nHierbei soll nach dem obersten Leitziel geregelt werden, dass die jeweiligen palliativ zu Betreuenden in ihrem Wohnumfeld versterben k\u00f6nnen, ohne dass sie dabei Qualen erleiden m\u00fcssen.\r\n<h3>Fallkonferenzen<\/h3>\r\nEine weitere M\u00f6glichkeit befindet sich aktuell in der Erprobungsphase und wird demn\u00e4chst auch zu einem festen Bestandteil unserer palliativen Arbeit werden. Diese M\u00f6glichkeit wird durch die Einrichtung als Fallkonferenz in einem 7-Schritte Dialog bezeichnet. Hierbei werden ethische Fragstellungen im Dialog erarbeitet, um in sieben Schritten zu einer bed\u00fcrfnisorientierten Entscheidung zu kommen.\r\n\r\nFalls Klient:innen wegen der Schwere ihrer Beeintr\u00e4chtigungen nicht das Bed\u00fcrfnis haben, \u00fcber ihre W\u00fcnsche im anstehenden palliativen Prozess zu sprechen, wird dieser Prozess durchlaufen. Der Rahmen soll einen ganzheitlichen Blick auf die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse der einzelnen Klient:innen richten, um diese m\u00f6glichst nahe an den Bed\u00fcrfnissen, in Bezug auf eine anstehende und durchzuf\u00fchrende Assistenz am Lebensende, umzusetzen. Das hei\u00dft, dass in naher Zukunft jeder betroffenen Person, die in eine Sterbebegleitung kommt, dieser Prozess zu Teil wird. In den Fallkonferenzen steht der einzelne Mensch im Fokus. Alle Menschen, die im Sozialgef\u00fcge der jeweiligen Person angebunden sind, oder angebunden waren, zu denen aber noch Zugang besteht, sollen an den Konferenzen teilnehmen. Die Konferenzen werden durch gezielt daf\u00fcr ausgebildete Moderator:innen geleitet.\r\n\r\nDie ethische Fallbesprechung beginnt mit einer Begr\u00fc\u00dfung; dem Grund f\u00fcr die Besprechung; kurze Vorstellung aller anwesenden Personen und in welchen Beziehungen sie zu der jeweiligen Person, die palliativ begleitet werden soll, stehen.\r\n<h4>Schritt 1: Beschreibung der jeweiligen Klient:innen<\/h4>\r\ngemeinsames Sammeln und Sortieren von Informationen nach den Aspekten:\u00a0Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Betroffenen; der\/die Moderator:in achtet darauf, dass Interpretationen nicht Bestandteil dieses Schrittes sind. Folgende Fragstellungen k\u00f6nnen eine strukturierte Sammlung der Informationen erm\u00f6glichen: Informationen zur Biografie; Medizinischer-pflegerischer Sachverhalt; Ich-Du-Beziehungen; Fachwissen und Lebenserfahrung der Teilnehmenden; weitere Fragen \u00fcber den Sachverhalt.\r\n<h4>Schritt 2: Was ist unser ethischer Konflikt?<\/h4>\r\nDieser Schritt beinhaltet den Fokus auf die ethischen Grundprinzipien F\u00fcrsorge in Verh\u00e4ltnis zu Autonomie: etwas Gutes zu bewirken; den jeweiligen Klient:innen nicht zu schaden; Gerechtigkeit; Im Anschluss wird das Problem benannt.\r\n<h4>Schritt 3: Sammlung von Handlungsm\u00f6glichkeiten<\/h4>\r\nBenennung von Handlungsm\u00f6glichkeiten durch die einzelnen Teilnehmenden; Ideen werden auf Moderationskarten geschrieben; mind. drei Ideen pro Teilnehmer:in, auch wenn die Handlungsm\u00f6glichkeiten erst einmal unrealistisch erscheinen.\r\n<h4>Schritt 4: Zuordnung zu den ethischen Grundprinzipien<\/h4>\r\nVor- und Nachteile der Handlungsm\u00f6glichkeiten werden betrachtet und den ethischen Grundprinzipien zugeordnet; Optionen, die unrealistisch oder rechtlich nicht erlaubt sind, werden bei diesem Prozess herausgefiltert.\r\n<h4>Schritt 5: Zuordnung der Handlungsm\u00f6glichkeiten zu den jeweiligen Grundprinzipien sowie die Einbettung der Kategorien Selbst- und Fremdbestimmung.<\/h4>\r\nDie Selbstbestimmung spielt der Fremdbestimmung gegen\u00fcber immer die gewichtigere Rolle, um eine sp\u00e4tere Abfolge der jeweiligen Handlungsm\u00f6glichkeiten zu erstellen.\r\n<h4>Schritt 6: Eine Entscheidung treffen<\/h4>\r\nAufgeschriebene Optionen werden nummeriert und in eine Reihenfolge gebracht. Die Option mit der geringsten Einschr\u00e4nkung in der Autonomie erh\u00e4lt normalerweise die Nummer 1. In der Regel liegen in der Mitte die Ma\u00dfnahmen, die die W\u00fcnsche der Klient:innen am wenigstens verletzen, solange der Wille nicht zu kl\u00e4ren ist oder gekl\u00e4rt werden konnte. Handlungsoptionen k\u00f6nnen nochmals wiederholt werden. Am Ende dieses Schrittes soll ein einheitlicher Konsens stehen.\r\n<h4>Schritt 7: Die Entscheidung wird umgesetzt<\/h4>\r\nDie Entscheidung wird durch das Fachpersonal umgesetzt und dennoch stetig in der Anwendung reflektiert und \u00fcberpr\u00fcft. Es gibt in gewissen Abst\u00e4nden Reflektionen in gesonderten Konferenzen.\r\n<h3>Spezialisierte Sterbevorsorge<\/h3>\r\nEin zus\u00e4tzlicher neuer Baustein der palliativen Arbeit wird eine spezialisierte Sterbevorsorge sein. Hierf\u00fcr wird zeitnah einer der Mitarbeitenden der Einrichtung eine spezielle Ausbildung ablegen. Ziel der Ausbildung ist der Erwerb von Fachkompetenzen im Bereich der Klient:innen - bezogenen Sterbevorsorge. Die geschulten Mitarbeitenden sollen demnach gemeinsam mit den Klient:innen, die dies w\u00fcnschen, Sterbevorsorgepapiere ausf\u00fcllen. Die Materialien werden ebenfalls in Einfacher Sprache verfasst, um Klient:innen mit verschiedenen kognitiven Voraussetzungen einen m\u00f6glichst barrierefreien Zugang zu dieser M\u00f6glichkeit zu gew\u00e4hren. Die Arbeitszeit f\u00fcr diesen Prozess wird h\u00f6chstwahrscheinlich von den Krankenkassen \u00fcbernommen, um so den jeweiligen Einrichtungen auch finanziell entgegenzukommen.\r\n\r\nZusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen, dass sich in dem Bereich Assistenz am Lebensende, in unserer Einrichtung viel getan hat. Der Prozess, palliative Arbeit zu leisten, wird stetig weiterentwickelt, um so den W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen der einzelnen Klient:innen nach und nach gerechter werden zu k\u00f6nnen.","rendered":"<p>Ich arbeite in einer diakonischen Stiftung, die zahlreiche Einrichtungen unterh\u00e4lt. In dieser Stiftung gibt es verschiedene Bereiche. Ich bin im Bereich \u201aWohnen und Assistenz\u2018 t\u00e4tig und bin Betreuender von acht Menschen mit Komplexen Beeintr\u00e4chtigungsformen. Diese Klient:innenleben in einer station\u00e4ren Wohngruppe, welche gleicherma\u00dfen das Zuhause dieser Menschen ist. Geistige Beeintr\u00e4chtigungsformen sind Grundvoraussetzung f\u00fcr die Aufnahme im station\u00e4ren Wohnen unserer Einrichtung. Auf mehreren Wohngruppen leben Menschen mit geistigen Beeintr\u00e4chtigungen, die leichter oder schwerer ausgepr\u00e4gt sein k\u00f6nnen. Es gibt Menschen, die ihre W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse offen \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, aber auch Menschen, die gar nicht in der Lage sind, diese W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse verbal zu kommunizieren. Daher unterliegt die allt\u00e4gliche p\u00e4dagogische Arbeit einem sehr breiten Spektrum in Bezug auf den jeweiligen Assistenzbedarf. Die Arbeit in der Wohngruppe, in der ich arbeite, ist von einem sehr hohen Assistenzbedarf gepr\u00e4gt. Die Menschen, die dort leben, haben meist schwerwiegende geistige Beeintr\u00e4chtigung in Kombination mit schweren k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungsformen. Es ist demnach eine gro\u00dfe Herausforderung, die Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche der einzelnen Menschen zu erkennen und im Interesse der Klient:Innen zu befriedigen und ihnen in dieser Hinsicht bei der Bew\u00e4ltigung des Alltags in den verschiedensten Formen zu assistieren. Menschen, die zu uns in die Wohngruppe ziehen, kommen h\u00e4ufig aus selbstbestimmteren Wohnformen, bei denen ein geringer Assistenzbedarf besteht.<\/p>\n<p>Aufgrund sich \u00e4ndernder Lebenssituationen oder Krankheiten, die einen erh\u00f6hten Assistenzbedarf dieser Menschen zur Folge haben, werden sie bei uns betreut. H\u00e4ufig ist es so, dass diese Menschen dann ihr weiteres Leben bei uns in der Wohngruppe verbringen. Der Umgang und die Arbeit mit dem Tod und mit der Sterbebegleitung haben daher einen hohen Stellenwert, da oft auch ein Zeitraum absehbar ist, in dem diese Menschen versterben werden.<\/p>\n<p>Die Stiftung hat es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, sich in diesem Bereich neu aufzustellen und personelle und finanzielle Ressourcen zu schaffen. Das Thema Sterbebegleitung soll ein zentraler Pfeiler der p\u00e4dagogischen Arbeit mit den Menschen, die bei uns leben, sein.<\/p>\n<p>Die Stiftung setzt sich als oberstes Leitziel, dass jeder Mensch, der in einer Wohnform bei uns lebt, das Recht haben soll, zu Hause zu sterben.<\/p>\n<p>Seit ca. 3 \u00bd Jahren bietet der Tr\u00e4ger Mitarbeitenden an, sich nach dem Ansatz von Palliativ Care ausbilden zu lassen. Hierzu war es vorgesehen, dass jeweils ein Mitarbeitender pro Einrichtung der Stiftung geschult wird. Deshalb besuchten zun\u00e4chst etwa 25 Mitarbeitende ein solches Seminar, welches sich \u00fcber 5 Wochen erstreckte. Fachlich erworbene Kompetenzen dieser Mitarbeitenden wurden dann durch diese in die einzelnen Einrichtungen getragen. Da die Ans\u00e4tze und Umsetzungen doch recht verschiedenartig angegangen wurden, wurde fortan einmal pro Quartal ein gro\u00dfer Qualit\u00e4tszirkel einberufen. In diesem Qualit\u00e4tszirkel sollten die geschulten Mitarbeitenden von ihren Erfahrungen aus den einzelnen Einrichtungen in Bezug auf die umgesetzte Sterbebegleitungen berichten und sich austauschen. Dies geschieht, um wachsende Qualit\u00e4tsstandards in Bezug auf die Sterbebegleitung und die Assistenz am Lebensende zu etablieren.<\/p>\n<p>In weiteren Schritten wurde herausgearbeitet, dass es pro Einrichtung eine Person geben muss, die seelsorgerisch t\u00e4tig und hauspalliativ betreuend wirkt. Hierzu wurden Informationsveranstaltungen f\u00fcr die einzelnen Mitarbeitenden durch die zwei Palliativ Care Beauftragten unserer Einrichtung durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<h2>Wie arbeiten die palliativ Beauftragten unserer Einrichtung<\/h2>\n<p>Das geschulte Personal f\u00fchrt fachliche Informationsveranstaltungen f\u00fcr Mitarbeitende durch. Im Falle einer anstehenden Sterbebegleitung werden fachlich und p\u00e4dagogisch notwendige und hilfreiche Informationen an die Mitarbeitenden getragen. Diese Palliativ Beauftragten haben eine anleitende und aktiv unterst\u00fctzende Funktion beim Prozess der Sterbebegleitung. Sofern dies gew\u00fcnscht wird, treten sie in diesem Zusammenhang mit den gesetzlichen Betreuer:innen in Kontakt, um Betroffene und Mitarbeitende der Wohngruppen bestm\u00f6glich zu begleiten. Arzttermine werden, wenn es dem Wunsch entspricht, ebenfalls durch die Beauftragten begleitet. Die Beauftragten stellen die Kontakte zu ortsans\u00e4ssigen ambulanten Hospizdiensten her, welche im Idealfall ebenfalls den Prozess am Lebensende der einzelnen Bewohner:innen mitbegleiteten.<\/p>\n<p>Ebenso wurde die M\u00f6glichkeit geschaffen, eine \u00abspezialisierte-ambulante-palliative-Versorgung\u00bb (sapV) in besonders schweren F\u00e4llen zu konsultieren und hinzuzuziehen. Die Versorgung wird notwendig, wenn die Betroffenen besondere pflegerische Begleitung ben\u00f6tigen. Das oberste Ziel ist es, eine angemessene Schmerzmittelversorgung sicherzustellen, damit die Betroffenen kein erh\u00f6htes Leiden versp\u00fcren m\u00fcssen. Daher wurde sich im Zuge dieses wandelnden Prozesses auch darauf geeinigt, dass auch p\u00e4dagogisches Fachpersonal (welches in der Regel nur pflegerische Assistenz mit nicht pflegerischer Fachkenntnis leistet) auch subkutane Injektionen in besonderen Situationen verabreichen darf, um eine angemessene Schmerzmittelversorgung durch die Betreuenden der Wohngruppe zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<h2>Derzeitige M\u00f6glichkeiten der Sterbebegleitung und prozesshafte Neuerungen die bereits angefangen haben<\/h2>\n<h3>Verf\u00fcgungen\/ Patientenverf\u00fcgungen<\/h3>\n<p>Gegenw\u00e4rtig dreht sich das Gros der palliativen Arbeit noch um die M\u00f6glichkeit der Patientenverf\u00fcgung in unserer Einrichtung, wenn gleich bereits neue Wege und Schritte parallel erprobt werden, um zeitnah qualitativ angemessen Umsetzung zu finden. Sofern die Betroffenen aussagef\u00e4hig sind, werden sie selbstverst\u00e4ndlich aktiv in den Prozess miteinbezogen. Ansonsten kommt es auf die Erfahrungen der Akteure aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen an, um eine bed\u00fcrfnisorientierte Verf\u00fcgung in diesem Bereich zu verfassen. Gemeinsam mit der gesetzlichen Betreuung, den Betreuenden aus dem Wohnumfeld, dem Hausarzt, den Seelsorger:innen, dem Psychologen, dem bei uns auf dem Gel\u00e4nde ans\u00e4ssigen sozialen Dienst und m\u00f6glichen weiteren Angeh\u00f6rigen k\u00f6nnen Patientenverf\u00fcgungen oder auch palliative Notfallb\u00f6gen erstellt werden. Hierbei werden verschiedene Angelegenheiten rechtlich geregelt. Zum Beispiel wird dort erw\u00e4hnt, welche Medikamente unter welchen Voraussetzungen verabreicht werden k\u00f6nnen, bei welchen Symptomen welche Medikamente empfohlen werden und bei welchen Symptomen der Betroffene nicht mehr ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.<\/p>\n<p>Hierbei soll nach dem obersten Leitziel geregelt werden, dass die jeweiligen palliativ zu Betreuenden in ihrem Wohnumfeld versterben k\u00f6nnen, ohne dass sie dabei Qualen erleiden m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Fallkonferenzen<\/h3>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit befindet sich aktuell in der Erprobungsphase und wird demn\u00e4chst auch zu einem festen Bestandteil unserer palliativen Arbeit werden. Diese M\u00f6glichkeit wird durch die Einrichtung als Fallkonferenz in einem 7-Schritte Dialog bezeichnet. Hierbei werden ethische Fragstellungen im Dialog erarbeitet, um in sieben Schritten zu einer bed\u00fcrfnisorientierten Entscheidung zu kommen.<\/p>\n<p>Falls Klient:innen wegen der Schwere ihrer Beeintr\u00e4chtigungen nicht das Bed\u00fcrfnis haben, \u00fcber ihre W\u00fcnsche im anstehenden palliativen Prozess zu sprechen, wird dieser Prozess durchlaufen. Der Rahmen soll einen ganzheitlichen Blick auf die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse der einzelnen Klient:innen richten, um diese m\u00f6glichst nahe an den Bed\u00fcrfnissen, in Bezug auf eine anstehende und durchzuf\u00fchrende Assistenz am Lebensende, umzusetzen. Das hei\u00dft, dass in naher Zukunft jeder betroffenen Person, die in eine Sterbebegleitung kommt, dieser Prozess zu Teil wird. In den Fallkonferenzen steht der einzelne Mensch im Fokus. Alle Menschen, die im Sozialgef\u00fcge der jeweiligen Person angebunden sind, oder angebunden waren, zu denen aber noch Zugang besteht, sollen an den Konferenzen teilnehmen. Die Konferenzen werden durch gezielt daf\u00fcr ausgebildete Moderator:innen geleitet.<\/p>\n<p>Die ethische Fallbesprechung beginnt mit einer Begr\u00fc\u00dfung; dem Grund f\u00fcr die Besprechung; kurze Vorstellung aller anwesenden Personen und in welchen Beziehungen sie zu der jeweiligen Person, die palliativ begleitet werden soll, stehen.<\/p>\n<h4>Schritt 1: Beschreibung der jeweiligen Klient:innen<\/h4>\n<p>gemeinsames Sammeln und Sortieren von Informationen nach den Aspekten:\u00a0Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Betroffenen; der\/die Moderator:in achtet darauf, dass Interpretationen nicht Bestandteil dieses Schrittes sind. Folgende Fragstellungen k\u00f6nnen eine strukturierte Sammlung der Informationen erm\u00f6glichen: Informationen zur Biografie; Medizinischer-pflegerischer Sachverhalt; Ich-Du-Beziehungen; Fachwissen und Lebenserfahrung der Teilnehmenden; weitere Fragen \u00fcber den Sachverhalt.<\/p>\n<h4>Schritt 2: Was ist unser ethischer Konflikt?<\/h4>\n<p>Dieser Schritt beinhaltet den Fokus auf die ethischen Grundprinzipien F\u00fcrsorge in Verh\u00e4ltnis zu Autonomie: etwas Gutes zu bewirken; den jeweiligen Klient:innen nicht zu schaden; Gerechtigkeit; Im Anschluss wird das Problem benannt.<\/p>\n<h4>Schritt 3: Sammlung von Handlungsm\u00f6glichkeiten<\/h4>\n<p>Benennung von Handlungsm\u00f6glichkeiten durch die einzelnen Teilnehmenden; Ideen werden auf Moderationskarten geschrieben; mind. drei Ideen pro Teilnehmer:in, auch wenn die Handlungsm\u00f6glichkeiten erst einmal unrealistisch erscheinen.<\/p>\n<h4>Schritt 4: Zuordnung zu den ethischen Grundprinzipien<\/h4>\n<p>Vor- und Nachteile der Handlungsm\u00f6glichkeiten werden betrachtet und den ethischen Grundprinzipien zugeordnet; Optionen, die unrealistisch oder rechtlich nicht erlaubt sind, werden bei diesem Prozess herausgefiltert.<\/p>\n<h4>Schritt 5: Zuordnung der Handlungsm\u00f6glichkeiten zu den jeweiligen Grundprinzipien sowie die Einbettung der Kategorien Selbst- und Fremdbestimmung.<\/h4>\n<p>Die Selbstbestimmung spielt der Fremdbestimmung gegen\u00fcber immer die gewichtigere Rolle, um eine sp\u00e4tere Abfolge der jeweiligen Handlungsm\u00f6glichkeiten zu erstellen.<\/p>\n<h4>Schritt 6: Eine Entscheidung treffen<\/h4>\n<p>Aufgeschriebene Optionen werden nummeriert und in eine Reihenfolge gebracht. Die Option mit der geringsten Einschr\u00e4nkung in der Autonomie erh\u00e4lt normalerweise die Nummer 1. In der Regel liegen in der Mitte die Ma\u00dfnahmen, die die W\u00fcnsche der Klient:innen am wenigstens verletzen, solange der Wille nicht zu kl\u00e4ren ist oder gekl\u00e4rt werden konnte. Handlungsoptionen k\u00f6nnen nochmals wiederholt werden. Am Ende dieses Schrittes soll ein einheitlicher Konsens stehen.<\/p>\n<h4>Schritt 7: Die Entscheidung wird umgesetzt<\/h4>\n<p>Die Entscheidung wird durch das Fachpersonal umgesetzt und dennoch stetig in der Anwendung reflektiert und \u00fcberpr\u00fcft. Es gibt in gewissen Abst\u00e4nden Reflektionen in gesonderten Konferenzen.<\/p>\n<h3>Spezialisierte Sterbevorsorge<\/h3>\n<p>Ein zus\u00e4tzlicher neuer Baustein der palliativen Arbeit wird eine spezialisierte Sterbevorsorge sein. Hierf\u00fcr wird zeitnah einer der Mitarbeitenden der Einrichtung eine spezielle Ausbildung ablegen. Ziel der Ausbildung ist der Erwerb von Fachkompetenzen im Bereich der Klient:innen &#8211; bezogenen Sterbevorsorge. Die geschulten Mitarbeitenden sollen demnach gemeinsam mit den Klient:innen, die dies w\u00fcnschen, Sterbevorsorgepapiere ausf\u00fcllen. Die Materialien werden ebenfalls in Einfacher Sprache verfasst, um Klient:innen mit verschiedenen kognitiven Voraussetzungen einen m\u00f6glichst barrierefreien Zugang zu dieser M\u00f6glichkeit zu gew\u00e4hren. Die Arbeitszeit f\u00fcr diesen Prozess wird h\u00f6chstwahrscheinlich von den Krankenkassen \u00fcbernommen, um so den jeweiligen Einrichtungen auch finanziell entgegenzukommen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen, dass sich in dem Bereich Assistenz am Lebensende, in unserer Einrichtung viel getan hat. Der Prozess, palliative Arbeit zu leisten, wird stetig weiterentwickelt, um so den W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen der einzelnen Klient:innen nach und nach gerechter werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich arbeite in einer diakonischen Stiftung, die zahlreiche Einrichtungen unterh\u00e4lt. In dieser Stiftung gibt es verschiedene Bereiche. Ich bin im Bereich \u201aWohnen und Assistenz\u2018 t\u00e4tig und bin Betreuender von acht Menschen mit Komplexen Beeintr\u00e4chtigungsformen. Diese Klient:innenleben in einer station\u00e4ren Wohngruppe, welche gleicherma\u00dfen das Zuhause dieser Menschen ist. 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